Ausgehend von einer Rede Paul Singers beschreibt der Autor die solidarökonomischen Umgestaltungsversuche in der brasilianischen Gesellschaft.Die alte Vorstellung einer Form von Utopie, die auf einem allgemeingültigen Modell aufbaut, gehört der Vergangenheit an. Dies war die Kernbotschaft von Paul Singer, Staatssekretär für solidarische Ökonomie in Brasilien und Mitglied des Ehrenpräsidiums des Paulo Freire Zentrums in Wien, während des Seminars "Wissen und Volksbildung: Dialog zwischen Wissensformen und Erfahrungen", das am 27. März 2008 in Recife, Brasilien, stattfand.
Der Staatssozialismus des 20. Jahrhunderts entwarf ein Modell, das weltweit angewandt wurde unabhängig von den sehr unterschiedlichen Kontexten der von kommunistischen Parteien regierten Länder. Von Stalins Sowjetunion bis hin zu China und Kuba eine zentral gesteuerte Wirtschaft, die den Privatbesitz von Produktionsmitteln verbat, war das Leitmotiv für eine post-kapitalistische Wirtschaft. Dieses besondere Modell, inspiriert von der Logik einer Kriegswirtschaft, wurde zum universellen Rezept für politische Bewegungen, die den Kapitalismus überwinden wollten. Es wurde einer Bevölkerung aufgezwungen, die sich fügen musste, und keine Möglichkeiten hatte sich dem Modell zu widersetzen. Deshalb gab es keine demokratische Zustimmung des Volkes zu dieser post-kapitalistischen Gesellschaft. Außerdem existierten keine Mechanismen zum Korrigieren von Fehlern.
Leitprinzipien Kooperation, Solidarität und Demokratie
Die solidarische Gesellschaft, von der Paul Singer träumt, braucht keine vorgefertigten Modelle. Sie beruht vielmehr auf bestimmten Prinzipien, wie Kooperation, Solidarität und Demokratie. In dieser Gesellschaft wird Kapitalismus verschwinden, weil die Menschen anders arbeiten und leben wollen. Für Singer gibt es kein optimales Modell einer solidarischen Ökonomie, das von ExpertInnen ausgearbeitet und von oben implementiert werden könnte. Die grundlegende Strategie, die die brasilianische Bewegung verfolgt, ist das "Experimentieren" mit Unternehmen, die als Verein oder Genossenschaft organisiert sind. Deshalb setzt sich das die nationale Politik begleitende Organ nicht aus ExpertInnen und einer begrenzten Anzahl von Interessensgruppen zusammen, sondern besteht aus einem breiten und demokratischen Forum, das auf Diversität beruht und für Dialog offen ist. Das Nationale Forum der Solidarischen Ökonomie ist zentral für die Koordination der diversen nationalen Bewegungen und Initiativen, weil es eine offene und pluralistische Koordinationsform ist.
Ausweitung der Solidarökonomie
Paul Singer reist viel durch Brasilien ihm ist bewusst, dass jede Gemeinschaft, die eine Kooperationsinitiative startet, einzigartig und anders ist. Brasilien ist ein riesiges Land mit sehr unterschiedlichen Realitäten, Organisationsformen und Problemen. In den vergangenen Jahren zum Beispiel kam es zu einer Annäherung zwischen sozialen und ökologischen Bewegungen und der solidarischen Ökonomie. Verschiedene Bewegungen aus der Landwirtschaft, wie SammlerInnen von diversen Nüssen (von Cashew bis Castanha do Pará) und Gruppen aus der Kautschukgewinnung, sind in den letzten Jahren zur solidarischen Ökonomie gestoßen. Indigene und Quilombolas schwarze Gemeinschaft, die sich auf die früheren Gemeinschaften entflohener SklavInnen beruft organisieren ihre eigenen Kooperativen. Sehr oft sind sie mit mächtigen wirtschaftlichen Interessen konfrontiert, die die Umwelt zerstören wollen und so nicht nur die Natur, sondern auch die Grundlage des wirtschaftlichen Überlebens dieser Bevölkerungsgruppen bedrohen. Die Gemeinschaften organisieren sich politisch und wirtschaftlich, um gegen das Holzfällen oder die Gewinnung von Bodenschätzen zu kämpfen. Durch ihre Aktionen gründen sie solidarische Initiativen als Möglichkeit ihre Lebensqualität zu verbessern und tragen so gleichzeitig zur Entstehung von Wertketten außerhalb des traditionellen kapitalistischen Marktes bei.
Vier Säulen einer "notwendigen Utopie"
Die Gesellschaft, von der Paul Singer träumt, ist von den vier Säulen einer "notwendigen Utopie", die Jacques Delors vorschlägt, inspiriert: lernen zu wissen, lernen zu tun, lernen zu leben und lernen zu sein. Diese Utopie kann nur durch dezentralisierte soziale Veränderung verwirklicht werden, die verschiedene Arten von Wissen vernetzt akademisches Wissen, das durch wissenschaftliche Methoden entsteht, ebenso wie traditionelles und auf Erfahrung beruhendes Wissen. Dieser auf Diversität beruhende Ansatz wird ohne geplant oder bewusst in offiziellen Dokumenten ausgearbeitet zu sein von allen sozialen Bewegungen in Brasilien und von der brasilianischen Bundesregierung umgesetzt. Gilberto Gil, berühmter Sänger und Kulturminister, hat Kulturtreffpunkte eingeführt, die traditionelle ebenso wie avantgardistische kulturelle Initiativen in der städtischen und ländlichen Peripherie des Landes unterstützen. Das Unterrichtsministerium fördert Schulen wie die Fundação Josué de Castro, die von der Landlosenbewegung koordiniert wird. Diese Schule ist öffentlich, wird aber nicht vom Staat verwaltet. Ein Zusammenschluss von Regierungsbehörden, wie das Gesundheitsministerium und das Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Soziale Entwicklung, sowie Banco do Brasil, führen das PRONINC Programm aus (Nationales Programm der Innovationswerkstätten für Genossenschaften). Dies ist ein mittels Ausschreibung organisiertes Finanzierungsprogramm zur Unterstützung wirtschaftlicher Initiativen, um die brasilianischen Universitäten auszusuchen, die am besten geeignet sind, die Vernetzung von universitärem Wissen und dem konkreten Wissen lokaler Initiativen und sozialer Bewegungen zu verbinden.
Aktive Unterstützung des Staates
Dies sind nur einige Aspekte von vielen verschiedenen Erfahrungen aus der solidarischen Ökonomie. Sie alle sind Beispiele des Anfangsstadiums eines möglichen Staates, der aktiv alternative Arten des Lernens, Lebens und Arbeitens unterstützen würde. Brasilianische soziale Bewegungen kämpfen seit Jahrzehnten dafür, den Staat zu verändern und ihn dazu zu bringen, seine republikanische und öffentliche Verantwortung zu übernehmen. Diese neue Form von Staat, die auf Forderungen der Bevölkerung eingeht, wird die solidarische Ökonomie und die wirtschaftliche Demokratie stärken und gleichzeitig zu einer echten Demokratisierung des Staates, die dem Volk dient, beitragen. Sein Grundprinzip wäre, solidarökonomische Experimente zu unterstützen, zu evaluieren und eventuell zu verbessern und verschiedene Menschen und Wissen zusammen zu bringen und so zu einer anderen Art von wirtschaftlichem und sozialem Austausch beizutragen.
Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Auer.