Das 21. Jahrbuch der „Paulo Freie Kooperation“ mit dem Titel „Überwindung der Kolonisierung in Afrika. Paulo Freire und Bewusstseinsbildung“ gibt wichtige Denkanstöße. Gleichzeitig lassen die einzelnen Beiträge in der Herangehensweise an das Thema einige begriffliche Fragen offen.
Paulo Freires Theorie ist in verschiedenen Kontexten anwendbar.
In 16 Beiträgen von 13 Autor*innen und einem Vorwort von Herausgeber und Diplompädagogen Joachim Dabisch, werden verschiedene Ansätze und Beispiele der Bewusstseinsbildung Paulo Freires im Kontext des Themas ‚Kolonisierung und Dekolonisierung‘ in Afrika diskutiert. Dabisch schreibt im Vorwort, dass die drei elementaren Bestandteile „Dialog-Situation-Praxis“ der Theorie Paulo Freires „in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen ausweitbar“ sind. Die Begriffe ‚Kolonisierung ‘ und ‚Kolonialisierung‘ werden beide im Buch verwendet, bleiben aber unerklärt. Während der Begriff ‚Kolonisierung‘ die Besiedelung von Gebieten meint und auch in der Biologie gebräuchlich ist, legt der Begriff ‚Kolonialismus‘ den Fokus auf Herrschafts- und Machtverhältnisse, die auf einer Ideologie der kulturellen Überlegenheit aufbauen.
Die „Authenticité“-Bewegung im heutigen Kongo.
Einige Beiträge im Buch beschäftigen sich mit konkreten Länderbeispielen. Der Philologe und Literaturwissenschaftler Julien Bobineau analysiert das politische Programm der „Authenticité“ der 1970er und 1980er in Zaire, dem heutigen Kongo. Bobineau zeigt, wie der langjährige Präsident Mobutu Sese Seko eine erzwungene Etablierung „afrikanischer Traditionen“ mit einem zunehmenden Nationalismus verband. Im Laufe der Jahrzehnte resultierte dies in einem totalitäreren Staatsbetrieb. Die „subjektive Diversität“, also die Vielfalt an Bevölkerungsgruppen, Sprachen und Kulturen wurden von Mobutu nicht geduldet. Stattdessen zwang Mobutu dem Land eine scheinbar einheitliche historische Erfahrung auf, die zur Überwindung der kolonialen Vergangenheit beitragen sollte. Nicht nur wurde das Stereotyp einer einheitlichen „traditionellen Afriakanität“ im Ausland so bestätigt. Mobutus Zeit an der Macht verhinderte eine wahre Dekolonialisierung und Suche nach einer eigenen Identität jenseits kolonialer Herrschaft.
Montessori-Ausbildung in Tansania.
Ein weiteres Länderbeispiel liefert Monika Ullmann, Vorstand des Montessori Landesverbandes in Bayern. In ihrem Beitrag schreibt sie von ihren Erfahrungen mit der Gründung einer Montessori-Lehrer*innenbildung über einen Ordensverband in Mtwara, Tansania. Die am Anfang ihres Textes gestellte Frage „Mit welchem Recht „belehren“ wir Menschen?“, wird im Laufe des Beitrages leider nicht weiter reflektiert. Im Kontext des Themas des Jahrbuches wäre hier eine Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten des Wissenstransfers von europäischen Ländern in afrikanische Länder, vor allem im Zusammenhang mit Missionsprojekten, interessant.
Das Humboldt Forum und die deutsche Kolonialzeit.
Zwei Beiträge des Bandes widmen sich der Diskussion um das geplante Humboldt Forum in Berlin und der damit zusammenhängenden Frage: (Wie) sollen Kulturobjekte ausgestellt werden? Thomas Friedrich, Vorstand der Paulo-Freire-Kooperation, findet eine Auseinandersetzung mit „Denk- und Lehrbegriffen“, die mit der Kolonialisierung zusammenhängen und bis heute unser Denken beeinflussen, wichtiger als die ausgestellten Objekte selbst. „Dekolonialisierung ist eine Frage des Kopfes, und zwar des eigenen“, schreibt Friedrich und weist damit vor allem auf Europa. Der Rechtswanwalt und Diplompädagoge Arnold Köpcke-Duttler widmet seine beiden Beiträge ebenfalls der Frage der ‚Dekolonialisierung‘ in Verbindung mit Freires Denken. Die „Dekolonialisierung des Denkens“ im Sinne Freires sei außerdem nicht auf die Kontinente Lateinamerika, Afrika und Asien beschränkt, sondern müsse auch die früheren Kolonialmächte einschließen. In Deutschland gebe es beispielsweise keine „Gedenkkultur“ über die eigene koloniale Vergangenheit und die damit verbundenen Verbrechen.
Dialog als wichtiger Bestandteil Paulo Freires Bewusstseinsbildung.
In mehreren Beiträgen wird auf praktische Beispiele der Pädagogik Paulo Freires eingegangen, die sich der Frage der Bewusstseinsbildung widmen. So schreibt Diplompädagogin Margit Ostertag über den Zusammenhang der Pädagogik von Ruth Cohn, der „Themenzentrierten Interaktion“ (TZI), und der Pädagogik Paulo Freires. So wird bei beiden der „Mensch als dialogisches Wesen“ gesehen und die politische Dimension von Bildung betont. Der Sozialarbeiter Dieter Wolfer berichtet über ein Projekt in Dresden, in dem ein leerstehender Tunnel zu einem Raum für Jugendliche umgewandelt werden sollte. Wolfer sieht in Konflikten rund um die Nutzung öffentlichen Raums auch Potential für „pädagogische Lerneffekte“ und streicht damit ebenfalls die Wichtigkeit von Dialog heraus.
Wichtige Denkanstöße, aber wenig Reflektion.
Die Beiträge im Jahrbuch der „Paulo Freire Kooperation“ weisen immer wieder auf die nicht aufgearbeitete koloniale Vergangenheit Deutschlands und Europas und liefern wichtige Denkanstöße zur nötigen „Dekolonialisierung des Bewusstseins“. Insgesamt hätte das Thema aber in manchen Beiträgen und bei der Verwendung bestimmter Begriffe, wie etwa ‚Kolonisierung‘ und ‚Kolonialisierung‘ , nach mehr Erklärung verlangt. Zwar wurden in mehreren Beiträgen eurozentrische Vorstellungen von Wissen diskutiert, das eigene Verhalten als Europäer*in in Erfahrungsberichten über Aktivitäten im globalen Süden, etwa als Entwicklungshelfer*in oder Ausbilder*in, wurde aber nicht reflektiert. Insgesamt wäre eine Auseinandersetzung mit dem eigenen „kolonialen Blick“ der europäischen Autor*innenschaft wünschenswert.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Literatur:
Begriffserklärung „Kolonialismus“
Foto: Buchcover „Überwindung der Kolonisierung in Afrika. Paulo Freire und Bewusstseinsbildung“ © Paulo Freire Verlag Oldenburg.