In Rahmen der Veranstaltungsreihe Vielfalt Glokal – Migration begreifen, Vielfalt leben, Entwicklung gestalten“ lud das Interkulturelle Zentrum am 13. November 2013 zur Diskussion zum Thema „Diversität im politisch-strategischen Denken von Entwicklungs- und Integrationspolitik“.Die Einbindung lokaler Diaspora-Organisationen erlangt zunehmende Bedeutung in der hiesigen Entwicklungsarbeit. Umgekehrt kann die entwicklungspolitische Perspektive auch Migrationsforschung und Integrationsarbeit befruchten, die vielfach im nationalstaatlichen Tunnelblick verharren. Migration und Entwicklung stellen verflochtene Bereiche dar, deren Berührungspunkte im Austausch sichtbar gemacht werden sollen, um kohärente Strategien zu entwickeln und gemeinsame Anliegen zu formulieren. Gleichwohl dürfe das Zusammendenken unterschiedlicher Diskurse nicht dazu führen, die Unterschiede der jeweiligen Bereiche zu verwischen. Unter diesen Prämissen diskutierten an jenem Abend VertreterInnen verschiedenster integrations- und entwicklungspolitischer Organisationen vom Afro-Asiatischen Institut bis zum Beratungszentrum „migrare“ gemeinsame Schnittmengen und mögliche Gegenstandsbereiche koordinierter Strategien.
Widersprüchliche Anforderungen an MigrantInnen
Michael Fanizadeh vom Wiener Institut für internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC) zeigte in seinem Impulseinstieg exemplarisch die Widersprüchlichkeiten und Inkonsequenzen beider Politikfelder auf. So spielten MigrantInnen und Diaspora-Organisationen in der Entwicklungszusammenarbeit als AkteurInnen in lokalen und internationalen Projekten, als Brückenpersonen mit Know-How zu ihren Herkunftsländern und in der Unterstützung der Wirtschaft ihrer Heimatländer eine immer zentralere Rolle. Am Beispiel eines Zitats von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz machte Fanizadeh anschaulich, mit welch diametral anders gelagerten Handlungsanweisungen und normativen Leitbildern MigrantInnen dagegen von Seiten der Integrationspolitik konfrontiert werden. In einem Presse-Artikel 2011 legte Kurz den in Österreich lebenden bosnischstämmigen MigrantInnen Immobilieninvestitionen in der neuen Heimat anstelle eines Hausbaus im Herkunftsland ans Herz. Das, so der Integrationsstaatssekretär, sei „uns Österreichern gegenüber loyaler“. Dem Diskurs der Migrationssteuerung folgend soll eine gezielt eingesetzte Entwicklungszusammenarbeit wiederum dazu genutzt werden, die „Migrantenströme zu dämpfen“, so formulierte das zumindest Innenministerin Johanna Mikl-Leitner 2012, wie Fanizadeh ebenfalls zitierte.
Eine einfache Kreuzung des politisch-öffentlichen Diskurses beider Themen machte also Widersprüche sichtbar, deren Bearbeitung Ziel einer verstärkten Vernetzung und damit der Veranstaltung sein sollten. Doch in welchen Gegenstandsbereichen und Themenfeldern können sich die spezifischen Theorie- und Praxisdiskurse von Integrations- und Entwicklungspolitik befruchten, ohne die gezeigten Widersprüche zu wiederholen und zu verfestigen?
Rücküberweisungen: ein „heißes Eisen“ in Entwicklungs- und Integrationspolitik
Als kontroverses Thema entpuppte sich die Problematik der Remissen (remittances), also der Rücküberweisungen von MigrantInnen in ihre Herkunftsländer. Dieses „unsichtbare entwicklungspolitische Engagement“ der Diaspora wurde sowohl in Hinblick auf ihre Effekte als auch auf ihre deutungsdominante Rezeption kontrovers diskutiert. Spürbar wurde dabei die Notwendigkeit einer empirisch fundierten Analyse: Das gängige Interpretationsrepertoire einschlägiger Diskussionen erschöpfe sich nur allzu häufig in unüberprüfbaren Schätzungen und Annahmen, so der Tenor der Gruppe. Je nach Lesart würden diese Remissen dann als entwicklungsförderndes Werkzeug der Umverteilung gesehen oder aber als Entwicklungshemmnis, das die eigenständige Entwicklung der Entsendeländer unterbinde und Abhängigkeiten fördere. In migrations- und integrationspolitischen Debatten finden sich ähnlich kontrastierende Deutungen: Teils wird der finanzielle Druck, den der Imperativ der Rücküberweisungen an Familienangehörige darstelle, als Ursache der marginalisierten ökonomischen Position von MigrantInnen dargestellt, weil diese nicht in die eigene Entwicklung investierten. Gleichwohl würden die Geldströme in die Herkunftsländer vielfach positiv bewertet, wenn ihr Potential zur Unterbindung der oben genannten „Migrantenströme“ in die Gegenrichtung betont wird.
Dualismen im Diskurs
Mit diesen Debatten kristallisierte sich das Aufgreifen der Widersprüche auf der Diskursebene als zentraler Bereich sinnvoller gemeinsamer Aktion heraus. Schließlich war selbst innerhalb der ExpertInnengruppe umstritten, welche Konnotationen der Frage der Rücküberweisungen in der öffentlichen Wahrnehmung breiter Bevölkerungsschichten zukommen: Werden diese tatsächlich als „Illoyalität“ gegenüber dem Aufnahmeland gewertet oder wird ihre positive Dimension als „Entwicklungsarbeit“ rezipiert? Spielt womöglich gar der Aspekt der einstmals durchaus erwünschten „nur vorübergehenden“ Immigration mit „Gast“-Status in manchen Debatten noch eine Rolle? Und warum taugen Bilder von hungernden Flüchtlingen in einer Wüstenlandschaft eher dazu, Mitleidsreflexe zu wecken, als Bilder selbiger Flüchtlinge, sobald sie in europäischen Städten angekommen sind?
Gemeinsame Gestaltungsspielräume und ein Experiment mit Potential
Wo kann gemeinsames Gestalten über das komplementäre Abdecken unterschiedlicher Bereiche hinaus wirksam und förderlich sein? Für die TeilnehmerInnen der Veranstaltung schien dies gerade darin zu liegen, die Gemengelage heterogener Erwartungen und Anforderungen an MigrantInnen zu entwirren und dualistische Innen-Außen-Schemata im Diskurs aufzubrechen. Zwar wurden die VertreterInnen der geladenen NGOs und Vereine bis zuletzt nicht müde, den „experimentellen Charakter“ des Treffens zu betonen, das nur einen „Testlauf“ darstelle, mit Skepsis betrachtet würde und keine vorschnellen Schlüsse zeitigen dürfe. Dennoch schienen die positiven Möglichkeiten weiterer transdisziplinärer Debatten letztlich zu überzeugen und bis zu einem gemeinsamen Positionspapier wurde vieles angedacht. Mit spannenden Initiativen aus der integrations- und entwicklungspolitischen Arbeit bleibt also zu rechnen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und Dissertantin am Institut für Politikwissenschaft. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.