Entwicklungsgebiete sind nebenan III

Die Generation Praktikum ist auch in Süditalien Alltagsrealität. Beziehungen sind notwenig, um einen Job zu bekommen. Da ist der Schritt zur Mafia, die sich mehr und mehr als wirtschaftliches Unternehmen versteht, nicht weit.Die Jugend in der Provinz Neapel

Es gibt auch in Kampanien eine ähnliche Institution wie das österreichische AMS für Jugendliche, der es 2008 gelang, 3.500 Plätze in Kursen und in 200 Firmen und 9.000 Praktikumsstellen zu schaffen (siehe). Daneben gibt es in Kampanien Förderungen durch die cassa integratione, eine Wiedereinstellungshilfe für Arbeitslose, die an die Firmen bezahlt wird. Diese Zahlungen werden angesichts der Krise in erhöhtem Maß in Anspruch genommen, wobei die Firmen aber eher Personal mit Erfahrung suchen.

Durch die Krise sind die Jobs für AkademikerInnen, sehr gut ausgebildete SpezialistInnen sowie TechnikerInnen zurückgegangen. Wie in Österreich gibt es auch in ganz Italien die Generation Praktikum: StudentInnen und AbsolventInnen, die ein Praktikum nach dem anderen absolvieren, immer mit der Hoffnung, danach endlich eine feste Anstellung und mehr Geld für ihre Leistungen und Anstrengungen zu erhalten. Die AbsolventInnen der Hochschulen in Italien kennen diese Situation schon lange. Oft vergeht vom Studienabschluss bis zu einem festen und legalen Arbeitsverhältnis ein Zeitraum von drei Jahren. Am Anfang stehen Arbeitsverhältnisse ohne schriftliche Verträge und ohne die üblichen Sozialleistungen. Eine zunehmende Bedeutung bekommen befristete Arbeitsverhältnisse, Zeitverträge und projektorientierte Arbeitsverträge (siehe).

Vitamin B(eziehungen) bei der Jobsuche

Die meisten Anstellungsangebote in der Provinz bestehen im Dienstleistungsbereich (74%), z.B. im Tourismus, der jedoch das arme Hinterland von Neapel nicht erreicht. Industrie (14,4%) und Landwirtschaft (2,5%) bieten schon bedeutend weniger Arbeitsplätze, betreffen allerdings eher die Problemzonen von Neapel. Es ist aber wahrscheinlich, dass auch hier, wie schon oben angeführt, lieber Personen mit Erfahrung als Jugendliche angestellt werden.

Am Bau, in Metallberufen, für MechanikerInnen, VertreterInnen, im Bereich der Reparatur von Elektrogeräten, für Personen im IT-Bereich und in der Kinderbetreuung sind die Chancen auf eine Anstellung am besten, wobei die engmaschigen Familien- und Freundschaftsstrukturen für eine Anstellung oft mehr ins Gewicht fallen, als etwaige Fähigkeiten, zumal diese Jobs von kleinen familiären Firmen angeboten werden.

Katastrophale Arbeitsbedingungen



Für Mädchen gibt es somit neben den üblichen legalen Jobs im Bereich der Touristik und dem Handel oftmals Arbeit in Kleinbetrieben einer Besitzerfamilie (die meistens schlecht bezahlt sind und lange Arbeitszeiten haben), in der Kinderbetreuung und in Kleinstbetrieben, die Luxuswaren herstellen. Der italienische Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano beschreibt dies so: Es gibt noch einige erfolgreiche Fabriken, [] sie arbeiten für die großen Stylisten. Schnelligkeit und Qualität. Höchste Qualität. Sie besitzen noch immer das Monopol, die schönsten und besten Modelle zu schneidern. Made in Italy wird hier gemacht. [] Die Fabriken sind in Räumen unter der Treppe und im Erdgeschoß von Reihenhäuschen untergebracht. Hier wird gearbeitet, genäht, Leder zugeschnitten, werden Schuhe gefertigt. Hintereinander, der Rücken des Kollegen vor deinen Augen, und dein Rücken vor denen des nächsten (Saviano Roberto: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra, München 2009, Taschenbuch: dtv, S. 36 ff). Ein/e ArbeiterIn arbeitet ungefähr zehn Stunden pro Tag. Die Löhne liegen zwischen fünfhundert und neunhundert Euro im Monat. Selten haben die Betriebe mehr als zehn ArbeiterInnen. Mehr als die Hälfte sind Frauen. Sie sind geschickt und praktisch vor der Nähmaschine geboren. [] Es gibt weder Verträge noch bürokratische Regeln. Von Angesicht zu Angesicht werden Zugeständnisse und Verpflichtungen festgelegt, die vage an Rechte und Befugnisse erinnern (ebd).

Burschen finden auf den zahlreichen Baustellen, die zumeist ohne Baubewilligung entstehen, Arbeit. So wurden z.B. 2009 an den schönsten Küstenabschnitten 5000 Immobilien, im Gefahrenbereich des Vesuvs in den letzten 20 Jahren sogar 50 000 Häuser ohne Baubewilligung errichtet. Es ist nicht anzunehmen, dass die hier Beschäftigten andere Arbeitsbedingungen vorfinden, als in den Fabriken, zumal bedacht werden muss, dass es in und um Neapel auch im Baugewerbe fast nur Betriebe mit weniger als zehn ArbeiterInnen gibt und diese Firmen fast wie Familien geführt werden.



Das System

Somit ist es für junge Menschen nur allzu verführerisch, gleich für das System zu arbeiten. Camorra sei ein Begriff für StaatsanwältInnen, JournalistInnen und DrehbuchschreiberInnen, das System aber sei um Neapel jeden geläufig, so Saviano (S. 51). Dieses System besitzt heute eine horizontale und flexible Struktur gleich dem lean management (Prinzip der schlanken Unternehmensführung mit dem Ziel alle Aktivitäten, die für die Wertschöpfung notwendig sind, optimal aufeinander abzustimmen) vieler moderner westlicher Unternehmen, die ehemals hierarchische Struktur der Mafia mit den persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen ist verschwunden. JedeR, unabhängig von der familiären Zugehörigkeit zu einem Clan, kann bei genügender Eignung ManagerIn mit hunderten von GeschäftspartnerInnen werden. Es werden nach Bedarf einfach Gesellschaften gegründet und wieder aufgelöst. Es bestehe auch nicht mehr die Notwendigkeit, ein bestimmtes Gebiet zu kontrollieren. Das Geld zirkuliere und werde letztlich in Immobilien investiert, das meiste Geld werde ohnehin im Ausland verdient und angelegt (S. 59). Die Camorra ist ein globales Unternehmen geworden.

Hier gehts zum 4. Teil der Artikelserie.



Der Autor ist seit 30 Jahren Sonderschullehrer und hat das Studium der Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaft absolviert.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.