Der zweite Tag der Veranstaltung Dialog Entwicklungsforschung EZA-Praxis machte deutlich, wie kompliziert und strukturell begrenzt ein Dialog zwischen Praxis und Forschung in Österreich immer noch ist.
Am Donnerstag, den 27. Mai 2010 ging es dann so richtig an die Arbeit. Geleitet wurde der Workshop von den Fragen nach Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen Entwicklungsforschung und EZA-Praxis in Österreich, wie die EZA-Praxis von der Forschung und vice versa profitieren kann und welche Vorraussetzungen benötigt werden, um einen Dialog für beide fruchtbar zu machen.
Ein Markt verschiedene Standln

Margarita Langthaler von der ÖFSE fasste als Einstieg in den Tag ihre Eindrücke vom Vortag zusammen. Für sie waren die Worte von Andreas Novy (ÖFSE) und Margit Scherb (ADA) eine Art Mahnen, dass angesichts derzeitiger Krisen
eine Zusammenarbeit zwischen Praxis und Forschung immer wichtiger werde. Langthaler schnappte Novys Begriff der Wissensallianzen auf und führte diesen weiter, indem sie sich für die Erschaffung einer Kultur des Dialogs aussprach.
Der Vortrag von Thomas Zeller (DEZA) habe den Dialog zwischen Theorie und Praxis als einen ständigen Aushandlungsprozess zwischen verschiedenen AkteurInnen dargestellt. Entscheidende Fragen seien dabei, wer definiere, was geforscht werde und welche Rolle der globale Süden in diesen Verhandlungsprozessen einnähme.
Die Vielfältigkeit der AkteurInnen innerhalb des Entwicklungsbereichs wurde anhand des Marktplatzes, bei dem 17 Organisationen vertreten waren, verdeutlicht. Zwar zeigte der Marktplatz, dass das Wissen der jeweils anderen Seite benötigt werde, dennoch erschien die Trennung zwischen Forschung weiß und Praxis tut noch immer stark verankert. Diese Trennung wurde im Laufe des Tages jedoch teilweise aufgeweicht
Dialoge in Practice
Die vorgestellten Beispiele gelungener Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis zeigten die große Bandbreite an Möglichkeiten eines Dialogs zwischen Praxis und Forschung auf. Dabei wurde deutlich, dass die Grenze zwischen Forschenden und PraktikerInnen nicht immer so eindeutig zu ziehen ist, wie es scheint.

Michael Hauser vom Centre for Development Research (CDR) der BOKU Wien berichtete vom Enabling Rural Ennovation- Ansatz, der bei Projekten zwischen der BOKU Wien, verschiedenen Institutionen, NGOs etc. wie z.B. der Makere University Kampala oder der Uganda Environmental Education Foundation und Bauern und BäuerInnen in Uganda durchgeführt wird.
Das Projekt versteht sich als eine Learning Alliance, sprich alle sollen von allen lernen. Zentral ist die Wende weg von einer Problem-Orientierung hin zu einer Stärken-Orientierung.
Im Sinne partizipativer Methoden sollen Bauern und Bäuerinnen ihren Weg von der traditionellen Subsistenzwirtschaft zu marktorientierter organischer Landwirtschaft suchen und finden. Der Austausch zwischen Bauern und Bäuerinnen und Studierenden des Bereichs organischer Landwirtschaft aus Wien, Uganda und Kenia findet im Rahmen der International Training School statt.

Gerald Faschingeder (Moderator), Thomas Vogel (Horizont3000), Friedbert Ottacher (Licht für die Welt)
Wer nicht auf der BOKU studiert, kann Erfahrungen in Bezug auf Projektarbeit in Uganda und Tansania im Rahmen der interdisziplinären Lehrveranstaltung Projekt 3 integrierte Regionalentwicklung in Entwicklungsländern der TU Wien in Kooperation mit Horizont3000 sammeln. Diese multidisziplinäre Lehrveranstaltung sieht sich selbst als Lernprojekt, bei der zum einen Studierende Projekte in Ländern des Südens kennen lernen können und zum anderen die Arbeit von NGOs aufgrund wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit den Problemfeldern bereichert werden kann. Erfolgreiche Dialoge gab es z.B. schon bei der Planung eines Öko-Camps im Ngorongoro Krater, einem Biosphärenreservat in Tansania, berichteten Thomas Vogel und Friedbert Ottacher erfreut.

