Forschen eine machtvolle Tätigkeit

In Ländern des globalen Südens passiert es mir schon oft, dass ich beim Arzt vorgelassen werde oder in der Universität eine Sonderführung durch die Bibliothek bekomme. Dies bereitet mir meist ein Unbehagen, das mit der eigenen besonderen oder doch eher normalen Position als weißer Person einhergeht.

Innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften hat sich seit den 1990ern eine Forschungsrichtung mit dem Namen Critical Whiteness Studies herausgebildet. Dieser Forschungsansatz speist sich vor allem aus feministischen und postkolonialen Ansätzen, die sich beide mit verschiedenen Machtverhältnissen beschäftigen: der erste mit jenen zwischen Geschlechtern, der zweite mit jenen zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden. Mit Hierarchisierungen beschäftigen sich auch die Critical Whiteness Studies und zwar mit solchen zwischen weiß und nicht-weiß. Ich verwende explizit den Begriff nicht-weiß, um auf die verschiedenen nicht-weißen Identitäten aufmerksam zu machen. Diese Forschungsrichtung hinterfragt nun die oft unbenannte, ja sogar schon unsichtbar erscheinende Position, von der aus Theorien geschrieben wurden und werden und die innerhalb bestehender Verhältnisse sehr oft als weiß, männlich und als zu der Mittelklasse zugeordnet zu entlarven ist. In den Worten von Stuart Hall, einem postkolonialen Theoretiker aus Jamaica, geht es in diesem Sinne um eine kritische Beleuchtung des weißen Auges, das die westliche Wissenschaft und den westlichen Alltagsverstand bestimmt. Weißsein wird in diesem Sinne als angeblich Normales entlarvt, an dem alle Anderen gemessen werden.

Kritische Weißseinsforschung ein Perspektivenwechsel

Für eine kritische Weißseinsforschung spielt der Dialog mit nicht-weißen Menschen eine wichtige Rolle, um Raum für nicht vorherrschende Positionen gegenüber Weißsein und Machtverhältnissen zu schaffen und der weißen forschenden Person neue Blickwinkel zu eröffnen. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ideen von Gayatri Chakravorty Spivak. Sie ist eine in Indien geborene und derzeit als Professorin für Literaturwissenschaft an der Columbia University lehrende postkoloniale feministische Theoretikerin. Laut Spivak soll sich die Analyse auf jene Standpunkte, Ideen und Theorien fokussieren, die in bestehenden Wissensordnungen nicht beachtet werden. Trotz solcher weiß – nicht-weißer Dialoge macht Spivak jedoch darauf aufmerksam, dass die weiße forschende Person nun aber immer noch nicht im Namen nicht-weißer Personen sprechen kann, ihre Rolle bleibt die einer Analysierenden.

Um eine Dekonstruktion von Weißsein geht es auch in meiner Diplomarbeit. Die zentrale Frage beinhaltet die verschiedenen Machtverhältnisse, die schwarze tansanische Frauen dazu veranlassen, ihre Haut zu bleichen.

Wer fürchtet sich vor der weißen Frau…?

Im August und September 2010 verbrachte ich zwei Monate in Dar es Salaam, der größten Stadt Tansanias (ca. 3 Mio. EinwohnerInnen), und begab mich in die Welt der dort vorherrschenden Schönheitskonstruktionen und Frauenbilder. Meine zentrale Frage bestand darin, inwieweit diese von dominierenden weißen, sprich westlichen Vorstellungen beeinflusst sind. Meine Forschung zeigte, dass sich Weißsein bei weiblichen tansanischen Identitäten in Form der helleren Tansanierin als Schönheitsideal festgeschrieben hat. Es stellte sich demnach eine klare Verbindung zwischen weißer oder hellerer Haut und Schönheit heraus.

