Die italienische Mafia ist für viele Jugendliche der einzige Ausweg, ihre Existenz zu sichern. Sie bietet aber auch soziale Anerkennung und die Möglichkeit gesellschaftlichen Aufstiegs.Wie die Jugendlichen auf die Chancenlosigkeit, im normalen Berufsleben ihr Auskommen zu finden, reagieren, beschreibt ein junger Dealer: Zuerst habe ich in einer Bar gearbeitet, ich bekam zweihundert Euro im Monat, mit Trinkgeld kam ich auf zweihundertfünfzig, und die Arbeit gefiel mir nicht. Ich wollte mit meinem Bruder in der Autowerkstatt arbeiten, aber sie haben mich nicht genommen. Im System kriege ich dreihundert Euro die Woche, aber wenn ich gut verkaufe, gibts noch Prozente auf jeden Ziegel (den Barren Haschisch), und so komme ich auf dreihundertfünfzig bis vierhundert Euro. Ich muss schon schuften, aber am Schluss schieben sie immer ein bisschen mehr rüber (Saviano Roberto: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra, München 2009, Taschenbuch: dtv, S.133). Der Wechsel in die Kriminalität ist deswegen einfach, weil die Camorra allgegenwärtig ist, und somit eine Anstellung im System leichter ist, als sich um einen legalen Job zu bewerben, weil man immer jemanden aus dem System kennt. Ein Handschlag genügt.
Das System versorgt alle
Es gibt neben der guten Bezahlung auch andere Vorteile, innerhalb der Clans zu arbeiten. Die Clans sorgen für ihre Mitglieder und schützen sie vor Verhaftungen. In Secondigliano arbeiten zum Beispiel 500 DrogenverkäuferInnen in einem absolut rechtsfreien Raum völlig ungefährdet (siehe). Das System stellt im Notfall RechtsanwältInnen und versorgt die Familien der Inhaftierten, es sorgt auch für die nötigen Freizeiteinrichtungen für ihre jungen Mitglieder.
Die Berufe innerhalb der Clans ergeben sich aus deren Tätigkeitsfeldern: Man bekommt Arbeit auf ihren durch Korruption erlangten Großbauaufträgen. Es kann im Drogennetz mitgearbeitet werden: als TransporteurIn, ChemikerIn, der/die Kokain herstellt und streckt, VerteilerIn, als Verwandte, die in der Küche die Briefchen füllen, EndverkäuferIn, KontrolleurIn und BewacherIn der HändlerInnen und KonsumentInnen und als ManagerInnen, der/die das Netz intakt hält. Man kann auch in das Fälschergeschäft einsteigen: In unzähligen Schwarzbetrieben rund um den Vesuv stellen eingeschmuggelte Chinesen [] perfekt gefälschte Designerkleidung her. Diese werden auf der ganzen Welt, meist in eigenen Geschäften, als Originale vertrieben, sodass einE zum System gehörigeR jungeR NeapolitanerIn in Australien oder der USA in einem Geschäft, das der Camorra gehört, GeschäftsführerIn werden kann (ebd. S. 56).
Gefährliche, aber ehrenvolle Arbeit
Manche Jugendliche werden MüllentsorgerInnen in der illegalen Sondermüllentsorgung. Die Jugendlichen benötigt man zum Entladen der LKWs und zum Befüllen der illegalen Sondermülldeponien. Die LKW-Fahrer weigerten sich nämlich, die Giftmüllfässer zu entladen: Der letzte Schritt, wenn die Fässer von den Lastwagen auf Pritschenwagen umgeladen und dann zur Grube gebracht werden mussten, war am gefährlichsten. Niemand fand sich bereit, diese Drecksarbeit zu erledigen. Die Fässer wurden aufeinander gestapelt, bekamen dabei oft Dellen, und es entwichen giftige Dämpfe(ebd. S. 326). Jugendliche zwischen 14 und 16 tun diese Arbeit, für 250 Euro (ein Fünftel des Monatslohns eines italienischen Arbeiters) pro Ladung! Und je öfter die Jugendlichen hörten, wie lebensgefährlich die Sache war, desto stolzer waren sie, an einem so großen Coup beteiligt zu sein (ebd.). Für das System zu arbeiten ist ohnehin weit ehrenvoller, als in anderen Bereichen. Burschen beginnen allgemein mit dealen und übernehmen, wenn sie zuverlässig sind, auch andere Aufgaben. Sie kontrollieren den Drogenverkauf, Supermärkte, ob sie von den richtigen LieferantInnen beliefert werden oder eine Baufirma, wenn diese nicht gespurt hat (ebd.). Irgendwann bekommen sie vielleicht ein Moped oder ein Eisen (Pistole) und fühlen sich als Herren der Stadt (ebd. S. 129 ff).
Camorra als einziger Ausweg
Aber auch Mädchen können, meistens wenn sie mit einem Camorristen verheiratet sind, eine Karriere versuchen. Mit viel Geschick schaffen sie es bis zur Managerin oder Geschäftsfrau mit dem entsprechenden Machtpotential innerhalb des Systems aufzusteigen. Die Chance aufzusteigen ist, wie auch bei den Burschen, gering, aber die Hoffnung bleibt für alle erhalten.
Der Einstieg in die Camorra ist somit für sehr viele Jugendliche nicht nur der einzige Weg, ein regelmäßiges Einkommen zu erlangen, sondern auch der einzige Weg zu Anerkennung zu kommen. In dieser Gegend als Küchenjunge, als Kellner oder auf dem Bau zu arbeiten, wird als Schande empfunden. Abgesehen von den immer gleichen Gründen: Schwarzarbeit, keine Bezahlung für Urlaub und Krankheit und in der Regel ein Zehnstundentag, gibt es hier keine Chance, weiterzukommen. Das System dagegen bietet wenigstens die Illusion, Leistung lohne sich, und es gebe Aufstiegsmöglichkeiten. Ein Camorrist genießt ein ganz anderes Ansehen als ein Küchenjunge, die Mädchen würden ihn nie als Loser verachten (ebd. S. 134). Sie wollen aber nicht ein schießwütiger Al Capone werden, sondern erfolgreicher Unternehmer.
Der Autor ist seit 30 Jahren Sonderschullehrer und hat das Studium der Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaft absolviert.