Buchpräsentation und Diskussion in Innsbruck und Linz.
Emmanuel Mbolela ist weit gereist: Seine Flucht aus der Demokratischen Republik Kongo führte ihn durch eine Vielzahl afrikanischer Länder nach Marokko und schließlich in die Niederlande. Am 11. Juni las er aus seinem gerade im Mandelbaum Verlag erschienen Buch im Innsbrucker Begegnungsbogen, am 13. Juni im Kepler Salon in Linz.
Stationen einer Flucht
Im Buch „Mein Weg von Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil“ hat Mbolela seine Erlebnisse und Erfahrungen niedergeschrieben: Kongo-Brazzaville, Benin, Kamerun, Mali, Algerien – alle diese Länder durchquerte er, nachdem er 2002 wegen seines politischen Engagements in einer studentischen Organisation aus seinem Heimatland, der Demokratischen Republik Kongo, fliehen musste.
Über das UNHCR hat er 2008 einen Asylplatz in den Niederlanden bekommen, heute lebt er in Dordrecht (NL). Warum er dieses Buch geschrieben hat? Vor allem, weil es viele seiner FreundInnen nicht geschafft haben: Weil sie schwächer waren als er oder einfach weniger Glück hatten. Emmanuel Mbolela will aufzeigen und aufrütteln. Sein politisches Engagement hat nicht mit seiner Flucht geendet. Eindrücklich weist er mit seiner autobiographischen Erzählung auf Missstände und Unmenschlichkeit hin, mit denen Flüchtlinge aus Afrika konfrontiert werden. Er berichtet von Angst und Ausbeutung während der Flucht und der besonders dramatischen Situation von Frauen und Mädchen, die gewalttätigen und sexuellen Übergriffen oft schutzlos ausgeliefert sind.
Was bedeutet es eigentlich, auf der Flucht zu sein? Seine Heimat, Familie und FreundInnen hinter sich zu lassen, weil man im eigenen Land um sein Leben fürchten muss? Sich aufzumachen zu einer nicht weniger lebensbedrohlichen Flucht, nur um am Ende – sofern man überlebt – nicht selten vor verschlossenen Türen zu stehen und abgeschoben zu werden? Mbolela ist einer von unzähligen Flüchtlingen, die sich gezwungen sahen, einen solchen Weg anzutreten. Mit seinem Buch, so Mbolela, wolle er für die Situation von Flüchtlingen in Europa sensibilisieren und Menschen mobilisieren.
Politisch verfolgt im Kongo
Obwohl die Demokratische Republik Kongo ein sehr reiches Land sei und über viele wertvolle Rohstoffe wie Diamanten, Gold oder Coltan verfüge, lebe ein Großteil der Bevölkerung in extremer Armut, erklärte Mbolela. Die politische Situation des Landes sei schwierig, bis heute leide die Bevölkerung unter Menschenrechtsverletzungen, Kriegen und Korruption. Als junger Student habe er beschlossen, gemeinsam mit anderen gegen diese Ungerechtigkeiten zu kämpfen und sich für eine funktionierende Demokratie, Frieden und Menschenrechte einzusetzen. Bei einer pazifistischen Demonstration schließlich, so Mbolela, sei er gewaltsam festgenommen worden, zwei seiner Mitstreiterwurden bei der Demonstration getötet. Wegen Landfriedensbruch sei er zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Haft, das bedeute Folter und existenzbedrohende Haftbedingungen. Seiner Familie sei es gelungen, ihn freizukaufen, danach musste er fliehen.
Prekäre Situation in Marokko
Schließlich habe er es geschafft, nach Algerien und dann nach Marokko zu gelangen. Dort habe er Rassismus und Rechtlosigkeit erlebt. MarokkanerInnen rufen die Flüchtlinge „die Afrikaner“ als wären sie selbst keine. Während ein relativ normales Leben in Kamerun und Mali noch möglich sei, werden Flüchtlinge im Maghreb wegen ihrer Herkunft diskriminiert und wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Arbeiten sei ihnen nicht erlaubt und Mbolela erzählte, dass vielen der Zugang zu medizinischer Versorgung verwehrt blieb.