Während meiner Forschung wurde ich immer wieder mit meiner eigenen Position als weiße, weibliche Studierende aus der Mittelklasse konfrontiert. Während der Interviews bekam ich oft eine sehr eigenartige Position, da ich ja in gewisser Weise das angestrebte Ideal der interviewten Frauen darstellte. Mit diesem Ideal gehen verschiedene Privilegien und Vorstellungen einher. Ein für mich zentraler Aspekt ist jener des Reisens. Im Gegensatz zu den meisten der interviewten Personen konnte ich es mir leisten, nach Tansania zu fahren und dort über die Rolle von Weißsein in der Gesellschaft zu forschen. Ich konnte demnach nicht vermeiden, Reisen als weißes Phänomen zu reproduzieren. bell hooks (1) , eine afro-amerikanische postkoloniale feministische Theoretikerin, spricht in diesem Zusammenhang von einer Konnotation von Reisen als Fortschreibung des Imperialismus. Mein Forschungsvorhaben erschien mir in diesem Sinne manchmal kolonialen Expeditionen sehr ähnlich. Die Macht, in Länder mit nicht-weißer Mehrheitsbevölkerung zu reisen und dort zu forschen, liegt demnach immer noch klar beim weißen Auge. Diese Assoziation begleitet mich weiterhin im Sinne eines kritischen Stachels in meinen Forschenden-Schuhen.

Weiß-weißer-oder doch noch schwarz?

Neben den dauernden Festschreibungsversuchen von meinem eigenen Weißsein war meine Forschung auch von verschiedensten Standortwechseln oder Perspektivenwechseln gekennzeichnet. So verlor ich meine weiße Forschenden-Rolle oft ziemlich abrupt, sobald ich bei den Interviewten zum Essen blieb und wir über Alltagsdinge zu reden begannen. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Sprache. Aufgrund meiner Swahili-Kenntnisse der Nationalsprache Tansanias erschien ich oft schnell integriert. Ich schreibe gezielt erschien, weil die scheinbare Integrationsharmonie im Wohnzimmer dann doch schnell wieder durch ein mambo vipi Mzungu (was geht weiße Person/EuropäerIn?) zerstört werden konnte.

Ich schlüpfte während meiner Forschung daher ununterbrochen in verschiedene Rollen: Forschende, Freundin, Tochter (gerade bei älteren Frauen) oder Kosmetikkundin, die alle mit verschiedenen Blickwinkeln auf mein Forschungsinteresse verbunden waren. Für die diversen Rollen musste ich mir demnach auch immer neue Taktiken, Vokabulare, Verhaltensweisen etc. aneignen. Dafür waren meine tansanischen FreundInnen als BeraterInnen unentbehrlich. Die vielen Gespräche, Interviews, Alltagsgespräche, Bierdiskussionen etc. eröffneten mir eine Reihe von Sichtweisen auf das Phänomen des Hautbleichens und daher auf Weißsein in Tansania. So zeigte sich, dass hellere Frauen, die bei uns als schwarz gelten, in anderen Gesellschaften als weiß bezeichnet werden oder dass Weißsein manchmal gar nichts mit Hautfarbe, sondern eher mit ökonomischem und sozialem Status zu tun hat. Bei Weißsein handelt es sich daher um eine sehr flexible Kategorie, die sich jeweils in verschiedenen Kontexten unterschiedlich ausdrückt und gerade deshalb so machtvoll ist.  

(1)  Hier handelt es sich um keinen Rechtsschreibfehler! bell hooks ursprünglich Gloria Watkins schreibt sich explizit in Kleinbuchstaben. Ihr KünstlerInnenname ist an jenen ihrer Ur-Großmutter Bell Hooks angelehnt, die sie sehr bewundert. Um sich von ihr zu unterscheiden, entschied sie sich, ihren Namen in Kleinbuchstaben zu übernehmen. Weiters gibt ihr KünstlerInnenname hooks die Möglichkeit, andere Sprechpositionen als nur jene von Gloria Watkins einzunehmen.



Weiterführende Literatur:

Eggers et al. (Hg.) (2005): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster: Unrast.

Habermann, Friederike (2008): Der homo oeconomicus und das Andere. Hegemonie, Identität und Emanzipation. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

Hacker, Hanna (2005): Nicht Weiß Weiß Nicht: Überschneidungen zwischen Critical Whiteness Studies und feministischer Theorie. In: LHomme. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft: Whiteness, 16. Jh. (2005), H.2, 13-27.

hooks, bell (1994): Black looks: Popkultur – Medien – Rassismus. Aus dem amerikan. Engl. von Karin Meißenburg. Berlin: Orlanda Frauenverlag.

Spivak, Gayatri Chakravorty (1990): The Post-Colonial Critic. Interviews, Strategies, Dialogues. Edited by Sarah Harasym. New York/London: Routledge.



Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

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Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.