Weg von den Studierenden und von NGO-Arbeit, hin zu Budgethilfe in Nicaragua. Karin Küblblöck (ÖFSE) berichtete von ihrem Forschungsvorhaben über die Budgetprozesse in Nicaragua und die Rolle der ausländischen GeberInnen. Der Dialog zwischen Forschung und Praxis läuft hier zum einen über Feldforschung, zum anderen über die Zusammenarbeit zwischen
Küblböck und nicaraguanischen ExpertInnen und der ADA (Austrian Development Agency) ab. Gerade in Bezug auf Küblböcks Studie kam die Frage nach der Verwertbarkeit solcher Materialien für die Praxis auf. Eine Möglichkeit soll die Präsentation der Studie bei NGOs und in anderen Kontexten darstellen.
Möglichkeiten zum Dialog schaffen
In Form von Arbeitsgruppen wurden zum einen die Fragen, was die jeweils eine Seite von der anderen benötigt und welche Art der Zusammenarbeit nützlich wäre, zum anderen die Voraussetzungen für eine erwünschte Zusammenarbeit diskutiert.
In unserer AG unter der Leitung von Margarita Langthaler kam zum Vorschein, dass der Wissensbegriff ein sehr breiter ist und dass sowohl Praxis als auch Forschung gegenseitig als Wissensarchiv dienen können. Als zentrale Wissensarchive wurden folgende diskutiert: themenbezogenes Fachwissen, Handwerkszeug im Sinne von Methodologie zur Erlangung von Wissen, Instrumente der Vermittlung wie gemeinsame Sprache etc., Überblick über potenzielle PartnerInnen, Erfahrungswissen wie z.B. Struktureinblicke in die Praxis-Realitäten und last but not least Wissen aus dem globalen Süden.
Die Diskussion innerhalb unserer Gruppe machte deutlich, wie wenig vernetzt die verschiedenen AkteurInnen untereinander sind und wie wichtig eine solche Vernetzung jedoch wäre, um genau diese angesprochenen Lücken zu füllen.

Was es braucht
Die Vorschläge in Bezug auf die Voraussetzungen für eine erwünschte Zusammenarbeit wendeten den Blick auf die strukturellen Rahmenbedingungen, die Dialogprozesse zwischen Praxis und Forschung entweder behindern oder fördern.
Als Hindernisse wurden unter anderem die Widersprüche zwischen langfristigen Dialogprozessen und kurzfristigen Finanzierungen, getrennte Finanzierung von Projektarbeit und Forschung, fehlende systematische Berufsbegleitung und die verstärkte Prekarisierung von jungen Forschenden und NGO-MitarbeiterInnen genannt. Um solchen Forschung und Praxis spaltenden Tendenzen entgegenzuwirken, bedarf es zum einen mehr Räume, in denen Kommunikation stattfinden kann (Workshops, Tagungen, etc.), zum anderen aber auch stärkere Finanzierung von Kooperationsprojekten zwischen Praxis und Forschung.
Veränderungen müssen aber auch im Bewusstseinsbereich stattfinden, sprich sich z.B. in einer geänderten UnternehmerInnenkultur oder alternativen wissenschaftlichen Exzellenzkriterien widerspiegeln. Dafür ist vor allem auch die Bereitschaft und Offenheit beider Seiten, miteinander in einen Dialog zu treten, von entscheidender Bedeutung.
Zwar war die Stimmung am Ende des Tages eher eine nüchterne, erschien die Diskussion der Rahmenbedingungen für einen Dialog zwischen Forschung und Praxis eher als neue alte Diskussion (solche Forderungen nach Dialog gibt es schließlich schon seit den 1980ern), der Wunsch nach stärkerer Zusammenarbeit war jedoch allemal zu spüren.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaften und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
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