Ein Projekt in Malmö zeigt, wie Jugendliche und Stadtverwaltung langfristig zusammenarbeiten können, um gegen soziale Exklusion und Benachteiligung anzukämpfen.2006 wurde im Bezirk Fosie in Malmö, Schweden erstmals in der Geschichte des Landes eine Schule aufgrund von Vandalismus und Gewalttaten geschlossen. Nachdem die unsichere Situation in dieser Schule, die sich durch Einrichtungsbeschädigung und Diebstahl äußerte, in Brandstiftung gipfelte, entschloss sich die Stadtverwaltung trotz Protesten von Seiten der Eltern und SchülerInnen zu diesem Schritt.
Der Bezirk Fosie in Malmö und insbesondere das Viertel Hermodsdal, in dem die Schule angesiedelt war, ist von großer kultureller Vielfalt und starker sozialer Benachteiligung geprägt. 54% der Bevölkerung in Hermodsdal sind nicht in Schweden geboren und das Gebiet weist eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit und einen niedrigen Bildungsgrad auf. Der Anteil von Jugendlichen an der Bevölkerung ist in den letzten 10 Jahren maßgeblich gestiegen und besonders junge Männer standen und stehen im Zentrum der Konflikte.
Entstehung des Lilla Växthuset
In dieser schwierigen Situation geprägt von struktureller Benachteiligung, Aggression und Mangel an Perspektiven setzte die Stadtverwaltung von Malmö einen wichtigen Schritt: Anstatt die Jugendlichen als Problemfälle abzustempeln, wurden sie als AlltagsexpertInnen erkannt und durch die Einbindung in Entscheidungsprozesse über die Zukunft des Viertels als solche wertgeschätzt.
Aus diesem mehrjährigen Prozess des Austausches zwischen Jugendlichen und Stadtverwaltung entstand die Idee für einen Treffpunkt für junge Menschen im Viertel Hermodsdal. Es sollte ein Ort sein, wo sie einander begegnen, lernen, wachsen oder einfach nur sie sein können und der eine Alternative zu Konfliktzonen wie Straßen, Parkplätzen und Stiegenhäusern bieten könnte.
Dieser Treffpunkt namens Lilla Växthuset (kleines Gewächshaus) hat im Frühjahr 2009 geöffnet und bietet neben Aufenthaltsräumen, ein kleines Café und ein technisch hervorragend ausgestattetes Musikstudio. Junge Leute zwischen 16-25 können im Lilla Växthuset ihre Freizeit verbringen, gemeinsam mit einem professionellen Musiker an ihrer Musik arbeiten und sie aufnehmen und Unterstützung bei Arbeitssuche und Ausbildungsfragen bekommen.
Von den Jugendlichen aus dem Bezirk Fosie wurde nicht nur die Idee eingebracht und weiterentwickelt, auch an ihrer Umsetzung sind sie maßgeblich beteiligt. Vier junge Menschen, zwei Burschen, Bledi und Hussain, und zwei Mädchen, Samira und Elin, die in diesem Viertel aufgewachsen sind, arbeiten im Lilla Växthuset und leiten dieses Projekt mit Unterstützung von VertreterInnen der Stadtverwaltung und des Arbeits- und Integrationszentrums.
Vom Alltagswissen der Jugendlichen
Durch die bewusste Entscheidung diesen Prozess von Jugendlichen, deren Leben stark durch soziale Exklusion und kulturelle Vielfalt geprägt ist, gestalten und durchführen zu lassen, wurde deren Alltagswissen aufgewertet und als essentieller Bestandteil von erfolgreicher Stadtentwicklung akzeptiert. Eine der MitarbeiterInnen des Växthuset erklärte mir, dass Jugendliche über ein Wissen verfügen zu dem SozialpädagogInnen, StadtplanerInnen und politische EntscheidungsträgerInnen keinen Zugang haben.
Das Alltagsleben der Jugendlichen spielt sich in diesem Viertel mit allen dazugehörigen Schwierigkeiten ab und über die Bewältigung dieses Alltages haben sie Fähigkeiten wie interkulturelle Kompetenz und Konfliktmediation erworben. Sie wissen über Bedürfnisse und Notwendigkeiten der BewohnerInnen, da sie, ihre Familien und FreundInnen selbst zu dieser Gruppe gehören. Die Verbindung zu den politischen EntscheidungsträgerInnen in Malmö war dann der notwendige Schritt, um eigene Kompetenzen erkennen und Bedürfnisse kommunizieren zu können.
Langsam & transdisziplinär
Die Idee ist vielleicht nicht neu und wurde auch andernorts schon ausgetestet. Jedoch hebt sich dieses Beispiel durch die Konsequenz der Einbindung der Jugendlichen als ExpertInnen in alle Bereiche der Stadtentwicklung von Stadtteilarbeit bis hin zu Gemeinderäten und internationalen Netzwerken von anderen ab.
Langsamkeit und Transdisziplinarität sind zwei weitere Aspekte, die maßgeblich zum bisherigen Erfolg des Projektes beigetragen haben. Das Lilla Växthuset entstand erst nach mehreren Jahren der kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen VertreterInnen der Stadtverwaltung und Jugendlichen. Die Beständigkeit des Interesses von Seiten des Projektleiters des Bezirks Bertil Nilsson an den Meinungen und Ideen der Jugendlichen und die Langfristigkeit des Planens ermöglichten den Aufbau einer Vertrauensbasis, die frühere kurzfristige Projekte nicht erreichten.
Gleichzeitig war diese Initiative eingebettet in ein größeres Konsortium von Institutionen und Projekten. Sowohl die Universität Malmö als auch lokale Initiativen wie ein Fitnessstudio oder ein Breakdance Klub unterstützen und begleiten den Prozess und die Jugendlichen. Auch das Arbeits- und Integrationszentrum des Bezirks Fosie leistet durch Bildungsarbeit und Unterstützung bei der Arbeitssuche einen wichtigen Beitrag zur Überwindung struktureller Benachteiligung, die ein einzelner Treffpunkt für junge Menschen nicht leisten kann.
Ob das Lilla Växthuset nun Kriminalität langfristig verringern kann, ist noch schwer zu messen und auch nicht der einzige Erfolgsindikator. Für eine nachhaltige und demokratische Stadtentwicklung ist es mindestens ebenso wichtig, dass dieses Projekt zur Befähigung junger Menschen und zu einem Lernprozess des politischen Establishments in Malmö geführt hat.
Einer der Mitarbeiter im Lilla Växthuset hat diesem Entwicklungsprozess sehr schön Ausdruck verliehen, als er auf die Frage nach seinen Zukunftsperspektiven sagte: Im going for Bertils job (Bertil Nilsson ist Projektleiter der Stadtverwaltung Malmö im Bezirk Fosie).
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und ist Projektassistentin an der WU Wien.