Wie gehen Menschen mit gewaltsamer Vertreibung um? Mirjam Ohr stellte bei der Veranstaltungsreihe des Instituts für Internationale Entwicklung „ie.talks“ am 10. April 2013 im Institut für Afrikanistik ihre Diplomarbeitsforschung mit vertriebenen Frauen in Kolumbien vor.Binnenflüchtlinge, so Mirjam Ohr, sind Menschen, die aufgrund von Kriegen, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen oder Naturkatastrophen flüchten, dabei aber nicht die Staatsgrenzen überschreiten. Diese internen Vertriebenen haben im Gegensatz zu Flüchtlingen, die in ein anderes Land fliehen, keinen rechtlichen Flüchtlingsstatus. Das bedeutet, dass der jeweilige Staat selbst für die Sicherheit und den Schutz dieser Menschen zuständig ist. In Ländern, in denen der Staat aber keinen ausreichenden Schutz gewährleisten kann, ist dies laut Ohr besonders problematisch, so auch in Kolumbien.
Konflikt als Fluchtursache
In den 1960er Jahren kam es in Kolumbien zu starken bewaffneten Konflikten zwischen Guerillagruppen, Paramilitärs und dem Staat, die sich besonders in den 90er Jahren verschärften und bis heute nicht gelöst werden konnten. Der Terror dieser Konfliktparteien auf die zivile Bevölkerung in Form von Drohungen und Gewalt, die Involvierung der Menschen in den Konflikt, die schnell zwischen die Fronten geraten sowie der Verlust des Hab und Guts, wie z. B. Land und Vieh, seien die Hauptgründe dafür, dass sich viele Menschen in Kolumbien zur Flucht gezwungen sahen und sehen. Dabei zeige sich eine Fluchtbewegung vieler Vertriebener aus dem Norden des Landes in die großen Städte.
Hauptverantwortlich für die gewaltsamen Vertreibungen seien die Paramilitärs, einen geringeren Anteil daran hätten Guerillagruppen, ans Ende reihten sich der Staat und andere AkteurInnen ein. Bei Paramilitärs stehe das Interesse an Land im Vordergrund – zum einen für den Kokaanbau, zum anderen spiele aber auch das so genannte Land Grabbing eine wichtige Rolle. Hier würden vor allem Menschen von der Pazifikküste vertrieben, um das Land als Anbau- und Produktionsfläche an nationale und internationale Konzerne zu verkaufen. Auch für Guerillagruppen sei das Land für den Kokaanbau interessant, hier komme es aber auch zu Entführungen junger Männer, die zu neuen Kämpfern ausgebildet werden sollen.
Das Barrio Madre Herlinda Moises
Mirjam Ohr, Dissertantin am Institut für Internationale Entwicklung an der Universität Wien, hat im Zuge ihrer Diplomarbeit „Desplazamiento y violencia en Colombia“ ein Jahr lang in Kolumbien geforscht. Dabei ging es ihr um den Umgang von Frauen aus dem Barrio Madre Herlinda Moises mit der gewaltsamen Vertreibung. Die Siedlung am Rande von Cartagena de Indias wurde 2007 gegründet. 2011, zum Zeitpunkt des Forschungsaufenthaltes, habe die Siedlung ca. 600 Menschen umfasst, die Hälfte davon seien Kinder unter fünf Jahren, die Hälfte der Erwachsenen seien Frauen gewesen, die alleine mit ihren Kindern im Barrio lebten.
Der lange Weg der Forschung
Für ihre Forschung führte Ohr zahlreiche Interviews mit Frauen aus dem Barrio durch, um herauszufinden, wie sie ihr Leben nach der Flucht gestalteten und ob sie Strategien entwickelt hätten, um mit dem Erlebten umzugehen. Dass dazu aber noch viel Vorarbeit nötig war, musste Ohr bald feststellen: „Als ich im Juni 2011 ins Barrio kam“, erzählte sie „wollte ich gleich mit den Interviews anfangen, was natürlich nicht funktionierte.“ Ohr begann also mit regelmäßigen Besuchen bei den Frauen. Dabei beobachtete sie das große Interesse der Menschen an den täglich im Fernsehen laufenden Seifenopern (telenovelas). Diese TV-Serien, erklärte Ohr, spiegelten auch die Realitäten in Kolumbien (z. B. Gewalt) wieder und so begann sie, damit zu arbeiten. In mehreren Workshops sah und besprach sie die Serien gemeinsam mit den Frauen, wobei viele Frauen Parallelen zu ihrem eigenen Leben beschrieben. „Nach zwei Monaten Workshop war den Frauen klar, ich bin da, weil mich ihre Geschichte interessiert. Und so bin ich dann auch zu meinen Interviews gekommen“, erzählte Ohr.
Forschungsergebnisse
Viele Frauen hätten bereits längere Wanderungen mit Zwischenstationen hinter sich, bevor sie ins Barrio Madre Herlinda Moises kamen. Aber auch hier sei ihre Situation schwierig. Die Wohnverhältnisse seien prekär, Hilfe von staatlichen Organisationen sei aufgrund diverser Hürden nicht zu erwarten und die Gesundheitsversorgung erweise sich als mangelhaft. Auch der rechtliche Status der Frauen habe sich mit der Binnenflucht verschlechtert. Trotzdem, so Ohr, planten die Frauen ihre Zukunft im Barrio und würden einen Umzug nicht mehr in Betracht ziehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Vierteln sei dieses Barrio ein sicherer Ort und dieser Aspekt sei für die Frauen entscheidend.
Die neue Situation habe die Frauen aber auch dazu gebracht, positive Veränderungen anzuregen. So sei ein starker Zusammenhalt zwischen ihnen entstanden. Unterstützung bei der Arbeit und bei der Kinderversorgung, aber auch Gespräche untereinander würden ihnen dabei helfen, mit der Situation umzugehen. Zudem sei es zu einer gewissen politischen Emanzipation gekommen. Während Politik zuvor eher „Männersache“ gewesen sei, erkannten die Frauen nach der Vertreibung, wie wichtig es sei, sich für ihre Rechte einzusetzen und dabei eine Vorbildfunktion für ihre Kinder zu haben. So würden im Viertel heute vor allem Frauen die Politik gestalten. Ein Vorstand sei gewählt worden und einmal wöchentlich fänden Versammlungen statt, bei denen Probleme oder verschiedene Themen, die das Barrio betreffen, besprochen und beschlossen würden (z. B. das Aufstellen von Strommasten oder der Umgang mit der Drogenproblematik).
Diese Veränderungen setzten sich auch im Erziehungsstil fort, erzählte Ohr. Mädchen würden nun vermehrt gefördert und darin unterstützt, sowohl zur Schule zu gehen, als auch ein Handwerk zu erlernen. Bei Buben versuche man, den Respekt vor Frauen zu stärken. Wie nachhaltig diese Veränderungen sind, werde sich in Zukunft zeigen.
Zum Weiterlesen: Report des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (OIIP), „Kolumbien zwischen Gewalt und Hoffnung. Analytische Betrachtungen und Eindrücke vor Ort“ von Daniela Härtl (2011)
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.