Identitätsfindung am Rande der Mehrheitsgesellschaft

Roma stehlen, werden diskriminiert, leben in armen Verhältnissen im gängigen politischen Diskurs wird Roma mit unterschiedlich negativen Wörtern assoziiert. Ein  außergewöhnlicher Diskussions- und Konzertabend im Club Ost spielte mit einem positiven Stereotyp: Musik.

Das Wiener Institut veranstaltete am 28. März 2011 in Kooperation mit der ADC, dem ASO Ljubiljana, der Universität Wien und dem Verein Romano Centro einen Diskussionsabend ungewöhnlichen Formats: WissenschafterInnen aus Serbien und Österreich, spezialisiert auf die Anthropologie der Popularkultur sowie Kultur, Sprache und Literatur der Roma, saßen neben der Gründerin einer Musikschule und dem Frontmann einer Band auf dem Podium. Das Thema Musik sollte nicht nur diskutiert, sondern auch erlebt werden. Daher die Wahl der Location im Wiener Club Ost und eines Gypsy-Ska Konzerts als Höhepunkt des Abends.

Ziel der Veranstaltung, so Geschäftsführer des VIDC Walter Posch, war, die Forschungsergebnisse des ASO-Projekts Changing Identities of Ethnic Minority Groups einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und gleichzeitig dem stets negativ geprägten und problemlastigen Roma-Diskurs zu entgegnen. Als zentrale Frage stand die Bedeutung der in den letzten Jahren entstandenen kulturellen Praxis des Roma Rap unter serbischen Jugendlichen für die Integration der Roma im Mittelpunkt: Kann Roma-Rap als emanzipatorisch und widerständisch und daher identitätsbildend bezeichnet werden? Stellt das neue Phänomen eine Bewegung dar, die gesellschaftliche Ungleichheiten thematisiert oder etwa aufzuheben versucht?



Roma Rap als top-down Phänomen?

Gleich zu Beginn der Diskussion zerstreuten Dragana Antonijevi und Ana Bani-Grubii von der Universität Belgrad in den Ohren der ZuhörerInnen aufkeimende Assoziationen von Street Music mit Widerstand und Emanzipation. Im Gegensatz zu schwarzamerikanischem Rap seien die meisten Roma Rap Bands nicht als endogene kulturelle Ausdrucksform im Zeichen des Widerstands entstanden, sondern vielmehr von einer britischen NGO namens Rpoint ins Leben gerufen worden. Durch den Schwerpunkt, den auch die serbische Regierung im Rahmen der Decade of Roma Inclusion auf Integration gelegt hat, wurden EU-Gelder genutzt, um künstlerische Workshops mit Roma Jugendlichen zu veranstalten. Damit greife die Arbeit der NGOs zwar das Thema der Identität von Roma Jugendlichen als Minderheit innerhalb einer kulturell anderen Mehrheitsgesellschaft auf, so Bani-Grubii, jedoch auf eine Art und Weise, die diese wieder als Randgruppe definiere: weder werde der harte Alltag der Jugendlichen durch 2-3 aufgenommene Songs nachhaltig verändert, noch schaffe die Musik den Sprung in die serbischen Charts oder die Mainstream Rap-Kultur.

Dies mag überraschen, da die Musik-Clips, welche Bani-Grubii als Material mitgebracht hat, sich auf den ersten Blick kaum von bekannten Rap-Videos unterscheiden: Gesungen wird auf Englisch, man kleidet sich in Basketball-Dressen oder Jeans und enge Tops, getanzt wird in Autos, leerstehenden Bauten und vor Graffitis. Typisch Rap also. Dennoch, der Grund warum Bani-Grubii Roma Rap nicht als identitätsstiftend bezeichnet, ist dessen künstlicher Charakter. Von Mainstream Medien geliebt, NGOs gegründet und auf Weltmusik Bühnen gefeiert, ist Roma Rap in Serbien anders als Rap in Mazedonien oder etwa den USA nicht aus dem Inneren der Roma Gemeinschaften entstanden und bleibt daher auch am Rande der Gesellschaft, so das Fazit ihrer Studie.



Mehrheit und Minderheit als Strategie

Anders als der Roma Rap verbreitet die Band KAL mit ihrer Musik eine explizit politische Nachricht. Dragan Risti, Frontmann der Band und Gründer der Sommerschule Amala, an der Sprachen und Musik der Roma gelehrt werden, sieht sich als Wegbereiter der Roma ins 21. Jahrhundert. Sprache, Kultur und ethnische sowie nationale Identität betrachtet der Musiker als eng miteinander verbunden als problemlos auch die Verbindung der Forderungen nach Umsetzung von Rechten mit jenen eines eigenen Roma-Staates. Man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, Risti auf den Leim zu gehen: Seine radikalen Forderungen sind in fröhliche und beschwingliche Balkan-Rhythmen verpackt, werden von Tausenden von ZuhörerInnen konsumiert und er selbst rühmt sich mit den Top-Plätzen der Band in den Charts. Als schwarz (übersetzt kal) bezeichnet er sich und seine Band im Gegensatz zu Mainstream-Bands wie Gogol Bordello und Shantel, die sich zwar über eine gemeinsame nationale Herkunft definieren, nicht jedoch als Roma.

KAL nutzt die Möglichkeit, gehört zu werden, als politische Bühne. Ihre Identität als Roma scheint sich problemlos darin einzufügen. Was jedoch Fragen aufwirft, ist der deutliche Unterschied zwischen KALs modernem Gypsy-Ska und der traditionellen Musik der Roma. Wie repräsentativ ist Ristis Linie für andere Mitglieder der serbischen Roma Gemeinschaften? Wer solche Fragen stellt wird allerdings rasch mit dem Vorwurf konfrontiert, Kultur als starr, essentialistisch und somit anti-modern zu sehen.



Roma Musik zwischen Tradition und Erneuerung



Ivanka Muncan arbeitet an einem herausfordernden Projekt: Sie ist dabei, die erste Roma Musikschule in Österreich zu gründen. Vergangenes Jahr hat sie eine Studie durchgeführt, die durchgehend positive Rückmeldungen zu dieser Idee erbracht hat: Roma scheinen von der Wichtigkeit, die Tradition aufrecht zu erhalten, mehr Chancen für Jugendliche zu bieten und die Professionalisierung und Anerkennung der Musik voranzutreiben,  begeistert zu sein. Dies scheint die These, dass Musik weiterhin eine zentrale identitätsstiftende Rolle in der Roma Gemeinschaft einnimmt, zu unterstreichen. Mozes F. Heinschink, ebenfalls vom Romano Centro, besitzt eine der größten Sammlungen von Tondokumenten der Roma und Sinti in Europa. Er erinnert an unterschiedliche musikalische Traditionen während ihm die Entwicklungen in der Jugendkultur fern sind, kann er mit Bestimmtheit behaupten, dass die traditionelle Roma Musik wie sie etwa auf Hochzeiten gespielt wird, sich in den letzten 50 Jahren kein bisschen verändert hat.

Alt oder neu? Eigenidentität oder fremd? Aufbruch oder Stillstand? Randphänomen oder Mainstream? Im Großen und Ganzen hat der Diskussionsabend letztendlich mehr Fragen zu dem komplexen Thema Identität und dem aussichtslosen Versuch, Gruppen zu definieren, aufgeworfen als beantwortet.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.  Kommentare zum Artikel? Bitte gerne an redaktion@pfz.at.

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