Der Verein „Im Ausland“ unterstützt Roma in sozialen und rechtlichen Fragen. Die Autorin besuchte den Verein in seinem neu bezogenen Vereinslokal im 15. Wiener Gemeindebezirk.
Wohin muss ich mich wenden um einen Asylantrag oder Sozialhilfeantrag zu stellen? Wie kann mir dieses gelingen, wenn ich kein oder nur unzureichend Deutsch verstehe oder weder lesen noch schreiben kann? Dies sind Fragen die sich Menschen aus der „Mitte“ der Gesellschaft kaum jemals stellen werden.
Für Arbeitslose, MigrantInnen oder aus anderen Gründen an den Rand der Gesellschaft gedrängte Personen entscheidet der Zugang zu wichtigen Informationen über das österreichische Sozial- und Gesundheitssystem jedoch, ob sie ihre Grundbedürfnisse befriedigen können.
Der Verein „Im Ausland“, getragen von der Sozialarbeiterin Elisabeth Ettmann und dem Interkulturellen Multiplikator Djurica Nikolič, legt Unterstützung in sozialen Fragen breit an. Das Angebot reicht von Beratungsgesprächen zu den Themen Gesundheit, Ernährung, familiäre Probleme über psychosoziale Betreuung in schwierigen Lebenslagen bis zur Unterstützung bei der Durchsetzung von Rechtsansprüchen und dem Ausfüllen von Formularen.
„Bewegung schafft Wege“ – Empowerment als Vereinsziel.
Die politische Ausrichtung des Vereins „Im Ausland“ lehnt sich stark an die Arbeiten Paulo Freires an. Hieraus ergibt sich auch die Zusammenarbeit mit dem Paulo Freire Zentrum. Unterdrückte, beispielsweise Menschen, die aus Angst vor den Behörden ihre Rechtsansprüche nicht geltend machen, finden im Verein Unterstützung zur Selbstermächtigung. Jugendliche Roma etwa würden kulturelle Praktiken auf Grund eines hohen Anpassungsdrucks und Diskriminierungserfahrungen verlernen. Eine Gruppe ihm bekannter junger Roma, so Nicolič, würde in der Öffentlichkeit nie Romanes sprechen, um sich vor rassistischen Polizeikontrollen schützen. Der Grund hierfür sei gewesen, dass einer der Jugendlichen in die Illegalität gedrängt worden sei.
Nicolič ermutigte die Jugendlichen, sich gemeinsam für die Legalisierung dieses Jugendlichen einzusetzen und gab ihnen dafür Informationen. Daraufhin wurde eine Duldung des Jugendlichen erreicht. „Empowerment“ – Ermächtigung also – ist ein wichtiges Ziel der Vereinsarbeit.
Roma-Kultur Multiplizieren.
Der Großteil der 25.000 in Österreich lebenden Roma sei, so Nicolič, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zugewandert. Obwohl Roma, wie beispielsweise die Burgenland-Roma, sich bereits im 15. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Österreichs angesiedelt hätten, seien Roma erst 1993 als „Volksgruppe“ Österreichs anerkannt worden.
Da Roma-Kultur durch eine lange Geschichte der Verfolgung und Unterdrückung nur stark verzerrt in der Öffentlichkeit wiedergegeben wird, hat sich Djurica Nikolič die Vertretung dieser Kultur er selbst ist Rom – auf die Fahnen geschrieben. So besucht er in Kooperation mit Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums und Lehrbeauftragter am Projekt Internationale Entwicklung an der Universität Wien, regelmäßig Lehrveranstaltungen, in denen er über seinen persönlichen Werdegang, sein Selbstverständnis als Rom und die Geschichte der Roma referiert.
Dabei werde augenfällig, so Nikolič, wie wenig die Studierenden über Roma, deren Geschichte und Kultur wüssten. Die Studierenden gingen oft davon aus, dass sie keine persönlichen Kontakte zu Roma hätten.
„Ich bin ein stolzer Zigeuner!“
Dies hänge damit zusammen, dass viele Roma sich „Gajdsche“ (Bezeichnung für Nicht-Roma in Romanes) gegenüber eher als Angehörige eines Nationalstaats, wie beispielsweise Serbien, denn als Roma ausgeben. Dass Roma diesen Teil ihrer Identität verschleierten, würde mit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und anhaltende Diskriminierung zusammenhängen. 1936 wurde eine „Zentralstelle zur Bekämpfung des Zigeunerwesens“ in Wien eingerichtet. Staatlich Beauftragte „WissenschafterInnen“ fertigten Listen darüber an, welche Personen Roma waren. Diese Listen wurden später als Informationsquelle zur Deportation von Roma in Konzentrationslager benutzt. Von den circa 7000 burgenländischen Roma etwa überlebten nur 700 Menschen die Nazizeit. So sei es zu einer Überlebensstrategie vieler Roma geworden, ihre Identität verschleiern zu können.
Nikolič selbst begreift sich als moderner Zigeuner. Ihm ist es wichtig, dass Roma mit Selbstbewusstsein ihre eigene Identität auch nach außen hin zeigen. Er verwendet daher den Begriff Zigeuner als Selbstzuordnung, auch wenn dieser heute von vielen Menschen als abwertend verstanden wird. Die Zigeuner dürften sich jedoch nicht ihren Namen nehmen lassen, so Nikolič. Wichtig sei, sich für die Interessen von Roma politisch einzusetzen und Roma sichtbar zu machen. Die Mittel hierzu seien intra-kulturelle Kommunikation, beispielsweise zwischen alten und jungen Roma sowie inter-kulturelle Kommunikation, wie die Kooperation mit dem Paulo Freire Zentrum.
Die Probleme hören nicht an der Staatsgrenze auf.
Ein weiterer Schwerpunkt der Vereinsarbeit ist die internationale Ausrichtung. Es sei wichtig, dass sich die Menschen auch über die Staatsgrenzen hinweg organisierten, um Armut zu bekämpfen. Im Rahmen des Projektes „Hilfe zur Selbsthilfe“ entwickelt der Verein ein genossenschaftliches Arbeitsprojekt für Roma in der serbischen Region um Secanj. Internationale Kontakte, etwa zu Botschaften oder NGOs wie der Nataa Kandić-Organisation (serbische Menschenrechtsorganisation) in Belgrad seien für dieses Projekt unerlässlich.
Um neue Mitgliedschaften, sei es um die Beratungsangebote zu nutzen oder die Vereinsstrukturen zu stärken, wird ausdrücklich gebeten.
Kontakt:
Das Vereinslokal befindet sich in der Pfarre „Maria vom Siege“, am Maria vom Siege Platz 3, 1150 Wien. Terminvereinbarungen sowie weitere Auskünfte zur Mitgliedschaft können telefonisch eingeholt werden. Des Weiteren werden Beratungsgespräche auch im niederösterreichischen Gaweinstal angeboten.
Übersetzungen können für Deutsch, Romanes, Polnisch, Serbisch, Kroatisch und Bosnisch geleistet werden. Für diese Sprachen befinden sich auch Sprachkurse in Planung.
Herr Djurica Nicolič, Vereinsobmann 0664/ 4920090
Frau Elisabeth Ettmann, Stellvertreterin 0681/ 10533013
E-Mail an Frau Ettmann und Herrn Nicolič: alzbeta@gmx.at
Die Autorin ist Studentin der Erwachsenenbildung an der Freien Universität Berlin.