Die zwei Seiten der Integration

Unter dem Titel „Stadt.Land.Vielfalt. Von der Migration zur Integration“ wurden am 3. und 4. Juni 2013 im Springerschlößl Statistiken zur Migration in Österreich und Europa, konkrete Integrationsmodelle der Länder und regionale Projekte vorgestellt. Den Abschluss fand die Fachtagung in einer Podiumsdiskussion, die Migration als Faktor für Entwicklung im Fokus hatte.


Defizitorientierte Integrationspolitiken

Nach den einleitenden Worten von Johannes Steiner vom mitveranstaltenden Institut für Umwelt – Friede – Entwicklung (IUFE) folgte ein Vortrag zum Thema „Integration in Österreich und Europa – Zur Rolle von Wissen und ExpertInnen in der Politikgestaltung“ von Maren Borkert vom Institut für Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Sie stellte voran, dass im öffentlichen Diskurs Integration oft mit Assimilation gleichgesetzt werde. Als Zielgruppe von Integrationspolitik identifizierte Borkert Menschen mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft, also ZuwanderInnen der ersten und zweiten Generation. Genau hier liege jedoch ein Problem: Da die so genannte zweite Generation oft in Österreich geboren und aufgewachsen ist, sieht sie sich meistens selbst bereits als Teil der „Mehrheitsgesellschaft“. Durch die Fremddefinition als Gruppe „mit Migrationshintergrund“ werde aber wieder eine Trennlinie gezogen.

Dass die Einschätzung der inländischen Bevölkerung nicht Gegenstand der Integrationspolitik sei, war ein zentraler Kritikpunkt Borkerts. Die Anforderungen an die subjektiven Leistungen der ZuwanderInnen seien deutlich, die Integrationsverpflichtungen des Staates, also die Schaffung der Rahmenbedingungen für gelingende Integration, seien jedoch kaum konkret formuliert.

Wer produziert das Wissen über Integration?

Etwas selbstironisch stellte Borkert fest, dass die Produktion von Wissen über Integration vor allem in Projektform und von „Vollzeitforschenden“ an Universitäten stattfinde. Im öffentlichen Diskurs und politischen Debatten hätten wissenschaftliche Erkenntnisse einen höheren Stellenwert als Alltagswissen (z.B. der Betroffenen oder NGOs). Auf EU-Ebene werde Migration vor allem in Bezug auf die Außengrenzen thematisiert, während Integration eine nationale Angelegenheit sei. Borkert stellte aber dort eine „schleichende Europäisierung“ fest, die durch Leitfäden oder den europäischen Integrationsfonds stattfinde.

Integration wodurch?

Zur anschließenden Podiumsdiskussion, der Borkerts Vortrag als Diskussionsgrundlage dienen sollte, waren Beatrix Lewandowski vom Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF), Tülay Tuncel von „Mingo Migrant Enterprises“ sowie die Vortragende geladen. Imogena Doderer vom ORF moderierte.

Lewandowski sieht die Hauptaufgabe des ÖIF darin, „Menschen, die nach Österreich kommen, zu integrieren.“ Dabei soll durch die Unterstützung bei Alltagsproblemen die gesellschaftliche Partizipation ermöglicht werden. Sie vertrat im Laufe der Diskussion gleich mehrmals den etwas fragwürdigen Standpunkt, dass sie bzw. der ÖIF „nichts mit Politik zu tun habe“, obwohl sie den ÖIF durch die Personalunion von Geschäftsführer und Vorsitz des Integrationsbeirates für politisch einflussreich hält.

Tuncel stellte ebenfalls ihre Organisation kurz vor. Dessen Ausgangspunkt sei, dass viele ZuwanderInnen in ihrem Herkunftsland UnternehmerInnen waren, in Österreich aber aufgrund einer anderen Gesetzeslage oder komplizierter deutscher Formulare etc. vor Schwierigkeiten stünden, wieder ein Geschäft aufzubauen. Daher biete „Mingo Migrant Enterprises“ ein Gründungs-Coaching in vierzehn verschiedenen Sprachen an und begleitet die Unternehmensgründung vom ersten bis zum letzten Schritt.

Borkert merkte an, dass ein gleichberechtigter Dialog, zwischen politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen AkteurInnen wichtig sei, bei dem MigrantInnen nicht als „BittstellerInnen“ gesehen werden sollten. Lewandowski entgegnete, dass es sehr wohl noch Diskussions- und Handlungsbedarf gebe, man aber auch feststellen müsse, dass vor allem in den letzten Jahren „einiges in Bewegung gekommen“ sei.

Ein Dialogversuch

Auf die Frage der Moderatorin, wie das Dilemma um politische Bemühungen auf der einen Seite bei einer gleichzeitigen negative Debatte auf der anderen, wie sie etwa von der FPÖ angestoßen wird, aufgelöst werden könne, fanden die Podiumsteilnehmerinnen keine einheitliche Antwort. Tuncel merkte diesbezüglich an, dass die Entscheidung, wer wie viel zu sagen hat, bei den WählerInnen liege. Auch könne die Diskussion durch eine veränderte Sicht – und auch Selbstsicht – auf Migration abgefedert werden: Ein Migrationshintergrund könne so statt als Herausforderung als Wettbewerbsvorteil interpretiert werden. Borkert stellte die Rolle der Medien als öffentlich meinungsbildend heraus und plädierte für eine faire Berichterstattung über Migrationsthemen.

Die Diskussion deckte viele Aspekte ab, leider schien jedoch auch hier, wie von Borkert zuvor kritisiert wurde, ein Dialog nur bedingt stattzufinden, da alle TeilnehmerInnen aus ihrem Feld heraus argumentierten und ihre jeweiligen Standpunkte wenig verbanden. Obwohl Tuncel kritisierte, dass Mehrsprachigkeit nicht genügend geschätzt werde, zeigte sich auch in der Diskussion, dass der Schwerpunkt von Integrationsbemühungen nicht auf die Thematisierung von Sprachbarrieren verzichten kann. Auffällig war weiters, dass Tuncel jenes Leistungsprinzip vertrat, das Borkert zuvor kritisiert hatte. Sie betonte, dass die Förderung des beruflichen Erfolges von MigrantInnen in Folge der ganzen Gesellschaft zu Gute komme. Dies mag volkswirtschaftlich stimmen, folgt jedoch einer Verwertungslogik, die wiederum den Fokus auf die zu erbringenden Integrationsbemühungen der Zugewanderten verengt.

Trotz dessen kann die Diskussion abschließend als informativ und impulsgebend betrachtet werden, was sich darin zeigte, dass sich anschließend noch ein großer Teil des Publikums beim Buffet versammelte und angeregt weiterdebattierte.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.