Incubadoras & Solidarökonomie in Brasilien Teil III

Welche Wege gehen Incubadoras, um die in Artikel I und II beschriebenen Werte rund um solidarische Ökonomie und ihr Verständnis von Bildung umzusetzen? Besonderheiten und Ähnlichkeiten werden im letzten Teil dieser Artikelserie vorgestellt.

Incubadoras im Vergleich

Die im Rahmen der Feldforschung besuchten Incubadoras in São Carlos, São Paulo, St. André und Recife zeigen viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede in der Umsetzung ihrer Arbeit sowie in der täglichen Praxis. Die Incubadoras verfügen über eine ähnliche Struktur mit interdisziplinären Teams und ca. 20 bis 30 Personen im Kernteam, v.a. aus den Bereichen der Soziologie, Ökonomie, Landwirtschaft, Psychologie und Hauswirtschaft (Economia domestica). Auf eine interdisziplinäre Zusammensetzung der Arbeitsgruppen wird großen Wert gelegt, um einen breiten ganzheitlichen Blick auf solidarökonomische Betriebe und Gemeinschaften zu sichern. Weitere wichtige Punkte, die MitarbeiterInnen aus allen Incubadoras gemeinsam haben, sind ständige Reflexion, Evaluierung und Weiterentwicklung von Prozessabläufen, Handlungsmustern, Ausbildungsstrukturen und -methoden. Die Vernetzung ist in allen Incubadoras wichtiger strategischer Bestandteil der Arbeit. Sie erfolgt in dreierlei Hinsicht: Die Incubadoras tauschen sich auf der Ebene der Netzwerke Rede ITCPs und Unitrabalho untereinander aus und sie vernetzen sich mit öffentlichen Institutionen, Gewerkschaften, NGOs, Sozial- und Bildungsbewegungen. Außerdem fördern die Incubadoras eine Vernetzung und Zusammenarbeit von solidarischen Betrieben und Kooperativen untereinander.

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Foto: Michaela Hauer

Neues Wissen wird geschaffen

Neues Wissen wird in Incubadoras auf vielfältige Weise geschaffen. Die Incubadoras greifen selbst in einem kontinuierlichen Prozess in die Realität ein. Die Weiterentwicklung dieser Prozesse, die Folgen des Handelns und die Erkenntnisse daraus sind Bestandteil der Erkenntniserzeugung. Alle Incubadoras haben in ihren Zielen Forschung und wissenschaftlichen Austausch verankert. Forschungsthemen sind beispielsweise Arbeit, Märkte und nachhaltige Entwicklung, wobei z.B. Umfragen zu Konsumgewohnheiten oder Studien zur Geschichte regionaler Gebiete, in denen Kooperativen entstehen, durchgeführt werden.

Der Inkubationsprozess ist für Aus- und Weiterbildung und die Vermittlung von Wissen maßgeblich. Dabei wird auf jede Gruppe und ihre Spezifika eingegangen. Das Lebensumfeld, Erfahrungen und der Ausbildungsstand der Mitglieder einer angehenden Kooperative werden berücksichtigt. Alle Incubadoras setzen an der Lebensrealität der Menschen an und arbeiten kontextbezogen. Regionalbezug und -entwicklung sind Teilziele. Ein wichtiges Konzept ist die Ausbildung von AusbildnerInnen und MultiplikatorInnen, die dann ihrerseits ihr Wissen an andere Menschen im Bezirk oder der Region weitergeben.

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Foto: Michaela Hauer

Lehrende und Lernende gleichzeitig

Gemäß der Grundhaltung von Paulo Freire sind alle gleichzeitig Lehrende und Lernende. Volkswissen fließt in den Inkubationsprozessen auf unterschiedliche Weise ein. Oft werden ausgehend von Lebensrealität und Erzählungen der Grupos Populares Projekte gestartet und Konzepte gemeinsam entwickelt. Das Erfahrungswissen der Menschen wird eingebunden, zum Beispiel das Wissen über Landbau von Bäuerinnen und Bauern in Kombination mit modernen Formen der Landwirtschaft oder das Handwerksvermögen lokaler HandwerkerInnen. Formen des Offenen Unterrichts werden von allen Incubadoras in vielfältiger Weise angewendet. Pädagogische Instrumente dabei sind Rollenspiele, Kooperationsspiele, kritische Lesekreise mit Texten, Diskussionen und partizipative Methoden zur Erforschung der Umwelt. Gearbeitet wird mit Plakaten, Bildern, Flip Charts, Versuchen, greifbaren Beispielen, Anschauungsobjekten und/oder Zeichnungen. Der Kreativität sind in der Vermittlung von Wissen keine Grenzen gesetzt!



Unterschiedliche Wege…

Die Inkubationsprozesse der Incubadoras in São Carlos, São Paulo und Recife sind in erster Linie auf die Gründung von solidarischen Betrieben und Kooperativen und auf die Implementierung von solidarökonomischen Prinzipien in bereits bestehenden Betrieben ausgerichtet. Die Schaffung von Arbeit und Einkommen steht im Vordergrund. Sie arbeiten nach dem Ansatz, Solidarökonomie zu schaffen, indem Kooperativen gegründet und geführt werden Learning by doing. Ziel ist, eine Änderung sozialer Beziehungen und eine sozioökonomische, politische Emanzipation und Autonomie der Gruppen.

Der wesentlichste Unterschied bei den Tätigkeiten der Incubadoras liegt in der Bildungsarbeit in Verbindung mit Schulen. Diese findet zum Beispiel in der Incubadora in St. André statt. Die Vermittlung der Werte der Solidarökonomie im Lehrplan, Bewusstseinsbildung und die Auflösung der Grenzen unterschiedlicher Welten, Lebensrealitäten und sozialer Milieus (z.B. Universität Wohnviertel) stehen dabei im Mittelpunkt. Verfolgt wird der Ansatz, durch emanzipatorische Bildungsarbeit Bewusstsein für eigene Handlungsmöglichkeiten zu schaffen, die dann die Realität verändern.

Es finden sich also zwei Ansätze, bei einem ist die Ausrichtung hinsichtlich pragmatischer Umsetzung (d.h. Lernen durch Arbeit und im Tun) ) stärker ausgeprägt, beim anderen die Ausrichtung hinsichtlich bewusstseinsbildender Umsetzung (d.h. Lernen durch thematische Auseinandersetzung mit der Theorie).

Auch wenn Incubadoras an brasilianischen Universitäten mit dem Problem mangelnder finanzieller, räumlicher, administrativer und wissenschaftlicher Ressourcen kämpfen, können sie mit Ihrer Idealvorstellung von Bildung nämlich durch soziale, ökonomische, politische und ökologische Bildung Bewusstsein für die eigene Lebenssituation zu schaffen und so Persönlichkeiten hervorzubringen, die in der Lage sind, die Realität kritisch zu hinterfragen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen in der in Europa oft geführten Diskussion Employability-Ansatz versus humanistische Bildung Denkanstöße zur Überwindung einer bisweilen dualistischen Sichtweise in dieser Frage bieten.



Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.

Die Autorin hat 2008 eine Masterarbeit für den Master of Arts (MA)

in Latin American Studies beim Interdisziplinärer

Universitätslehrgang für Höhere Lateinamerika-Studien

in Wien verfasst. Die Artikelserie fasst die Ergebnisse dieser Arbeit kurz zusammen. Der gesamte Text ist in der Reihe Aktion&Reflexion erschienen.

Lesen Sie auch Teil 1 und Teil 2.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.