Incubadoras an brasilianischen Universitäten stellen zentrale Instrumente der Weiterbildung in der Solidarökonomie dar. Ihre Funktionen und Wirkungsweisen sind Thema einer dreiteiligen Artikelserie. Das darin beleuchtete Verständnis von Bildung stellt die Grundposition der aktuell geführten Bildungsdebatte in Frage.
Incubadoras akademisches Wissen für alle
Im Sinne einer in den 1990er Jahren entstandenen Bedeutung des Wortes sind Incubadoras (zu deutsch Brutkästen) universitäre Gruppen bestehend aus ProfessorInnen, StudentInnen und UniversitätsmitarbeiterInnen. Diese haben sich zum gemeinsamen Ziel gesetzt, universitäres Wissen auch benachteiligten Gesellschaftsgruppen zugänglich zu machen. Damit nehmen öffentliche Universitäten durch die Incubadoras ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung wahr, indem sie ausgeschlossenen Teilen der Bevölkerung mit der Demokratisierung und Weitergabe von Wissen Zugang zu Bildung bieten (näheres dazu auch im Artikel Akademisches Wissen für alle).
Gemeinsam mit Grupos populares (Bevölkerungsgruppen) werden solidarökonomische Kooperativen gegründet und betrieben. Dabei spielt die Schaffung von Arbeit und somit auch von Einkommen eine wichtige Rolle, um prekären Lebensverhältnissen zu entkommen. Denn hauptsächlich sind dies Menschen, die sozial, kulturell, wirtschaftlich und von der Wahrnehmung ihrer Rechte ausgeschlossen sind oder beispielsweise im informellen Sektor völlig unterbezahlt arbeiten.

gemeinsames Arbeiten (Foto: Michaela Hauer)
Brasilianische Universitäten sind gemäß den drei Säulen Forschung, Lehre und extensão strukturiert. Unter extensão versteht man das politische und soziale Engagement der Universitäten, Aktivitäten zu Gunsten von marginalisierten Bevölkerungsgruppen zu setzen.
Wie alles begann
Die Ursprünge gehen auf die Schuldenkrise zurück, die in einigen Ländern Lateinamerikas schon in den 1970er Jahren ihren Anfang genommen und in den 1980er Jahren ihren Höhepunkt in Brasilien erreicht hatte. Die Auswirkungen der Schuldenkrise hatten zur Folge, dass sich auf verschiedensten gesellschaftlichen Ebenen Menschen zusammenschlossen, um gegen Massenarbeitslosigkeit und Armut anzukämpfen.
Die Idee, eine Incubadora an der staatlichen Universität von Rio de Janeiro zu schaffen, wurde im Jahre 1993 durch den Soziologen Herbert de Souza, genannt Betinho, geboren. Anfänglich bestand die Absicht darin, eine Aktion in einer Favela durchzuführen, in welcher der Drogenhandel der größte Arbeitgeber war und Gewalt und Armut vorherrschten. Die Favela befand sich in der Nähe der Fundação Oswaldo Cruz, einer Forschungsstelle für Gesundheit, und war Opfer häufiger Übergriffe. So wurden Versammlungen mit VertreterInnen der Elendsviertel veranstaltet, um nach Lösungen zu suchen. Dabei tauchte die Idee auf, eine Incubadora zur Entstehung von Kooperativen zu gründen.
Nach der Gründung der ersten Incubadora in Rio entstand 1995 das Projekt Incubadora Tecnológica de Cooperativas Populares (ITCP). Ziel war es, in einem von sozialen und ökonomischen Schwächen geprägten Umfeld solidarische und selbstverwaltete Unternehmen zu gründen sowie Arbeits- und Einkommensalternativen zu bilden. Die MitarbeiterInnen der Incubadoras setzten sich außerdem zum Ziel, das Bewusstsein dieser Menschen für die Cidadania (Staatsbürgerschaft) und die Ausübung von damit verbundenen Rechten zu stärken. Die Ziele waren also sehr hochgesteckt!
Mit der Wahl Lulas zum brasilianischen Präsidenten wurde die Solidarökonomie in das Regierungsprogramm aufgenommen und im Arbeitsministerium die Secretaria Nacional de Economia Solidária (SENAES) gegründet. Mit dem nationalen Programm für Inkubatoren, Programa Nacional de Incubadoras de Cooperativas (PRONINC), erhielten auch die universitären Incubadoras eine staatliche Stütze. Unzählige Initiativen, die zuvor isoliert gearbeitet hatten, arbeiten nun vernetzt. Die Solidarische Ökonomie wird auch von einer stets anwachsenden Zahl von Universitäten mittels Incubadoras verbreitet. Insgesamt lässt sich ein kontinuierlicher Prozess der Erweiterung des Netzwerks Rede de ITCPs, eine Vernetzung im internationalen Bereich und mit anderen institutionalen Netzwerken (beispielsweise von NGOs), beobachten. 2005 gab es an 33 Universitäten Incubadoras, die 315 solidarökonomische Betriebe betreuten. Die Zahl wächst beständig weiter.
Hehre Ziele …. wie funktionierts in der Praxis?
Die Idealvorstellung von Bildung in Incubadoras geht über den Zweck, inhaltliches Faktenwissen zu vermitteln oder eine Funktion in einem Betrieb ausüben zu können, weit hinaus. Ziel ist es, mit emanzipatorischer Erwachsenenbildung und partizipativen Prozessen der Haltung von Paulo Freire folgend Persönlichkeiten hervorzubringen, die in der Lage sind, die Realität kritisch zu hinterfragen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Es handelt sich also um einen längeren Prozess (Inkubationsprozess genannt), den die MitarbeiterInnen einer Incubadora begleiten. Abgestimmt auf den Bildungsstand und die Bedürfnisse der TeilnehmerInnen dauert diese Begleitung unterschiedlich lange.
Dieser fortlaufende Lernprozess spielt sich sowohl auf Seite der MitarbeiterInnen der Incubadora, als auch bei den Gruppen, die begleitet werden, ab; d.h. bei den AusbildnerInnen einerseits und bei den Lernenden andererseits. Beide Seiten entwickeln sich kontinuierlich weiter, indem sie lernen, handeln, reflektieren und ihre Erkenntnisse und Handlungen immer wieder anpassen. In diesem Sinne sind alle Lehrende und Lernende zugleich.
Auf einer breiten Basis wird durch soziale, ökonomische, politische und ökologische Bildung Bewusstsein für die eigene Lebenssituation bei den Menschen geschaffen und sie werden angehalten, ihr Umfeld zu hinterfragen. Ist dieser (Um)Denk-Prozess erst mal angeregt, geht es daran, herkömmliche und alternative Formen des Wirtschaftens zu erkunden und verstehen zu lernen. Was ist solidarische Ökonomie überhaupt? Was sind Vor- und Nachteile im Vergleich zu alt bekannten kapitalistischen Denkweisen? Und wie lebt oder wirtschaftet man damit?
Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.
Die Autorin hat 2008 eine Masterarbeit für den Master of Arts (MA)
in Latin American Studies beim Interdisziplinärer
Universitätslehrgang für Höhere Lateinamerika-Studien
in Wien verfasst. Die Artikelserie fasst die Ergebnisse dieser Arbeit kurz zusammen. Der gesamte Text ist in der Reihe Aktion&Reflexion erschienen.