JedeR, der/die sich mit dem EU-Beitritt der Türkei befasst, wird früher oder später auf die Auseinandersetzungen zwischen KurdInnen und TürkInnen stoßen. Unterdrückung und Benachteiligung prägen ihre Geschichte.Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das damalige Osmanische Reich geteilt. Kurdistan, Gebirgskette und Siedlungsgebiet der KurdInnen, liegt inmitten der nach der Teilung entstandenen Nationen Türkei, Iran, Irak und Syrien. Eine offizielle Zählung der kurdischen Bevölkerung hat es nie gegeben. Schätzungsweise liegt die Zahl der in der Türkei lebenden kurdischen Bevölkerung zwischen 6 und 15 Millionen Menschen, wobei die Angaben sehr schwanken. Die Hauptsiedlungsgebiete der KurdInnen befinden sich in Südostanatolien (Diyarbakir, Batman, Bitis, Van, Mardin, Hakkari); sie nehmen Gebirgs- und Steppenzonen ein, die bis heute von wirtschaftlicher Unterentwicklung und sozialer Rückständigkeit geprägt sind.
Nach dem Vertrag von Lausanne (1923) genießen alleine die namentlich genannten GriechInnen, ArmenierInnen und Juden/Jüdinnen auf Basis der nicht-muslimischen Religionszugehörigkeit Minderheitenrechte. Nichttürkische, muslimische Minderheiten wie KurdInnen, AraberInnen und TscherkessInnen wurde der Minoritätenstatus nicht zugestanden.
Die Assimilierung der KurdInnen
Nach Artikel 39 des Vertrages von Lausanne sollte der private und öffentliche Gebrauch aller von türkischen StaatsbürgerInnen gesprochenen Sprachen zulässig sein. Der mündliche Gebrauch der Sprachen nicht-anerkannter Minderheiten wurde vor Gericht zwar zugesichert, jedoch nicht der Kontrolle durch den Völkerbund unterworfen. Die KurdInnen wurden und werden nicht offiziell als Minderheit angesehen, obwohl sie die größte Minderheit in der Türkei darstellen, die sich als eigene Sprach- und Volksgruppe versteht. Kurdisch, die Sprache der KurdInnen, hat keinerlei Ähnlichkeiten mit der türkischen Sprache, sie zählt zur indoeuropäischen Sprachfamilie und ist mit der persischen Sprache verwandt. In türkischen Schulen darf und durfte Kurdisch nie unterrichtet werden. Diese Tatsache führte dazu, dass Kurdisch von Generation zu Generation nur mündlich übertragen wurde. Insbesondere Frauen waren wichtig für das Überleben der kurdischen Sprache, da sie häufig vom Schulbesuch und somit von der wichtigsten Assimilierungsinstanz ausgeschlossen waren.
Wie sehr der türkische Nationalstaat die Homogenität seiner StaatsbürgerInnen verlangt, zeigt ein Blick in die Geschichte der Türkei: Schon im Osmanischen Reich kam es zu Verfolgung und Vertreibung der christlichen ArmenierInnen. In der so genannten Türkisierungspolitik und der damit einhergehenden, teils erzwungenen Assimilation nicht anerkannter Minderheiten, wie im Fall der arabischen Minderheit, wird der Drang zur Vereinheitlichung türkischer StaatsbürgerInnen sichtbar. Umsiedlungen der KurdInnen in andere Regionen der Türkei, wie sie in der Vergangenheit praktiziert wurden, und das damit einhergehende Ziel, dass TürkInnen überall die Überzahl bilden sollten, belegen das Bestreben nach territorialer Homogenität. Durch das Auflösen der kurdischen Mehrheit sollten die KurdInnen dazu gezwungen werden, sich der türkischen Bevölkerung anzupassen.
Politische und sprachliche Situation
Bis zum heutigen Tag werden die Menschenrechte der KurdInnen beschnitten. Mitte der 1980er Jahre entstand die Kurdische Arbeiterpartei (PKK). Abdullah Öcalan, der die PKK anführte, galt bis zu seiner Inhaftierung in der Türkei als Staatsfeind Nummer Eins. Am 11. Dezember 2009 hat das Verfassungsgericht der Türkei die DTP, die einzige kurdische Partei, die im Parlament saß, einstimmig verboten. Die Begründung war, die DTP sei auf Befehl und Anordnung von Abdullah Öcalan gegründet worden und würde den politischen Arm der PKK darstellen. Das Gericht verhängte außerdem ein fünfjähriges Politikverbot gegenüber 37 PolitikerInnen.
Es gibt noch immer Einschränkungen bezüglich des Gebrauchs von anderen Sprachen außer der türkischen, vor allem im politischen und öffentlichen Leben und im Bildungsbereich, so die Schlussfolgerungen des EU Fortschrittsberichts 2010. So ist zum Beispiel der Gebrauch der kurdischen Sprache zwar seit 1991 erlaubt, die Menschen können sich öffentlich auf Kurdisch unterhalten und auch publizieren. Die Buchstaben q, x, w sind allerdings nur in der kurdischen Sprache enthalten, in der türkischen jedoch nicht und somit verboten.
Nach Gemeinsamkeiten suchen
Um eine friedliche Lösung des Konflikts zu erreichen, ist es notwendig, einen gemeinsamen Weg zu finden. Erste Schritte sind erkennbar: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoan spricht von Zugeständnissen wie Kurdisch als Wahlfach oder Kurdisch-Instituten, viele KurdInnen sind bereit, sich zur Türkei zu bekennen, unter der Voraussetzung eines autonomen Gebietes. Nationen und Gesellschaften sind immer konstruiert und willkürlich. Die türkische Identität wird durch die Einhaltung von Minderheitenrechte nicht verloren gehen. Dies zu vermitteln ist wichtig, um gemeinsam eine Lösung zu erreichen.
Die Autorin studiert Volkswirtschaft und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
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