Dazugehören oder nicht?

Die Lebenssituation türkischer ÖsterreicherInnen steht im Mittelpunkt des in der schulheft-Reihe erschienenen Werkes Dazugehören oder nicht?. Aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet der Sammelband das in unserer Gesellschaft manifestierte Bild der MigrantInnen und wie dieses von Seiten der Medien maßgeblich beeinflusst wird.

Österreich, dessen Schulklassen nicht selten mehrheitlich aus Kindern mit Migrationshintergrund bestehen, ist immer mehr von strukturellen Benachteiligungen diesen Gruppen gegenüber gekennzeichnet. So wird in Dazugehören oder nicht? unter anderem auf die geringe soziale Mobilität der EinwanderInnen, die zum Großteil aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien kommen, eingegangen. Der häufig eher niedrige sozioökonomische Status einer Migrations-Familie ändert sich meist auch bei den Mitgliedern der zweiten Generation nicht, da ihnen positive Rollenbilder aus dem eigenen Umfeld fehlen. Wie einst ihre Eltern sind auch sie in einem eher schlecht bezahlten Beruf tätig. Laut Sonja Hinsch könne man zwar diverse Formen von Diskriminierung auf das Fehlen der österreichischen Staatsbürgerschaft zurückführen, für Ausschlüsse vom Arbeitsmarkt sei jedoch häufig die ethnische Identität verantwortlich.



Medien bilden Meinung

Welchen Einfluss die Berichterstattungen der Medien auf das öffentliche Bild von Menschen mit Migrationshintergrund haben, wird durch eine Studie von Michael Rittberger deutlich, der im Zeitraum von 1968-2008 die Artikel der Kronen-Zeitung auf die Darstellung von MigrantInnen hin analysierte. Dabei stellte er einen sichtbaren Wandel allein schon in der Benennung der MigrantInnen fest: von den braven GastarbeiterInnen wandelt sich die Bezeichnung hin zu den kriminellen AusländerInnen. Die zahlreichen Kolumnen und LeserInnenbriefe üben besonders vor den Wahlen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Meinungsbild der Krone-LeserInnen aus. Mit der Erzeugung von Angst vor dem Rand der Gesellschaft und der Gegenüberstellung der tüchtigen ÖsterreicherInnen im Vergleich zu den ausländischen SozialschmarotzerInnen wurde die Identität der ZeitungsleserInnen geschaffen.

Zwischen den Kulturen



In ihrem zweiten Kapitel geht Sonja Hinsch auf den Identitätskonflikt ein, in dem sich viele Mitglieder der zweiten Generation befinden. Dabei betont sie, dass beide Gesellschaften, sowohl die Herkunfts- als auch die Residenzgesellschaft, mit ihren Zuschreibungen und Erwartungen für die identitäre Verortung der MigrantInnen prägend sind. Auf der einen Seite soll man die eigene Herkunft nicht verraten und auf der anderen sich der neuen Heimat zugehörig zeigen. Als eine mögliche Bewältigungsstrategie gegen die kritische Selbstwahrnehmung nennt die Autorin die Konstruktion von Solidargemeinschaften, um die häufig negativ behafteten Fremdzuschreibungen aufzuwerten.

Auch aus der Perspektive von Peregrina, eine Beratungsstelle für Migrantinnen, wird Bezug auf den öffentlichen Diskurs über Frauen und Männer mit Migrationshintergrund genommen. Dabei wird von Seiten Peregrinas kritisiert, dass sich die Öffentlichkeit und die Medien stets auf das Thema Zwangsheirat und Ehrenmord stürzen und mit der Falsch-Darstellung dieser Praktiken als Gebote des Islams, zu Diffamierung und Ausgrenzung der migrantischen Familien beitragen. Dabei sei es in ihren Augen weitaus wichtiger, auf die vielfach vorhandenen Formen institutioneller Diskriminierung (erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt, stetige Rechtsunsicherheit) hinzuweisen und dort Lösungsmaßnahmen zu suchen.

Ein ebenfalls sehr aufschlussreicher Teil des Buches behandelt die Ursachen häufig auftretender Probleme, sowohl beim deutschen als auch beim türkischen Spracherwerb. Die Ergebnisse einer Studie zeigten, dass jene Kinder über die schlechtesten Deutschkenntnisse verfügten, deren (Groß-) Eltern in ihrer Vergangenheit einen Sprachwechsel durchlaufen haben, das heißt ihre Muttersprache aufgegeben und somit nicht mehr an ihre Kinder weitergegeben haben. Die Ursache für diesen Wechsel ist häufig der niedrige Status und die Rückständigkeit, die gewissen Sprachen (beispielsweise Kurdisch) und Dialekten von der Gesellschaft zugeschrieben werden. Eltern sprechen mit den Kindern oft in jener Sprache, die in ihren Augen für einen sozialen Aufstieg notwendig ist. Das Problem darin liegt, dass die deutschen Sprachkenntnisse der Elternteile oftmals eher bescheiden sind.



Sprache ist nicht alles

Auch aus der Perspektive des Migrationsforschers Bernhard Perchinig erfolgt eine Einschätzung zur Situation von MigrantInnen in Österreich. In einem Interview wies dieser darauf hin, dass der Prozess der Integration häufig auf die Deutsch-Sprachkenntnisse reduziert werde und betonte, dass Deutschkenntnisse nicht immer mit sozialer Teilhabe einhergingen.

Als ebenso wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration nannte er Antidiskriminierungspolitik und die Vermittlung von Wissen zum nationalen Sozial- und Gesundheitssystem. Auch die häufig bestehende Annahme, Menschen würden über die Übernahme von westlichen Werten in die Gesellschaft integriert, greife zu kurz. Denn diese eurozentrische Idee steht im Widerspruch zu pluralistischen Vorstellungen.



Potential der Mehrsprachigkeit ausschöpfen

Ebenfalls im Buch vorgestellt wird ein Projekt, das migrantischen Familien den Wert ihrer Muttersprache und das Potential des mehrfachen Spracherwerbs verdeutlichen will und an einer Kooperativen Mittelschule in Wien durchgeführt wird. Die SchülerInnen werden in einigen Realfächern neben Deutsch auch noch in anderen Sprachen wie Türkisch, Bosnisch, Kroatisch und Serbisch unterrichtet. Das mehrsprachige Lernen soll die Ausbildungs- und späteren Berufschancen der SchülerInnen erhöhen.  

Mit den unterschiedlichen Perspektiven, aus denen das Buch die Situation von türkischen MigrantInnen beleuchtet, spiegelt es die zahlreichen Barrieren und Schwierigkeiten, denen sie in Österreich begegnen, umfassend wieder. Eine Einschätzung und ein persönlicher Erfahrungsbericht von Seiten einer/s MigrantIn hätten das Bild noch vervollständigt.


Bardakci, Sevgi/Falkinger, Barbara/Hinsch, Sonja/Rittberger, Michael/Sertl, Michael (2009): Dazugehörenoder nicht? Ein Blick in die Lebenssituation türkischer ÖsterreicherInnen. Schulheft 135/2009. Innsbruck/Wien/Bozen: StudienVerlag.

SBN 978-3-7065-4732-1, Umfang: 144 Seiten

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Buchrezensionen.