Im Gegensatz zu Algerien, wo er aufgrund des vorherrschenden Rassismus gezwungen gewesen sei, gemeinsam mit anderen Flüchtlingen in den Wäldern zu übernachten, sei es ihnen in Marokko zwar gelungen eine Wohnung zu mieten. Da ihnen die Behörden aber keine Papiere ausstellen wollten, seien Kranke nicht behandelt worden, Kinder hätten die Schule nicht besuchen können und die Gefahr, bei einer Polizeirazzia mitgenommen und im Grenzgebiet einfach in der Wüste rausgeschmissen zu werden, sei ständig gegeben gewesen. Habe man dann versucht, zurück nach Marokko zu gelangen, habe die marokkanische Polizei auf die Flüchtlinge geschossen; sei man in die andere Richtung nach Algerien gegangen, habe die algerische Polizei geschossen.
Foto: Alexander Behr
Diese Umstände, die prekäre Situation vieler Flüchtlinge und die Ignoranz internationaler Organisationen vor Ort hätten ihn dazu bewogen, sich abermals politisch zu engagieren. Gemeinsam mit anderen Betroffenen gründete Mbolela im April 2005 in Rabat die ARCOM (Association des Réfugiés et Demandeurs d’Asile Congolais – Vereinigung der kongolesischen Flüchtlinge und AsylwerberInnen) nachdem immer wieder brutale und unrechtmäßige Rückschiebungen von Flüchtlingen ins Niemandsland zwischen Algerien und Marokko durch die marokkanischen Behörden erfolgten. Mbolela betonte, dass das UNHCR, die ein Büro in Rabat unterhält, von den Abschiebungen von Menschen mit teilweise gültigen Aufenthaltspapieren wusste und nichts unternommen habe. Mit seinen MitstreiterInnen der ARCOM setzte sich Mbolela dafür ein, die Flüchtlinge untereinander zu vernetzen, sich gegenseitig zu unterstützen und gegen Abschiebungen und Rechtlosigkeit zu protestieren, obwohl dieses Engagement auch in Marokko nicht ungefährlich gewesen sei.
Die Rolle der „Festung Europa“
An beiden Abenden wurde auch die Rolle Europas diskutiert. Christian Cakl, Geschäftsführer von SOS-Menschenrechte, kritisierte in Linz vor allem die europäische Asylpolitik. Zwar habe laut Menschenrechtserklärung jedeR das Recht auf Asyl, tatsächlich sei es Flüchtlingen in vielen Staaten aber nicht möglich, im eigenen Land einen Asylantrag in einer europäischen Botschaft zu stellen, dazu müsse man nach Europa reisen. Für Flüchtlinge, die verfolgt werden aber keinen gültigen Pass und kein Einreisevisum besitzen, bestehe keine Möglichkeit, auf legalem Wege dorthin zu gelangen. Diese Personen seien gezwungen lebensgefährliche, illegale Fluchtwege zu suchen. Zudem hätten manche Länder Europas Rückschiebeabkommen mit manchen afrikanischen Staaten. Hier würden Flüchtlinge bereits nach wenigen Tagen abgeschoben, die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen, bleibe ihnen verwehrt. Ein solches Vorgehen sei menschenrechtswidrig. Die EU mache ihre Grenzen dicht, obwohl sie zu einem nicht unbedeutenden Teil selbst Auslöser der Flüchtlingsproblematik sei. Durch diverse Wirtschaftsabkommen mit afrikanischen Ländern zerstöre die EU den Markt und die Wirtschaft dieser Staaten und entziehe so den dort lebenden Personen die Existenzgrundlage.
Engagement geht weiter
Wegen allem was er erlebt hat und weil er weder die Lage von Flüchtlingen in Afrika, noch die in Europa akzeptieren will, engagiert sich Emmanuel Mbolela weiterhin: Inzwischen ist er mit der ARCOM im Netzwerk afrique-europe-interact aktiv, das transnational organisiert ist und Anfang 2010 gegründet wurde. Es vernetzt Organisationen und BasisaktivistInnen aus Afrika und Europa, unter ihnen zahlreiche selbstorganisierte Flüchtlinge, MigrantInnen und Abgeschobene und gibt ihnen eine gemeinsame Stimme. afrique-europe-interact fungierte auch als Herausgeber des Buchs von Mbolela. Ein Vorwort hat der Schweizer Soziologe und Autor Jean Ziegler beigesteuert.
Zum Weiterlesen
- https://www.afrique-europe-interact.net/
- Mehr über das Buch: Mandelbaum Verlag, Kurzbeschreibung
- ORF-Beitrag im Morgenjournal
Die Autorinnen sind Mitglieder des Redaktionsteams des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.