Entwicklungsgebiete sind nebenan I

Dass sich Entwicklungsforschung lediglich mit den Ländern des globalen Südens zu beschäftigen habe, ist ein häufiger Trugschluss. Kriminalität und Chancenlosigkeit für Jugendliche sind ebenso Realität in Europa. Diese Serie widmet sich den wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Rekrutierung des Nachwuchses für die organisierte Kriminalität in der Provinz Neapel.Antonio Maria Costa, Exekutivdirektor des Büros der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechensbekämpfung (UNDOC) teilte anlässlich der Veröffentlichung des neuen UNDOC-Berichts am 17. Juni 2010 gleichsam als Zusammenfassung mit, dass sich das organisierte Verbrechen weltweit ausgedehnt habe und zu einer der führenden wirtschaftlichen und besonders durchschlagkräftigen Mächte weltweit geworden sei. Weiters berichtete er: Heute umfasst der Kriminalitätsmarkt die ganze Welt: Illegale Waren stammen von einem Kontinent, werden dann über einen anderen verschickt und in einem anderen verkauft. Diese grenzüberschreitende Kriminalität stelle eine Gefahr für Frieden, Entwicklung und die Souveränität ganzer Staaten dar, weil diese Organisationen mit Gewalt aber auch mit Bestechung Wahlen, PolitikerInnen und sogar das Militär kaufen (siehe).

Die Camorra

Besonders gefährdet vom organisierten Verbrechen sind Gebiete am Übergang von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung, gleichsam Entwicklungsgebiete, weil hier ein starker Zuzug in die Städte, eine hohe Arbeitslosigkeit und ein weit verbreiteter Klientismus zu verzeichnen sind.

Die Provinz Neapel gehört zu diesen Übergangsgebieten, wenn auch der Norden Italiens hochgradig industrialisiert ist. Hier ist auch das Gebiet einer der ältesten kriminellen Organisationen, der Camorra, die in den letzten zwanzig Jahren eine durchgehende Strukturanpassung zu einem neoliberalen Unternehmen vorgenommen hat. Sie ist somit sicher eine der modernsten Organisationen, die ihre Einflusssphäre auf alle Kontinente ausgedehnt hat und eine der bedeutendsten ökonomischen Kräfte Neapels. Inoffiziell gilt sie als größte Arbeitgeberin der Stadt. Dabei ist auch wesentlich, dass diese Organisation von der Bevölkerung als Ordnungsmacht anerkannt wird und ein beständiger Strom an jugendlichem Nachwuchs besteht.

Die wirtschaftliche Basis, auf der die Camorra gedeiht und weshalb Jugendliche sich freiwillig und gerne von dieser Organisation rekrutieren lassen, wird deshalb im Folgenden exemplarisch für ähnliche Organisationen untersucht.



Ökonomische Strukturen in Italien

Ähnlich wie in Österreich wurden Staatsunternehmen privatisiert, Märkte dereguliert und somit auch in Italien das neoliberale Wirtschaftssystem von Silvio Berlusconi eingeführt.

Das Wirtschaftswachstum fiel darauf in den letzten zehn Jahren kontinuierlich. Die Konjunkturentwicklung soll 2010 stagnieren. Derzeit beträgt der Schuldenstand 1.761 Mrd. Euro, das sind 114,6% des BIP, die Neuverschuldung erreichte 2009 weitere 5,3% des BIP, obwohl Silvio Berlusconi in diesem Jahr keine neuen Schulden zur Konjunkturverbesserung aufnahm. Die Stärke der italienischen Wirtschaft liegt im verarbeitenden Gewerbe, vor allem in kleinen Betrieben, die speziell im Süden familiär und patriarchalisch geführt werden.

Die Erwerbsquote ist sehr niedrig (58%), weil sich nur sehr wenige Frauen am Arbeitsmarkt beteiligen. Das jährliche Durchschnittseinkommen ist mit 19.861 Dollar [etwa 1.200 im Monat], eines der geringsten unter den industrialisierten Ländern (in Österreich beträgt es 1. 720 ), wobei die Einkommensunterschiede relativ hoch sind.

Die italienische Wirtschaft ist zweigeteilt: Der Norden (Mailand, Turin, Genua, Mestre) verfügt über einen gut entwickelten Dienstleistungssektor und florierende Industriebranchen wie Elektrotechnik und Maschinenbau, hier ist Italien der viertgrößte Hersteller der Welt, der Süden ist eine der strukturschwächsten Regionen Westeuropas. Das regionale BIP der Lombardei (Turin) ist mehr als doppelt so hoch wie das von Kampanien, wo sich die Provinz Neapel befindet.

Im Dezember 2009 betrug in Italien die Zahl der Arbeitslosen 2,138 Mio. Menschen. Bis Ende 2010 sollen laut CGIL (italienischer Gewerkschaftsverband) noch einmal eine Mio. Menschen ihre Arbeit verlieren, 2009 hat die Arbeitslosigkeit 9,6% betragen [in Österreich 2009: 4,6%].

Berufsausbildung und -chancen der Jugend



Die ersten acht Schuljahre verbringen die italienischen Kinder gemeinsam in der Scuola Materna und der Scuola Media. Im Anschluss daran besuchen die Jugendlichen eine Oberstufe, entweder im Liceo, das an die Universität heranführt, oder sie bereiten sich im Instituto Tecnico Industriale (eine Fachoberschule für Industrie, Handwerk, Handel, Tourismus und soziale Berufe, die ebenfalls mit einer Hochschulreife endet) oder im Instituto Professionale (Berufsschule) auf einen Beruf vor. Wer nach der Scuola Media keine weiterführende Schule besuchen will, kann einen Beruf in einem der Berufsausbildungszentren, die von unteren Gebietskörperschaften oder privaten Trägern unter Aufsicht der Regionen eingerichtet werden können, erlernen. Mehr und mehr erlernen Jugendliche aber ihren Beruf direkt in einer Firma und besuchen daneben eine Berufsschule, so wie es Lehrlinge in Deutschland und Österreich tun.

Das Italienische Bildungssystem weist ebenfalls ein zum Teil extremes Nord-Süd-Gefälle auf. Während zum Beispiel bei den Pisa-Ergebnissen Gesamtitalien in Mathematik nur auf dem 38. Platz (466 Pt.) liegt, ähnliche Werte gibt es beim Leseverständnis und den Naturwissenschaften, verzeichnen die Regionen des Nordens wie die Lombardei (519), Venetien (511) oder Trentino (547) Punktewerte, die nicht nur über denen von Deutschland (503) und Österreich (506) liegen, sondern zum Teil Spitzenwerte (vgl. Finnland 544 Pt.) sind (siehe). Die Werte der südlichen Regionen sind leider kaum zu recherchieren, müssen aber aus statistischen Überlegungen, beachtet man den italienischen Durchschnitt, noch weit unter diesem liegen.

Hier gehts zum 2. Teil der Artikelserie.

Der Autor ist seit 30 Jahren Sonderschullehrer und hat das Studium der Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaft absolviert.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.