Am 15. Jänner luden die Organisationen des C3 – Centrum für Internationale Entwicklung gemeinsam mit dem vidc zur Buchvorstellung des Bandes „Migration und Entwicklung. Neue Perspektiven“ (Bd. 32 der Reihe Historische Sozialkunde – Internationale Entwicklung) ein. Am Podium der von Ilker Ataç moderierten Veranstaltung saßen die zwei AutorInnen Stefanie Kron und Stephan Dünnwald, die den ca. 75 TeilnehmerInnen unter anderem ihre Beiträge aus dem Buch vorstellten.
Über den (akademischen) Tellerrand schauen
Die Veranstaltung wurde von Markus Hafner-Auinger (Mattersburger Kreis) und den Herausgebern Albert Kraler (International Centre for Migration Policy Development) und Wolfram Manzenreiter (Universität Wien) mit Informationen über die Buchreihe und die vorgestellte Ausgabe eröffnet. Die Motivation sei hoch gewesen, das Thema Migration und Entwicklung in einer Reihe erscheinen zu lassen, dessen Ziel es sei, Forschungsthemen für ein breiteres Publikum aufzubereiten.
Ilker Ataç (Foto: Nadine Mittempergher)
Das Buch zeichne sich insgesamt durch einen vielschichtigen Zugang zum Thema Migration und Entwicklung aus, so der Moderator Ilker Ataç. Eine Besonderheit der vorgestellten Ausgabe sei u.a., dass das sonst meist vernachlässigte Thema Binnenmigration, z.B. im Beitrag von Daniel Fuchs über Migration in der Volksrepublik China, behandelt wird. Während der zwei Beiträge der AutorInnen Kron und Dünnwald brachte Ataç immer wieder deren Analysen mit den anderen Beiträgen des Buchs in Zusammenhang. So bekam das Publikum einerseits ein Gefühl für die Komplexität des Themas und andererseits einen Überblick über die im Buch behandelten Aspekte.
Zu den Forschungsthemen
Stefanie Kron forschte mehrere Jahre lang entlang der Grenzregionen zwischen Mexiko/Guatemala und Mexiko/USA. Ihr Interesse habe dabei immer der politischen Debatte über Migrationsregulation gegolten. Zum Thema sei sie gekommen, als sie sich mit Regionalentwicklungen in Europa beschäftigte und diese mit Entwicklungen in Mittelamerika verglich.
Stephan Dünnwald, Ilker Ataç, Stefanie Kron (Foto: Nadine Mittempergher)
Auch Stephan Dünnwald sei auf Umwegen zu seinem Forschungsthema gekommen. In seinem vorgestellten Artikel „Rückkehr als Risiko“ vergleicht er Rückkehrpolitiken in Mali und Kap Verde. Auch wenn es in beiden Ländern vorkoloniale Migrationsbewegungen gab, sei die aktuelle Migration nach Frankreich bzw. Portugal stark von kolonialen und post-kolonialen Strukturen, wie z.B. der Einsatz Malischer ArbeiterInnen in der französischen Automobilindustrie, geprägt.
Das Henne-Ei-Problem: Was kommt zuerst, Migration oder Entwicklung?
Die beiden AutorInnen setzten sich auch mit Fragen der Perzeption von Migration und Entwicklung auseinander. Wie wird Migration in Bezug auf Entwicklungsfragen (und umgekehrt) wahrgenommen? Interessant für diese Untersuchung sei, laut Dünnwald, die Selbstorganisation der MigrantInnen in den Zielländern. Teilweise werden deren finanzielle Rücküberweisungen für klassische Entwicklungsprojekte wie dem Bau von Schulen, Straßenbau usw. in ihren Herkunftsgebieten eingesetzt. Migration sei in diesen Fällen ein Projekt, das zu ökonomischer Entwicklung der Herkunftsgemeinschaft führen solle.
In Zentralamerika gebe es in der Diskussion über Migrationsmanagement und Entwicklung zwei Richtungen, auf die Stephanie Kron in ihrer Arbeit Bezug nahm: Der Fokus auf Sicherheit und der Fokus auf die Rechte der MigrantInnen. Im Sicherheitsdiskurs werden MigrantInnen kriminalisiert und „nördliche“ Probleme in Länder Zentralamerikas ausgelagert, welche als vom „Norden“ lernende Staaten gesehen werden. Der Fokus der Entwicklungspolitik in Bezug auf Migration liege darin, die als defizitär angesehene Visapolitik und die Regulierung des Bedrohungsszenarios „unkontrollierte Migration“ zu verbessern. Im Grunde gehe es bei diesem Prozess darum, „nördliche“ Migrationspolitiken in den zentralamerikanischen Ländern durchzusetzen. Im Rechtsdiskurs hingegen werde (regulierte) Migration durchaus positiv gesehen, da sie zur Entwicklung der Herkunfts- und Zielländer beitrage. Dabei liege der Fokus auf der Anerkennung der Rechte und Würde der MigrantInnen. Migration werde im Sicherheitsdiskurs als Folge von Entwicklungsdefiziten gesehen, im Rechtsdiskurs als Beitrag zur ökonomischen Entwicklung.
In welcher Reihenfolge Migration und Entwicklung auftreten werde also je nach Kontext von den AkteurInnen ausgelegt. In diesem Zusammenhang war die Frage von Ilker Ataç nach den in den Artikeln vorkommenden Institutionen spannend. In Mali sei das EU-finanzierte Zentrum für Information und Steuerung der Migration (CIGEM) ein wichtiger Akteur. Beide AutorInnen betonten den Einfluss der IOM, die die Regionalisierung der Migrationspolitik forciere. In Zentralamerika habe von 1996 bis 2010 ein Prozess der Anpassung der Migrationspolitik an „nördliche“ Standards stattgefunden. Dabei seien die Exekutive und die Migrationsbehörden mit neuen Aufgaben und Kompetenzen versehen worden.
Positive Aussichten?
Abschließend beantwortete Stefan Dünnwald die Frage nach positiven Sichtweisen von Migration und Entwicklung mit der Empfehlung, dass Migration von den bestehenden Entwicklungsorganisationen als Potential wahrgenommen werden solle. Leider werde das Thema Migration nur peripher von vielen Entwicklungsorganisationen behandelt. Stephanie Kron meinte, die Darstellung von Migration als Bedrohung müsse sich verändern, was sich auch auf den Entwicklungsdiskurs auswirken würde. Dabei spielten Entwicklungsorganisationen eine wichtige Rolle.
Diskussion mit dem Publikum (Foto: Nadine Mittempergher)
Aus dem Publikum kamen viele kritische Stimmen in Bezug auf Entwicklung als imperialistisches Konzept, ohne dessen der Diskurs über Migration nicht analysiert werden könne. Es wurde bemängelt, dass dieser Aspekt im Vortrag zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Wie Stefan Dünnwald bemerkte, bräuchte es eine riesige Bibliothek, um alle Aspekte von Migration und Entwicklung zu beleuchten. Was die Buchvorstellung aber deutlich machte ist, dass das Buch „Migration und Entwicklung. Neue Perspektiven“ einen großen Teil des Themenspektrums abdeckt.
Die Autorin ist Mitarbeiterin des Paulo Freire Zentrums und hat Internationale Entwicklung studiert. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.