Um in praxisorientierter Reflexion fortzuführen, was am 6. Nov. 2012 in Form einer Podiumsdiskussion begonnen hat, fand am 7. Nov. der Workshop „Bildung & Migration“ statt. Organisiert von Paulo Freire Zentrum und BAOBAB Globales Lernen, behandelte dieser Hindernisse und Chancen im Bildungssystem für Menschen mit Migrationshintergrund.
Radikales Umdenken ist notwendig
Nachdem der Vortrag am Vorabend die Problematik fragmentierter migrantischer Bildungs- und Lebensläufe erörterte und sich mit Herausforderungen sowie strukturellen Grenzen des Bildungssystems beschäftigte, zielte der Workshop auf gemeinsame Überlegungen zu Lösungsstrategien ab. Nach einleitenden Worten von Gerald Faschingeder gab Erol Yildiz, Professor für „Interkulturelle Bildung“ an der Universität Klagenfurt, erste Impulse für die anschließenden „Weltcafé“- Diskussionen in Kleingruppen. Ausgehend von seinen Forschungen zur Dialektik der Diversität erläuterte Yildiz die Relevanz eines neuen Diversitätsbewusstseins, das kulturelle Verschiedenheit als biografische Normalität versteht. Radikales Umdenken sei notwendig, um eine neue Anerkennungs- und Inklusionskultur zu ermöglichen.
Erol Yildiz; Foto: Shila Auer
Sebastian Howorka, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Paulo Freire Zentrum, gab durch seine Beobachtungen im Projekt „Ungleiche Vielfalt“ Stoff für Diskussionen. In einem Wiener Gymnasium und der benachbarten Kooperativen Mittelschule (KMS) wurde gemeinsam mit SchülerInnen aus unterschiedlichen Schulstufen der Umgang mit Vielfalt untersucht. Während in der KMS Diversität als Stärke geschätzt werde, sei im Gymnasium ein gewisses „Mittelschicht-Homogenitätsdenken“ erkennbar. Erfahrungen zeigten, dass eine direkte Konfrontation wenig an diesem Denken ändern konnte. Zielführender sei es hingegen, durch positive Erfahrungen mit Vielfalt, Diversität als „neue Normalität“ einzuführen.
Vom Wissen der Möglichkeiten
Schule und was nun? Lehre, weiterführende Schule oder Universität? Die Schwierigkeit, sich für einen individuellen Bildungsweg zu entscheiden, begründe sich oftmals nicht durch zu wenige Möglichkeiten oder mangelnde persönliche Fähigkeiten, sondern vielmehr durch unzureichende Wissensvermittlung. Eltern, die selbst nicht über Kenntnisse des österreichischen Bildungssystems verfügen, können an dieser Stelle nicht ausgleichend wirken und ihre Kinder bei der Wahl von Bildungswegen unterstützen. Strukturelle Ungleichheiten werden dadurch reproduziert.
Hinzu komme, dass Kinder mit Migrationshintergrund durch Fremddarstellungen und Zuschreibungen von außen beeinflusst werden. Diese verursachen Zweifel am eigenen Können und nehmen den Mut, neue Wege einzuschlagen. Als Folge dessen kann es zu Bildungsabbrüchen oder -umwegen kommen.
In Kleingruppen wurden persönliche Erfahrungen ausgetauscht und Hindernisse sowie Herausforderungen auf struktureller, institutioneller und individueller Ebene zusammengetragen: Während einige grundsätzliche Probleme im Schulwesen selbst sahen, meinten andere, dass da keine Aussicht auf eine radikale Veränderung des Bildungssystems in Aussicht stünde Lösungen innerhalb des bestehenden Systems gefunden werden müssten. Diskutiert wurde zudem, ob die Fragmentierung migrantischer Bildungswege nicht vielmehr auf sozioökonomische Faktoren zurückzuführen sei.
„Weltcafé“-Diskussionsgruppen; Foto: Shila Auer
Vorhandene Möglichkeiten nutzen
Nach einer Kaffeepause folgte eine Führung durch den BAOBAB Bücherbestand in der C3- Bibliothek für Entwicklungspolitik. Magdalena Emprechtinger, Bildungsreferentin bei BAOBAB, gab den TeilnehmerInnen Einblicke in die Literatur zum Thema Mehrsprachigkeit und Diversität. Diese umfasst fremd- und zweisprachige Kinderbücher für verschiedene Altersgruppen ebenso wie didaktische Materialien für LehrerInnen und Interessierte.
Einen weiteren Input gab Erol Yildiz mit der Vorstellung des „Biographieprotokolls“, wobei er die Begriffe „postmigrantisch“ und „mehrheimisch“ als zentral identifizierte. Ersteres solle auf Verortungsprozesse migrantischer Bevölkerungsgruppen und die Auseinandersetzung von MigrantInnen der zweiten oder dritten Generation mit ihrer Herkunftsgesellschaft und ihrer (Groß-)Elterngeneration hinweisen. „Mehrheimisch“ stellte er dem Begriff „einheimisch“ gegenüber und wollte damit andeuten, dass ein komplexes Verständnis von Herkunft inzwischen zur Alltagsnormalität geworden sei. Die Reflexion von Biografien lasse „im Normalfall“ viele nicht lokal eingrenzbare Prozesse und (Selbst-)Verortungen erkennen.
Was tun?
In einer zweiten Weltcafé-Runde wurde nach konkreten Lösungen für das Problem der Bildungsfragmentierung gesucht. Die TeilnehmerInnen diskutierten Materialien, Methoden und Erfahrungen, mit denen Ungleichheiten überwunden werden könnten. Es stellte sich heraus, dass es davon bereits eine große Bandbreite gibt, diese in Schulen aber oftmals nicht bekannt sind. Eine am Workshop teilnehmende Lehrerin berichtete von der erfolgreichen Anwendung verschiedener Methoden im eigenen Schulunterricht. Durch die erzielten positiven Ergebnisse wurden KollegInnen motiviert, selbst Schritte zu setzen, die einen diversitätsbewussten Umgang förderten.
Besondere Bedeutung wurde Berufsorientierung und -beratung sowie der Anerkennung von Mehrsprachigkeit im schulischen Kontext zugesprochen. Deswegen müsse schon bei der Ausbildung der PädagogInnen angesetzt werden, um früh ein Bewusstsein für den Umgang mit Diversität zu schaffen. Gleichzeitig sei zu beachten, dass die Schule nicht alles kompensieren und für die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme verantwortlich sein könne. Trotzdem sei die Rolle von Bildungsinstitutionen in den Vordergrund zu stellen, wenn es darum gehe, bestehende Probleme sichtbar zu machen, verbreitete „Mythen“ über „die anderen“ zu hinterfragen und Diversitätsbewusstsein zu schaffen. Dies sind zumindest erste Schritte, um der Fragmentierung von migrantischen Lebens- und Bildungswegen entgegenzuwirken.
Lesen Sie auch den Bericht von der Veranstaltung „Die Fragmentierung der migrantischen Bildungsläufe“ mit Erol Yildiz am Vorabend.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.