Christof Parnreiter, Wirtschaftsgeograph von der Universität Hamburg, präsentierte am 23. November 2007 am Institut für Afrikanistik einen zentralen Aspekt seines Buches: Entgegen dem (populär-) wissenschaftlichen Grundtenor zeigte er am Beispiel von Mexico City entwicklungsfördernde Effekte von Megastädten auf.

Das Bild, das von den Großstädten der "Dritten Welt" gezeichnet wird, ist
im allgemeinen negativ. Man verbindet mit ihnen Slums, in denen Armut
und katastrophale hygienische Bedingungen herrschen. Oft wird die
Darstellung der Megastädte auch noch mit Biologismen untermalt, die sie
als Naturgewalten erscheinen lassen. Städte "wuchern" und etwa die
"riesige Amöbe" Mexico City verleibt sich andere Städte ein.
Der kalifornische Historiker Mike Davis geht sogar soweit, Nairobi und Mumbai als "stinkende Kotberge" zu bezeichnen. Aber ist die Größe einer Stadt wirklich in direkten Zusammenhang mit Unterentwicklung zu stellen?
Die riesige Amöbe Mexico City
Die Einordnung der Megastädte erfolgt aufgrund rein quantitativer Maßstäbe. Nach dem United Nations Development Program (UNDP) definieren sie sich durch eine EinwohnerInnenzahl jenseits der 10 Millionen-Marke. Dieser Schwellenwert bleibt aber inhaltlich unbegründet, und er steht nicht für eine Änderung der Qualität von Städten. Er besitzt daher laut Christof Parnreiter keinen Erkenntniswert. Dazu komme, dass sich im Lauf der Geschichte ändere, was als "zu groß" empfunden werde. Auch Theorien, wonach der Primacy Index, das Größenverhältnis zwischen der größten und der zweitgrößten Stadt eines Landes, Aufschlüsse über den Entwicklungsstand geben soll, sind in der Praxis nicht haltbar.
"Cities are the mothers of economic growth"
Mit diesen Worten von der US-amerikanischen Städtebaukritikerin Jane Jacobs plädiert Christof Parnreiter für ein positiveres Bild von Städten, die nicht "wachsen", sondern von Menschen gebaut werden. Megastädte seien kein Unglück, das über die Menschheit kommt, sondern ein gesellschaftliches Produkt, das aus einer spezifischen Geographie und einer spezifischen Geschichte entstehe. Der in Mexiko während der Importsubstituierenden Industrialisierung (ISI, etwa 1930 bis 1980) erreichte soziale und wirtschaftliche Fortschritt ist laut Parnreiter in und durch Mexico City geschaffen worden.
Im genannten Zeitraum habe einerseits die EinwohnerInnenzahl der Stadt und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ständig zugenommen, und andererseits sei es zu einem deutlichen Anstieg des BSP pro Kopf und einer deutlichen Erhöhung des Human Development Indexes (HDI) gekommen. Relativ gesehen sei diese Steigerung in der gleichen Periode sogar höher als in den USA gewesen. Da der Entwicklungsforschritt in der Stadt größer als am Land gewesen sei, zieht Christof Parnreiter den Schluss, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen geben müsse. Die Megastadt sei demnach sowohl Voraussetzung als auch Produkt peripherer Entwicklung.
Der Erfolg der Importsubstituierenden Industrialisierung sei aus mehreren Gründen von einem "urban bias" abhängig gewesen: Die Produktionserhöhung sei nicht durch Erhöhung der Produktivität erfolgt, sondern durch Beschäftigungszuwachs. Industriestandorte hätten sich daher an der Verfügbarkeit von Arbeitskräften orientiert. Des weiteren sei die Infrastruktur 1930 umfasste das mexikanische Straßennetz nur 1500 km – für eine Dezentralisierung einfach nicht vorhanden gewesen. Ein dritter Grund für die Urbanisierung sei die große wirtschaftliche Bedeutung des Staates. In der Hauptstadt würden die für die Wirtschaft wichtigen Entscheidungen getroffen (Preise, Zölle, Subventionen…), daher habe man die räumliche Nähe der staatlichen Institutionen gesucht.
Christof Parnreiter stellte in seinem Vortrag dar, wie Unterentwicklung als historischer und räumlicher Prozess zu verstehen sei, und welchen Beitrag Geographie zur Entwicklungsforschung leisten könne. Insbesondere hob er die Bedeutung der Beziehungen zwischen Raum und Gesellschaft hervor. Die Produktion von Raum wirke auf die Gesellschaft zurück, und mache so Geschichte.
Christof Parnreiter: Historische Geographien, verräumlichte Geschichte. Mexico City und das mexikanische Städtenetz von der Industrialisierung bis zur Globalisierung. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2007. 320 S., 46 Euro. ISBN 978-3-515-09066-7
Der Autor studiert Politikwissenschaft und ist Praktikant des Paulo Freire Zentrums.