Im letzten Teil des Symposiums "Perspectives on
Development Studies" wurden am Samstag, 27. Oktober
2007, die Diskussionen der Workshops präsentiert und die Zukunft von
Development Studies reflektiert.
Die Arbeitsgruppe mit Henry Bernstein diskutierte über Grenzen und Brücken zwischen Natur- und Sozialwissenschaften. Sollen praktische Projekte oder ihre Analyse im Vordergrund stehen? Bemühungen zur Überwindung dieser scheinbaren Dichotomie müssten gestärkt werden.
Rund um Uma Kothari sammelte sich eine sehr heterogene Gruppe, die den Workshop mit einer Reflexion über die bisherigen Diskussionen begann. Den TeilnehmerInnen fehlte es an konkreten Zukunftsperspektiven und an einer besseren Anbindung zur Vortagung. Es wurde weiters über Forschung und Forschungsmethoden im Allgemeinen gesprochen.
Bei Thomas Lawo wurde die Praxis von Entwicklungsforschung erörtert. Themen wie die vermehrte Abhängigkeit von GeberInnen, Technokratisierung der Forschung, Zugang und Verwendung von Entwicklungsforschung, sowie die Verpflichtung und das Recht Ergebnisse zu publizieren, wurden ausführlich diskutiert.
Frans Schuurman behandelte Fragen zur Inter-, Multi-, Transdisziplinarität, sowie die Verbindung zwischen anwendungsorientierter Forschung und Grundlagenforschung. Kernbereiche in Development Studies seien die Analyse der ungleichen Strukturen, sowie die Erarbeitung von Strategien und ihren Auswirkungen.
Um Aram Ziai scharten sich vorwiegend StudentInnen der Internationalen Entwicklung der Universität Wien, ihnen half die Veranstaltung sich selbst im Feld des Entwicklungsdiskurses zu verorten. Sie schienen allerdings die Thematisierung von Machtbeziehungen zu vermissen.
Mattersburg letzte Runde
Die abschließende Podiumsdiskussion unter dem Titel "Work in progress" startete Aram Ziai. Bezug nehmend auf Frans Schuurmans Vortrag, teilte er dessen Bedenken zum Imperialismuskonzept. Ziai erwähnte auch, dass dieses Konzept von Eliten im "Süden" oft genutzt wurde, um eigene Probleme in den Hintergrund zu rücken. Weiters stimmte er Schuurmans kritischem Zugang zu Development Studies zu. Allerdings warf er erneut die Frage auf, warum der Begriff Development Studies verwendet werden müsse. Darin würde das emanzipatorische Element vernachlässigt. Abschließend widersprach er Henry Bernsteins Ansicht zu Diskursen. Ein klarer Zugang zur "objektiven Realität" sei unmöglich, da jede Herangehensweise von einem bestimmten Diskurs geprägt sei. Welche Gründe, beispielsweise für Armut, als ausschlaggebend gesehen werden, hänge vom jeweiligen Zugang ab.
Henry Bernstein erinnerte an den geringen Anteil, den Development Studies und Wissenschaft an sich in der gesamten "Maschinerie der Entwicklungsindustrie" ausmachten. Bezüglich des Ansatzes der Critical Development Studies sieht er zwei Möglichkeiten: Politische Ökonomie und Poststrukturalismus. Zukünftig solle sich die Entwicklungsforschung auf Studien über Kapital und die Auswirkungen neuer Formen von Akkumulation auf die Arbeiterklasse konzentrieren. Als alternatives, emanzipatorisches Projekt um eine Brücke zwischen Critical Development Studies und Entwicklungsforschung zu bauen, müsse man die Bedingungen der Arbeiterklassen und ihrer Organisationsformen analysieren. Einen wichtigen Beitrag dazu würde WIEGO (Women in Informal Employment: Globalizing and Organizing) leisten.
Uma Kothari fasste in ihrem abschließenden Statement einige Punkte zusammen, die sie für sich als Ergebnis des Symposiums mitnahm. Dazu gehörte, den Fokus mehr auf Dynamiken und Strukturen, wie etwa Kapitalflüsse, zu richten. Die ODA (Official Development Assistance) sei winzig im Vergleich zu privaten Finanztransfers, warum also sollte man sich nur darauf konzentrieren? Armut müsse nicht nur in Kategorien (z.B. Armut = weniger als ein Dollar pro Tag) untersucht werden, sondern auch im Zusammenhang mit globaler Kapitalakkumulation. Des Weiteren sprach sie die Abhängigkeit der Wissenschaft von FördergeberInnen an. Oft werde Forschung instrumentalisiert, um Handlungen zu legitimieren. Es sei kritisch zu hinterfragen, welche Forschung unterstützt werde, und welche Ideologie dahinter stehe.
Auch Thomas Lawo fragte, was die Gründe dafür seien, dass FördererInnen mit manchen Forschungsinstituten gut zusammenarbeiten und mit anderen nicht. Er kritisierte auch die Praxis der Forschungsevaluierung, die Veröffentlichungen und Zitationen in bestimmten Journalen quantitativ messe. Auf diese Weise erfolge eine Einengung der Forschung auf eine festgelegte Bandbreite. Abschließend sprach Thomas Lawo die Rahmenbedingungen innerhalb der Europäischen Union (EU) an, und forderte diesbezüglich ein verbindliches Kohärenzkonzept.
Frans Schuurman betonte wie wichtig es sei, Forschung wieder zurück auf einen kritischen Kurs zu bringen. Es gebe die Tendenz, die Welt in Modellen der Harmonie und Zusammenarbeit begreifen zu wollen. Konflikte auszublenden könne aber keine Lösungen bringen. Eine weitere Herausforderung für die Zukunft sei es, neue Wege der Kommunikation zu Behörden, NGOs und ForscherInnen des Südens zu etablieren.
Mit einer letzten Fragerunde aus dem Publikum neigte sich das Symposium Entwicklungsforschung 2007 Samstag Mittag seinem Ende zu. Von allen ReferentInnen kam großes Lob an die Organisation. Die Schlussworte des Symposiums formulierte Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum). Er bedankte sich für die inspirierenden Beiträge der Gäste und sprach im Sinne der Fortführung des Reflexionsprozesses die Möglichkeit einer "Nach-Tagung" an.
Die AutorInnen sind PraktikantInnen des Paulo Freire Zentrums. Simone Grosser studiert Kultur- und Sozialanthropologie und Portugiesisch. Martin Reif studiert Politikwissenschaft.