Am 5. November 2010 fand im Depot eine Veranstaltung im Rahmen des Projekts ForscherInnen unterwegs statt. Das Thema war die Missachtung von Kompetenzen und Fähigkeiten von MigrantInnen und AsylwerberInnen mit akademischer Ausbildung.Mit-Initiatorin und derzeitige Obfrau des Vereins ForscherInnen ohne Grenzen, Judith Kröll, äußerte ihr Unbehagen, wenn sie die Darstellung von MigrantInnen aus dem Süden in den österreichischen Medien verfolgt. Einerseits wird derzeit eine öffentliche Diskussion über die Notwendigkeit von qualifizierten ZuwanderInnen geführt. Andererseits werden die Fähigkeiten und Kompetenzen der bisher eingewanderten Personen missachtet und ignoriert. Diese erkennbare Widersprüchlichkeit soll in diesem Projekt aufgearbeitet werden.
Emotionale Färbung der Diskussion
Im Rahmen der Diskussionsrunde sollten vor allem folgende Fragen bearbeitet werden: Welche Hindernisse gibt es, Menschen mit Migrationshintergrund mit ihrem Potenzial zu integrieren? Welche Möglichkeiten bietet das Instrument des Mentoring für eine gelebte Solidarität und Interkulturalität? Die sehr vielfältige Thematik und die teilweise emotionale Verbundenheit der DiskutantInnen und des Publikums zu diesem Thema, lenkte die Diskussion oft in Richtung persönlicher Erfahrungen.
Aigul Salmhofer, Herbert Störi, Moderatorin Rossalina Latcheva, Judith Kröll
Fünf Jahre „ForscherInnen ohne Grenzen“
Für Judith Kröll seien seit Beginn der Initiative vor fünf Jahren schon viele positive Veränderungen erkennbar. Sie spricht von einem deutlichen Brain Waste, der durch die langjährigen Asylverfahren in Österreich verursacht wird. Ein Verlust an potentiellen hochqualifizierten Arbeitskräften, die nicht als solche anerkannt werden, sei nicht nur für die MigrantInnen eine große Belastung, auch Österreich würde daraus großen Schaden ziehen. Kröll erwähnte, dass bereits 40% der MigrantInnen bzw. AsylantInnen die Matura haben. Davon sind um die 20-36% überqualifiziert in ihrem derzeitigen Job, den sie in Österreich ausüben. Schon vor drei Jahren saßen die ReferentInnen beisammen, um dieses Thema zu diskutieren. Daher stellte sich auch die Frage, was bisher in diesem Bereich geschehen ist. Herbert Störi, Vorstand des Instituts für Angewandte Physik der TU Wien, meinte, dass keine besonders großen Veränderungen erkennbar seien. Dennoch würde das Verständnis, dass qualifizierte EinwanderInnen wichtig für Österreich sind, endlich in den allgemeinen Diskurs einkehren.
Brain Waste durch Mentoring stoppen?
Durch die langjährigen Asylverfahren können AsylwerberInnen in dieser Zeit nicht arbeiten und verlieren dadurch ihre Qualifikation. Als Unterstützung für MigrantInnen und AsylwerberInnen stehen nun auch Mentoring Programme zur Verfügung. Unter Mentoring versteht Judith Kröll den Aufbau einer Verbindung zwischen persönlichem und beruflichem Kontakt. MigrantInnen sollten die Möglichkeit haben, eineN MentorIn zu finden, der/die bereits ins österreichische Berufsleben integriert ist und Hinweise und Ratschläge an seinen/ihren Menti weitergeben kann. Mentoring sei auf verschiedene Arten möglich. Als erfahrener Mentor in der Diskussionsrunde erwies sich auch Herbert Störi. Er war als Mentor für eine Physikerin aus Afghanistan tätig, deren hohe Qualifikation letztendlich doch in Österreich anerkannt wurde. Durch die Begleitung dieser Physikerin lernte er die bürokratischen Hürden kennen, die den MigrantInnen auferlegt werden. Die Initiative ForscherInnen ohne Grenzen sei für ihn eine unterstützenswerte Sache, die sicherlich vielen MigrantInnen zu Gute komme.
Foto: Gerald Faschingeder
Kein Ende in Sicht
Die Diskussion bzw. der rege Austausch von persönlichen Erfahrungen hätte wohl noch mehrere Stunden weitergeführt werden können. Viele MigrantInnen haben an dieser Veranstaltung teilgenommen, um auch einen Teil ihres Leids zu schildern. Bei einem leckeren Buffet von KAMA, einer Organisation, die AsylwerberInnen die Chance gibt, ihr Können und Wissen in Kursen und weiteren Dienstleistungen zu Verfügung zu stellen, konnten die persönlichen Erfahrungen auch nach dem offiziellen Teil ausgetauscht werden.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert internationale Entwicklung und Bildungswissenschaften an der Universität Wien.
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