Im Rahmen der zweiten Podiumsdiskussion, am Freitag Vormittag, 26. Oktober 2007,
fragten die VeranstalterInnen des Symposiums "Perspectives on
Development Studies" in Mattersburg nach den Zielen von
Entwicklungsforschung.
Daniela Coimbra de Souza (Mattersburger Kreis) führte als Moderatorin durch das Podium, das sich zahlreichen Fragen, von Forschungsanliegen bis zum Verhältnis Forschung-Praxis, widmete: Neben Möglichkeiten der WissenschafterInnen, Forschungsinhalte selbst zu bestimmen, ging es um Bestrebungen und Grenzen von Entwicklungsforschung: Was kann sie heute wissenschaftlich und entwicklungspolitisch leisten?
Das Anerkennen von Widersprüchen bedeutet ein Abkommen von Win-Win-Lösungen
Im Hinblick auf den Entwicklungsbegriff ist für Henry Bernstein (Universität London) Reflexivität zwar wichtig, man dürfe allerdings nicht die "materielle reale Welt" aus den Augen verlieren. Von dieser Feststellung ausgehend begreift er Politische Ökonomie als geeigneten Forschungsansatz, obgleich dieser von manchen poststrukturalistischen DenkerInnen als Konstruktion der Moderne – und damit als Teil des Problems – gesehen werde.
In der Entwicklungsforschung sieht er zwei konkurrierende Kernthemen, zwei Pole, deren Spannungsverhältnis die Forschungstätigkeit maßgeblich beeinflusse: Modelle von ökonomischem Wandel bzw. Wachstum einerseits, Fragen von Wohlfahrt und sozialer Gerechtigkeit andererseits.
Ein grundlegendes Problem im Entwicklungsdiskurs ortet Bernstein in der Beschränkung wissenschaftlicher Diskussionen auf Win-Win-Lösungen; bestehende Widersprüche würden dabei ignoriert und der Eindruck erweckt, man könne auch ohne eine Veränderung in der gegenwärtigen Macht- und Wohlstandsverteilung sinnvolle Verbesserungen bewirken. Es sei jedoch die Aufgabe von Entwicklungsforschung, so Bernstein, sich genau diesen Widersprüchen aktiv zu widmen.
Entwicklung als "workable pointer"
Der Entwicklungsbegriff als praktisches Arbeitsinstrument, als "workable pointer", ist für Thomas Lawo von der European Association of Development Institutes (EADI) in Bonn geeignet, beibehalten zu werden. Aus seiner Sicht eines Forschungsmanagers biete sich der bereits etablierte Begriff Entwicklung aus sehr pragmatischen Gründen an, weiterhin Verwendung zu finden: "Es ist sofort klar, dass wir über unsere Industrie sprechen, und die ist immerhin eine sehr große". Entwicklungsforschung stoße aufgrund ihres interdisziplinären Charakters oft auf Arroganz anderer Forschungsrichtungen; als Ausweg, dieser zu begegnen, schlägt Lawo "möglichst transparentes Arbeiten" vor, eine "klare Methodenwahl" und "messbare Ergebnisse".
Thematisierung der Historizität von Entwicklungsdiskursen als zentrale Forschungsaufgabe
Walter Schicho (Mattersburger Kreis, Projekt Internationale Entwicklung) trug als Diskutant kurze Zitate des Journals für Entwicklungspolitik "Perspectives on Development Studies" (JEP 2/2007) vor, um sie in diskursanalytischer Manier nach versteckten Aussagen der Vortragenden zu untersuchen. Was Forschungsanliegen anbelangt, schließt er sich völlig der Meinung Aram Ziais (Universität Hamburg) an: Entwicklungsforschung habe zum Ziel, die Historizität der Entwicklungsdiskurse aufzudecken, spezielle Aufmerksamkeit gelte dabei ihren Verflechtungen mit politischen, kulturellen, sozialen und ökonomischen Machtverhältnissen. Es gehe, wie Schicho ergänzend hinzufügte, um die Analyse des wissenschaftlichen Diskurses – insbesondere des ökonomischen.
"Entwicklung": ein Begriff, der bewegt
In der anschließenden Diskussion kam die Auseinandersetzung mit Forschungsanliegen ähnlich wie bereits in den Inputs der Vortragenden verhältnismäßig kurz, zu groß war der Diskussionsbedarf zum Entwicklungsbegriff selbst. So kreiste die Debatte vor allem um Fragen, die bereits im ersten Podium "Questioning development" sehr kontrovers geführt worden waren. Die Kritik am Entwicklungsbegriff stand weiterhin im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Nach der Meinung Frans J. Schuurmans vom Centre for International Development Issues Nijmegen (CIDIN, Niederlande) eigne sich der Begriff, um den kollektiven Willen einer Gruppe zu bezeichnen, ihre Lebenssituation zu verbessern; ein Festhalten an der Bezeichnung erscheine aus diesem sehr praktischen Grund berechtigt. Ähnlich würde auch Bernstein "Entwicklung" nicht als hegemoniales Konzept, das dem Süden übergestülpt werde, komplett verwerfen.
Ziai wies zum besseren Verständnis seiner Sichtweise auf die Unterscheidung zwischen einer umfassenden Kritik am Entwicklungsdiskurs und einem generellen Verwerfen der Entwicklungspraxis hin. Seine Ausführungen im Rahmen der ersten Podiumsdiskussion bedeuteten kein Plädoyer für einen Stopp jeglicher entwicklungspolitischer Tätigkeit, man solle sich jedoch der negativen Auswirkungen bewusst werden und nach Möglichkeiten suchen, diese zu vermeiden.
Durch die Fortsetzung der Debatten zum Entwicklungsbegriff kam die Frage nach Forschungsanliegen insgesamt recht kurz. Die beiden Vortragenden, Bernstein und Lawo, bezogen sich trotz ihrer sehr unterschiedlichen Zugänge interessanter Weise kaum aufeinander, weshalb das Podium eine gewisse Dynamik in der inhaltlichen Auseinandersetzung vermissen ließ.