Der Sammelband „Kapitalistische Entwicklung in Nord und Süd“ wurde im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek“ am 18.Oktober 2007 in der Bibliothek der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) vorgestellt.

Die Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung
(ÖFSE) veranstaltete in Kooperation mit dem Mandelbaum Verlag eine
Podiumsdiskussion, bei der Joachim Becker (Autor und Mitherausgeber)
und Ulrich Brand (Autor) die Themen der einzelnen Beiträge skizzierten
und auf Fragen aus dem Publikum eingingen."Kapitalistische Entwicklung in Nord und Süd ist ungleiche Entwicklung." Dieser erste Satz des Buches ist Ausgangspunkt für die Betrachtungen in diesem Sammelband. Zu Beginn der Präsentation berichtete Joachim Becker, Institut für Außenwirtschaft und Entwicklung der Wirtschaftsuniversität Wien und gegenwärtig Gastprofessor der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien, von der debattenreichen Titelwahl des Buches.
"Kapitalistische Entwicklung in Nord und Süd" (im Singular!) solle auf die Existenz bestimmter Strukturmerkmale hinweisen, die im Norden und im Süden vorhanden seien: einerseits die Orientierung nach Kapitalakkumulation, andererseits die Relevanz der Lohnarbeit. Kapitalistische Entwicklung basiere auf Lohnarbeit um einen Mehrwert zu erzielen, wofür es Arbeitskräfte bedürfe. Dieser Umstand führe zwangsmäßig zu ungleichen Einkommensverhältnissen, da Lohnarbeit nur von solchen Personen ausgeführt werde, die keine eigenen Produktionsmittel besäßen. Diese Situation, die sich nur politisch aufrecht erhalten ließe, werde als "stummer Zwang der Verhältnisse" bezeichnet. Aus diesem Grund spiele der Staat eine zentrale Rolle, da Ökonomie immer mit Politik verbunden sei.
Miteinbeziehung der Diskussion im Süden
Weiters betonte Becker die historische und geografische Herangehensweise an das Thema und wies auf Veränderungen und dahinterstehende Kräfte hin. So sei Entwicklung im Süden nicht denkbar ohne die Verbindung mit Entwicklung im Norden. Das neu erschienene Buch beleuchte daher beide Seiten und beinhalte Beiträge aus Lateinamerika und der Türkei. Luis Bértola aus Uruguay beschäftigt sich mit Entwicklung und Formen der Akkumulation in Lateinamerika und der Frage, welche Veränderungen die Einbindung in die internationale Arbeitsteilung mit sich brachte. Özlem Onaran erörtert die Auswirkungen von neoliberaler Globalisierung und von Krisen auf die Lohnquote von Entwicklungsländern.
Weitere Themen im Buch
Andere Beiträge bearbeiten kritisch Themen wie Direktinvestitionen, Handel, die veränderte Rolle des Staates in der Peripherie und den Zusammenhang zwischen Akkumulation und Lohnverhältnissen. Joachim Becker wies dabei auf die schwerwiegenden Folgen von Finanzkrisen auf die Lohnverhältnisse hin, welche eine deutliche, nicht aufholbare Reduktion der Bezahlung nach sich ziehen würden. Abschließend schnitt er das Thema seines eigenen Beitrages die Variationen staatssozialistischer Entwicklung an und überließ das Wort Ulrich Brand.
Über die Internationalisierung des Staates
Der seit kurzem in Wien lebende Professor für Internationale Politik erläuterte kurz und prägnant die Inhalte seines Artikels, in dem er sich mit der Internationalisierung des Staates auseinandersetzt. Dabei unterschied er zwischen einer liberalen und einer kritischen Position. Die liberale Ansicht sähe Ökonomie als existierenden Sachzwang, den Staat als neutralen Akteur, der mit Krisen der Globalisierung umzugehen habe und die Gesellschaft als "Korrekturinstanz" mit "Wachhundfunktion" gegenüber dem Staat. Aus kritischer Perspektive sei der Staat nicht autonom, sondern agiere mit bestimmten Strategien und Politiken, die auch sozial und ökonomisch begründet sein müssten. Diese Sichtweise widersetze sich auch der Annahme, dass Staat und Politik (nur) national seien. Staatlichkeit existiere ebenso auf internationaler Ebene, wie beispielsweise innerhalb der EU, aber auch darüber hinaus. Die Internationalisierung des Staates sei nicht Folge, sondern Vorraussetzung von Globalisierung.
Laut Ulrich Brand bedürfe es nicht nur kritischen Denkens, sondern auch kritischen Handelns. So berichtete er sichtlich beeindruckt von seinen Erfahrungen am Weltsozialforum, sowie von den unterschiedlichen Sichtweisen bezüglich des G8 Gipfels in Deutschland.
Diskussionsrunde
In der anschließenden Diskussion kam die Frage aus dem Publikum, was denn nun eigentlich Unterschiede in der kapitalistischen Entwicklung in Nord und Süd seien. Joachim Becker nannte daraufhin zwei Zäsuren des Kapitalismus in den letzten 100 Jahren. Zum Einen die Zwischenkriegszeit va. das Jahr 1929. Da das Modell "Rohstoffe vom Süden, Industriewaren vom Norden" schon nach dem ersten Weltkrieg scheiterte, kam es in der Folge in beiden Gebieten zu vermehrter Binnenorientierung. Zum anderen die 1970er Jahre, während derer durch die steigende ungleiche Einkommensverteilung im Süden, vor allem in Siedlerkolonien, auf Außenorientierung gesetzt wurde. Was Nord und Süd grundsätzlich unterscheide, sei die Asymmetrie nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der politischen, intellektuellen und wissenschaftlichen Beziehungen.
About English hegemony in scientific theories
Im Anschluss ergab sich eine rege Diskussion über die Dominanz der deutschen und angelsächsischen Theorien, bei der vor allem die Monopolstellung des Englischen heftig kritisiert wurde. Dadurch würden kritische Denkrichtungen anderer Sprachen untergehen. Wer wäre schon im Stande arabische oder chinesische Entwicklungstheorien zu lesen?
Auf die Frage, worauf diese Dominanz zurückführbar sei, wies Ulrich Brand auf die im angelsächsischen Raum strategisch geschaffenen und internalisierten, geschlossenen Wissenschaftssysteme hin. Sie würden kritische Ideen bewusst ausschließen. Viel mehr Ressourcen seien notwendig um anderssprachige Beiträge durch Übersetzungen zugänglich zu machen.
Die Veranstaltung klang mit internen Gesprächen bei einem Gläschen Wein aus und bot auf den Geschmack gekommenen BesucherInnen die Möglichkeit, das Buch vor Ort zu erwerben.
Becker, Joachim, Imhof, Karen, Jäger, Johannes und Staritz, Cornelia (Hg.): Kapitalistische Entwicklung in Nord und Süd. Handel, Geld, Arbeit, Staat. Wien: Mandelbaum, 2007. 200 S. 14 Euro.
ISBN: 978385476-239-3.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Kultur- und Sozialanthropologie sowie Portugiesisch.