Entwicklungskonzepte von Tanzgesellschaften, Dichtern und bäuerlichen Bevölkerungen in Ostafrika, 1870-1918 (Teil 6)

Nachdem in den vorangegangenen Artikeln vier Fallstudien diskutiert wurden soll es im Folgenden darum gehen, die einleitende Frage nochmals zu stellen: Wie war es in vor- und frühkolonialer Zeit in Ostafrika mit Entwicklungskonzepten aufseiten afrikanischer Bevölkerungen bestellt?Welche Vorstellungen bestanden von Fortschritt und Ursachen dafür? Wie wurden diese im Laufe der Kolonialisierung transformiert? Wenig verwunderlich: Es wurden kulturell tradierte Formen der Kommunikation verwendet, um die neuen Situationen zu verarbeiten. Gleichzeitig änderten sich die kulturellen Praktiken dabei aber selbst.

Warum „wir“ besser sind als „die“

Mit Bezug auf Entwicklungskonzepte lassen sich durchaus einige Aussagen treffen. Feststellungen positiver Art sind dabei, dass Wandel kausal erklärt wurde (vor allem Disziplin spielte häufig eine Rolle für das Gelingen von individuellem und kollektivem „Verbessern“) und die kausalen Prinzipien häufig auch Praktiken beeinflussten. So war der Herrschaftsdiskurs der Kilindi darauf ausgerichtet, die Dominanz der eigenen lineage und die Herrschaft über andere lineages der Shambaa zu festigen. Dichotomisierung, die v.a. von postkolonialen AutorInnen als typisch westliche Denkweise geschildert wurde, ist in den untersuchten Swahili-Gedichten häufig anzutreffen. Zentrale Konzepte, wie das der politischen Herrschaft bei den Shambaa oder ökonomischen Wohlstands bei den Bena, blieben, soweit sich das anhand der Quellen vermuten lässt, bemerkenswert stabil im Vergleich zu vorkolonialen Formen.

Zivilisation ohne Zivilisierungsdrang

Vermutungen (und keinesfalls Feststellungen) negativer Art betreffen Aussagen über Ideen, die wahrscheinlich tatsächlich neu waren und durch europäischen Einfluss nach Ostafrika gelangten. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist die Wahrnehmung von anderen nicht nur als kulturell anders und unterlegen, sondern als rückständig. Das heißt, obwohl zwei Gruppen augenscheinlich im Hier und Jetzt existieren, wird die eine als eine Vorstufe der höher entwickelten Gruppe dargestellt. Dieses evolutionistische Denken geht zudem häufig von einem einzigen möglichen Entwicklungsweg aus, dem alle Gesellschaften zwangsläufig folgen. Ebenso ungeläufig war anscheinend die Vorstellung, man müsse andere „entwickeln“, also auf diese höhere Stufe bringen. Die Swahili-Zivilisation mit ihren Küstenstädten und Einbindung in die weitreichenden Handelsnetzwerke über den Ozean hinweg beinhaltete zwar durchaus ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Inlandsvölkern, aber keinerlei Drang zur Durchführung einer Zivilisierungsmission – die ja Praktiken des europäischen Kolonialismus prägte. Die Vorstellungen vom guten Leben und zukunftsgerichtete Strategien betrafen die eigene Gruppe – ob Swahili, Shambaa oder die Mitglieder der aus vielen Ethnien zusammengewürfelten Tanzgesellschaften beni ngoma – der Universalismus, der aus den europäischen Zivilisierungsbestrebungen spricht, wirkt dadurch sehr partikular.

Grenzen und Nutzen der Konzepte

Natürlich haben wir es hier nicht mit wissenschaftlichen Theorien zu tun, sondern mit „folk models“, und die Reichweite der Konzepte war daher in der Regel beschränkt. Die Konzepte und Praktiken erfüllten dafür aber auch weitreichendere Funktionen: Sie sorgten für Zusammenhalt und Orientierung in bestimmten Gemeinschaften, ermöglichten Handlungen und wurden natürlich auch ständig an die sich ändernden Realitäten angepasst. Selbstkritisch muss auch erwähnt werden: was hier als Entwicklungskonzept bezeichnet wurde, steht anderorts unter Namen wie „kulturelle Praktiken“, „Identitätskonstruktionen“ oder „politischer Legitimationsdiskurs“. Aber können wir nicht auch einen Klassiker der Entwicklungstheorie wie Rostows „Stages of Growth“, in dem die Konsumgesellschaft als höchste Stufe sozioökonomischer Entwicklung beschrieben wurde, als ein politisches Manifest begreifen, dass in erster Linie das kapitalistische System legitimieren wollte – nur eben mit dem Unterschied, dass sein Autor sich anmaßte zu behaupten, dass sein Konzept auch für andere Gesellschaften Geltung beanspruche?

Zu den weiteren Beiträgen dieser Artikelserie:
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 1)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 2)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 3)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 4)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 5)

Eric Burton studierte Internationale Entwicklung sowie Kultur- und Sozialanthropologie in Wien und Dar es Salaam. Der Autor lebt zur Zeit in Wien und arbeitet in einem Forschungsprojekt am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte über die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit mit einem Fokus auf die BRD und DDR. Rückmeldungen werden gerne entgegengenommen: eric.burton@univie.ac.at, redaktion@pfz.at

 

Quellen:

Feierman, Steven (1972): Concepts of Sovereignty among the Shambaa and their relation to political action. Oxford University: Dr. Phil. Thesis (accessed at  University of Dar es Salaam, East Africana Collection).

Feierman, Steven (1974): The Shambaa Kingdom. A History. Wisconsin: University Press.

Feierman, Steven (1990): Peasant Intellectuals. Anthropology and History in Tanzania. Wisconsin: University Press.

Giblin, James (2005): A History of the Excluded. Family as Refuge in Twentieth Century Tanzania. Dar es Salaam: Mkuki na Nyota.

Glassman, Jonathon (1995): Feasts and Riot. Revelry, Rebellion and Popular Consciousness on the Swahili Coast 1856 – 1888. Portsmouth: Heinemann.

Hemedi bin Abdullah (1952): A History of Africa. Translated by E.C. Baker. In: Tanganyika Notes and Records Vol. 32, pp. 65-82.

Miehe, Gudrun / Bromber, Katrin / Khamis, Said / Großerhode, Ralf (2002): Kala Shairi. German East Africa in Swahili Poems. Köln: Rüdiger Köppe. [hieraus die Gedichte zitiert]

Ranger, Terence (1975): Dance and Society in East Africa 1890-1970. The Beni Ngoma. Berkeley: University of California Press.

Rostow, Walt Whitman (2008[1960]): Die fünf Wachstumsstadien: Eine Zusammenfassung. In: Fischer, Karin / Hödl, Gerald / Sievers, Wiebke (eds.): Klassiker der Entwicklungstheorie. Von Modernisierung bis Post-Development. Wien: Mandelbaum, pp. 39-52.

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