Mapping the Invisible

Dass das Thema Roma in aller Öffentlichkeit steht, mag derzeit an der Politik einiger europäischer Staaten liegen. Jedoch gibt es auch eine positive und konstruktive Art mit dieser Thematik umzugehen, wie der Bildband Mapping the Invisible EU-Roma Gypsies zeigt.

Die von Lucy Orta gesammelte und dieses Jahr erschienene Collage erzählt nicht nur von den attraktiven Aspekten der Roma Kultur, sondern stellt auch ihre prekäre Lebenssituation dar. Das darin beschriebene Projekt EU-Roma fand 2008 seinen Beginn mit dem Vorhaben, durch Europa zu reisen, verschiedenste Eindrücke über die Roma Bevölkerung zu sammeln und ihre Lebensweisen zu erforschen.

Über zwei Jahre hinweg kamen Mitschaffende aus unterschiedlichen Ländern hinzu und erweiterten den Blickwinkel. Letztendlich entstand eine Gruppe aus KünstlerInnen, SoziologInnen, AktivistInnen verschiedener non-profit Organisationen und anderen, um den Versuch der Bildung eines neuen Bewusstseins anzutreten.



Von Genozid, Slums und Stromkabeln

Das erste der insgesamt fünf Kapitel befasst sich mit der Geschichte der Roma und der Bedeutung für sie, ihre Herkunft zu kennen. Autor Thomas Acton hat sich über 40 Jahre mit der Geschichte der Roma beschäftigt. In seinem Beitrag versucht er der Frage nach zu gehen, ob Modernität den Feind der Roma Kultur darstellt. Er diskutiert, inwiefern die reiche Tradition der Roma ausschlaggebend für das Überleben der zahlreichen in der Geschichte dokumentierten Genozidversuche war. Im zweiten Kapitel werden einige Slums vorgestellt, die die Nichteinhaltung der Menschenrechte anschaulich zeigen. Miercurea ist eine Stadt in Rumänien, in der 42.000 Menschen leben, davon 14% Roma, 82% Ungarn und 4% Rumänen. Für mehrere von Roma bewohnte Gebäude im Stadtinneren wurde ein Gutachten über den Zustand der Häuser beantragt. Wegen der für die HausbesitzerInnen unwirtschaftlichen Situation wurden alle BewohnerInnen in Slums an den Stadtrand zwangsübersiedelt. Dort gibt es nun für die rund 800 Menschen nur eine Wasserquelle, die Zufahrtsstraße ist kaum befahrbar und Kinder spielen mit Stromkabeln, die nicht oder nur schlecht isoliert sind. Im knapp 200-seitigen englischsprachigen Bildband werden weitere Slums in Italien, Griechenland, Ungarn und Rumänien porträtiert. Vorwiegend befinden sich diese Roma-Siedlungen innerhalb und am Stadtrand großer Ballungszentren wie Rom, Turin und Athen.

Was man nicht sieht, gibt es nicht

Der großen Problematik Armut wird ein eigenes Kapitel gewidmet. Nach dem Fall des Kommunismus hat sich viel verändert, so Catalin Berescu. Damals hatten Roma das gleiche Recht auf Erfüllung der Grundbedürfnisse wie Menschen anderer Herkunft auch. Sie waren in das Sozialsystem integriert, hatten Arbeit und die Chance auf Bildung sowie die Möglichkeit, eine billige Wohnung zu erhalten. Wenn in der Gegenwart über den Kommunismus in dieser Art gesprochen wird, gilt man als nostalgischer Kommunist. Eine Kehrseite zur damalig angeblich guten Situation stellt der Versuch dar, Roma sesshaft zu machen. Durch Integration verloren sie ihre Identität, eine Tatsache, die dazu führte, dass heute nur noch die Hälfte der ursprünglichen Roma-Bevölkerung Romanes spricht. Die derzeitige urbane Armut verdeutlicht sich vor allem in den Slums und definiert sich durch segregierte Enklaven, denen es an notwendigen Grundnahrungsmitteln durch schlechte Anbindung fehlt, die von den Behörden abgeschirmt und wie Gefängnisse gesichert sind. Roma werden geradezu unsichtbar gemacht, damit sich niemand mit ihnen und ihren Problemen auseinandersetzen muss.

Das vierte Kapitel erzählt von der vielfältigen und kreativen Weise, wie Roma ihre Unterkünfte und Behausungen errichten, von ihrem handwerklichen Können und künstlerischem Schaffen. Ein kleiner Einblick in die hierarchische Familienstruktur der Roma wird im letzten Kapitel gewährt.

Ein Resümee

Roma leben seit über 800 Jahren in Europa, es gibt ca. 10 Millionen Roma verteilt auf alle europäischen Staaten. Da könnte man meinen, dass sie das Recht auf Anerkennung haben. Leider ist das Gegenteil der Fall: Roma leben unter menschenunwürdigen Umständen, sie sind Opfer von Segregation und leiden seit jeher an Repression.

Der Bildband möchte eine Übersicht der in Europa lebenden Roma Bevölkerung schaffen. Er soll außerdem ein Bewusstsein für die Problematik, mit der sich Europa konfrontiert sieht, in der Gesellschaft hervorrufen. Durch Kunst versuchen die AutorInnen und FotografInnen der gelungenen Fotokollektion, die Diversität der Kultur zu demonstrieren. Das Buch schafft es, Empathie und Interesse für die größte Minderheit Europas zu wecken.



Lucy Orta (Hrsg. 2010): Mapping the Invisible/EU-Roma Gypsies. London/UK: 2010 Black Dog Publishing Limited, ISBN: 978-1-906155-91-9



Die Autorin studiert Volkswirtschaft und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Globale Ungleichheiten, Buchrezensionen, Themen.