Die Ambivalenz der Kirchen im Umgang mit Sans-papier

Um Sans-papiers ging es bei der Veranstaltung des Prekär-Cafes am 14. Juli 2011 mit Pfarrer Schädelin in den Räumen der katholischen Sozialakademie. In der anschließenden Diskussion wurde die Frage gestellt, ob es wirklich so einfach sei mit der theologischen Begründung des Engagements für die Sans-papiers.

Es gebe neben der barmherzig-prophetischen Linie in der Bibel auch eine reaktionär-legalistische. So zum Beispiel die Stelle im Römerbrief Kapitel 13, wo es heißt: Ein jeder sei der Obrigkeit untertan. An dieser Stelle würden sich vor allem die Kirchenoberen seit fast 2000 Jahren orientieren. Ein Beispiel für die einseitige Sicht der Bibelauslegung sei der Fall des französischen Bischofs Gaillot. Als er sich kompromisslos für die Sans-papiers und gegen die menschenverachtenden Verordnungen des Staates einsetzte, wurde er von Rom seines Amtes als Bischof von Evreux enthoben.

partenia.org, ein Bistum für Entrechtete

Da die Bischofswürde jedoch aus kirchenrechtlichen Gründen nicht entzogen werden kann, wurde ihm der Titel eines seit dem Mittelalter verwaisten Wüstenbistums übertragen. Gaillot machte aus der Not eine Tugend und gründete im Internet das virtuelle Bistum partenia.org.

Dort und auch sonst setzt sich Gaillot weiter engagiert für die Belange der Entrechteten ein.

Schädelin meinte, man müsse die Stelle Römer 13 dann eben anders lesen als die Hierarchie. Überhaupt gelte es immer, die Frage der Legitimation zu stellen.

Die Frage nach dem Verhältnis zu den Gewerkschaften beantwortete Schädelin mit einem Beispiel. Es sei in der Schweiz üblich, dass KontrolleurInnen der Gewerkschaften am Arbeitsplatz überprüften, ob tarifliche Bestimmungen eingehalten werden. Sehr oft wurden nicht nur die Arbeitsverträge überprüft, sondern auch die Aufenthaltsgenehmigungen, was dann zu Schwierigkeiten für die Sans-papiers führte. Eine Initiative der UnterstützerInnen erreichte, dass die meisten KontrolleurInnen jetzt nurmehr die Einhaltung der tariflichen Bestimmungen überprüften.

Ambivalentes Christentum

Eine kritische Stimme aus dem Publikum meinte, mit Schädelin habe man eine positive Seite des Christentums kennengelernt, man solle jedoch nie vergessen, dass das Christentum eine äußerst zweischneidige Angelegenheit sei und eine meist düstere, menschenfeindliche Geschichte habe. Angefangen bei der Rechtfertigung der Sklaverei bis hin zu einem Rechtsradikalen wie H. C. Strache, der das Kreuz in die Kameras halte und gegen den Islam hetze.

Der Auffassung, dass H.C. Strache ein Repräsentant des Christentum sei, wurde aus dem Publikum widersprochen. Schädelin gab zu, dass die Geschichte des Christentums äußerst zwiespältig sei, Kreuzzüge einerseits und Franz von Assisi anderseits, von Franco bis Martin Luther King gäbe es alle möglichen Gestalten, die sich auf das Kreuz berufen. Es gelte auch hier, die Legitimationsfrage zu stellen, die Deutungshoheit zu erlangen beziehungsweise zu behalten.

Zum Abschluss kreiste die Diskussion um die Frage, warum die Kirchen in Österreich im Unterschied zur Schweiz in Sachen Sans-papiers, Asyl und MigrantInnen so inaktiv seien und welche kirchlichen Initiativen es gebe, die sich für diese Menschen einsetzten.

Die Lage in Österreich

Als Hauptgrund, warum die Kirche in Österreich in Sachen Sans-papiers so verhalten reagiere, wurde die ganz unterschiedliche Kirchenstruktur und -verfassung genannt. In den Schweizer protestantischen Kirchen seien die Gemeinden souverän, was ihre Aktivitäten und ihr Budget angehe. Die Gemeinden vor Ort bestimmen, was mit dem Geld geschieht, das ja auch direkt von den Gemeindemitglieder stammt. In der katholischen Kirche sei das prinzipiell anders. Dort entscheidet die Hierarchie. Und die sei traditionellerweise eng mit den Herrschenden und Vermögenden liiert.

Allerdings gebe es im kirchlichen Bereich etliche Initiativen und Einzelpersonen, die sich sehr engagiert für AsylantInnen, MigrantInnen und Sans-papiers einsetzen. Als Beispiel wurde Pfarrer Friedl genannt, der sich im Fall Arigona vorbildlich eingesetzt habe. Es gebe weitere Beispiele solcher Personen, die aber ungern an die Öffentlichkeit gehen, um das Anliegen der Betroffenen nicht zu gefährden. Nicht zuletzt gebe es den Ambulanzbus der Caritas, der Menschen ohne Krankenversicherung medizinische Hilfe biete und das Pfarreiennetzwerk Asyl, das sich in Österreich auch für die Sans-papiers einsetze.

 

Der Autor arbeitet als Systemprogrammierer in einem Rechenzentrum und ist Mitglied im Redaktionsteam von „Tante Jolesch – online-Magazin gegen Dummheit und Depression“ – https://www.tantejolesch.at


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Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.