Am 10. Juli 2013 wurde erstmalig der Österreichische Preis für Entwicklungsforschung durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMWF) gemeinsam mit der Kommission für Entwicklungsforschung (KEF) vergeben. Kern der Veranstaltung war die Präsentation der Einrichtungen, die hinter der Idee des Preises stecken, sowie der PreisträgerInnen.
Gesellschaftspolitische und innovative Kriterien
Das Publikum im gut gefüllten Audienzsaal des BMWF wurde zunächst von Wissenschaftsminister Karl Heinz Töchterle mit einführenden Worten zur Entstehung des Preises begrüßt. Immer wieder werde Österreich kritisiert, weil es zu wenig für die Entwicklungszusammenarbeit (EZA) tue. Die Entwicklungsforschung sei aber ein wichtiges Feld, das sich mit aktuellen und zukünftigen globalen Herausforderungen befasse, so Töchterle. Die Erkenntnisse, die hier gewonnen würden, hätten unmittelbaren Effekt auf die Lebenssituation zahlreicher Menschen in den ärmsten Ländern der Welt. Daher stehe der Preis laut Töchterle für die richtigen Wege in diesem wissenschaftstheoretischen Bereich und seiner Forschung. Für seine Vergabe seien vor allem der gesellschaftspolitische Aspekt, aber auch die Forderung nach Innovation zentrale Auswahlkriterien, beendete Töchterle seine kurze, etwas mechanisch und müde wirkende Ansprache.
Durch die Europäische Union gesetzlich verankert wurde der Österreichische Austauschdienst (OeAD-GmbH) mit der Durchführung beauftragt. Alle zwei Jahre soll der Preis nun vergeben werden. Die Auswahl führt die KEF durch, die seit 2009 organisatorisch bei der OeAD-GmbH angesiedelt ist.
Ein Maß an Idealismus und Professionalität
Hin und wieder werde die EZA etwas stiefmütterlich behandelt, leitete der Geschäftsführer der OeAD-GmbH Hubert Dürrstein zu seinem Arbeitsfeld über: „Es werden Rechenkünste angewandt, um die Zahl in den rechten Bereich zu rücken“. Die OeAD-GmbH hingegen habe Unterstützungsstrukturen aufgebaut, vor allem bezüglich der Themenbereiche Bildung und Forschung. Innerhalb der EZA stehe sie für die Organisation von Austausch und Mobilität, biete Kooperativen zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen und fördere (Forschungs-)Projekte. Als maßgebliche Programme können hier die durch die Austrian Development Agency gestützte Hochschulkooperation (appear) und die Arbeit der KEF genannt werden. Wesentliche Aspekte für die Entwicklungszusammenarbeit und Entwicklungsforschung seien dabei immer ein gewisses Maß an Idealismus und Professionalität.
Für eine transnationale Zusammenarbeit
Die KEF verstehe sich selbst als eine Plattform für nationale und internationale Entwicklungsforschung, informierte der Vorsitzende ihres Kuratoriums Erich Thöni. Sie solle zusätzlich als Kontakt- und Vermittlungsstelle für Organisationen aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit im In- und Ausland dienen und sehe proaktive Informationstätigkeit und die Vernetzung von Institutionen als ihre wesentliche Aufgabe. Thöni erwähnte, dass die Europäische Union und andere große internationale Organisationen in Zeiten des schnellen Wandels und der Globalisierung eine deutliche Verringerung von Armut, Hungersnöten und einen nachhaltige Umgang mit knappen Ressourcen anstreben würden. Innerhalb der globalen Herausforderungen werde das Problem der Länder des Südens dabei zunehmend als ein Komplex von Symptomen gesehen, die auf endogene wie exogene Faktoren zurückgehen können. Dies zu erforschen erfordere methodisch interdisziplinäre Herangehensweisen, so Thöni. Das Ziel der KEF sei es demnach, wissenschaftliche Kapazitäten in diesen Ländern zu mobilisieren und zu vernetzen, damit eine transnationale Zusammenarbeit entstehen könne.
Die PreisträgerInnen
Der Hauptpreis ging dieses Jahr an das Center for Development Research (CDR) der Universität für Bodenkultur. Das CDR betreibt „Forschung für Entwicklung“ und sucht über Arbeitsschwerpunkte wie nachhaltige Bodenwirtschaft, Schutz von Biodiversität, Wasserressourcen, Fragen rund um nachhaltige und ökologische Land- und Waldwirtschaft sowie Tierzucht Wege gegen die ländliche Armut. Alexandra Grieshofer, Studentin der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien, durfte sich über den Nachwuchspreis für ihren wissenschaftlichen Artikel „Das ‚Problem mit dem Anderen‘ – Zum Beitrag eines relationalen Subjektverständnisses für eine aktualisierte Entwicklungsforschung“ freuen.
Wirkliche Anerkennung oder repräsentative Imageaufbesserung?
Während der Co-Direktorin des CDR, Maria Wurzinger, großzügig Raum für Dankesworte gelassen wurde, schien diese Zeit für Grieshofer nicht mehr gegeben beziehungsweise vergessen worden zu sein. Der Aufbruch des Ministers zu einer anderen Feierlichkeit inmitten der Dankesreden hinterließ einen merkwürdigen Beigeschmack und die Frage blieb im Raum stehen, ob die Preisverleihung eher der offiziellen Imageaufbesserung der österreichischen EZA oder der wirklichen Anerkennung der in diesem Feld Tätigen dienen sollte.
Die kräftigen, rhythmisch-wilden und freien Klänge der zwei Trommler von Trommel Cafés hörte der Minister und sein Gefolge nicht mehr; so manche Hände und Füße der gut 80 TeilnehmerInnen klatschten und wippten jedoch eifrig mit. So wurde durch repräsentative Persönlichkeiten, aber auch musikalisch und kulinarisch ein attraktives Rahmenprogramm geboten, das letztendlich eine tiefergehende inhaltliche Präsentation Grieshofers vermutlich vergessen ließ, obwohl es in ihrer lesenswerten Arbeit doch gerade um eine dialogische Struktur der Interaktion und Kommunikation geht. Grieshofer bietet darin dem in der Entwicklungsforschung häufig verbreiteten Theoriepessimismus die Stirn und plädiert für einen unvoreingenommenen, offenen Umgang miteinander: „So erwächst daraus die Bewusstwerdung für das Eigene in der Bezogenheit zum Gegenüber, wobei gleichsam auch das ‚Problem mit dem Anderen‘ überwunden werden kann, folglich also das Du in seiner ontologischen Wesenhaftigkeit erkannt werden kann„, so Grieshofer in ihrem Artikel.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.