Serbien im Wandel: Nach dem Zerfall Jugoslawiens fanden erhebliche Veränderungen in der Bildungspolitik der jungen Republik statt. Auf Einladung von Veronika Wöhrer (Institut für Bildungswissenschaften der Uni Wien) und Margarita Langthaler (ÖFSE) hielt die Philosophin und Entwicklungspsychologin Ana Pešikan einen Workshop über Bildungs(-un)gerechtigkeit in Serbien. Die serbische Forscherin beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Bildungsreformen auf die Chancen(-un)gerechtigkeit in ihrer Heimat. Die gesellschaftspolitische Dimension von Bildung spiegelt sich auch in der Einführung des dualen Berufsausbildungssystems wider, die Langthaler und Pešikan aus einer kritischen Perspektive untersucht haben (ein sich darauf beziehender Artikel befindet sich im Druck). Was bedeutet die Transformation von Bildung in Serbien und wie gestaltet sich die duale Ausbildung in diesem Kontext?
Der Abbau realsozialistischer Maßnahmen.
Zunächst muss, wie es auch Pešikan betont, der Unterschied zwischen equality und equity (dt. etwa Gleichheit und Gerechtigkeit) unterstrichen werden: Während ersteres Konzept die für alle Menschen gleiche Bereitstellung von Möglichkeiten und Ressourcen meint, beinhaltet equity eine Vorstellung von Chancengleichheit, die besondere Voraussetzungen und Bedürfnisse berücksichtigt. Bildungsgerechtigkeit würde sicherstellen, dass niemand etwa aufgrund sozio-ökonomischer Faktoren benachteiligt wäre und es keine Hürden gäbe, sein/ihr vollständiges Potential auszuschöpfen. Im früheren Jugoslawien sei, so Pešikan, Bildung als relevanter gesellschaftlicher Faktor anerkannt worden, und es wurde großer Wert auf Maßnahmen gelegt, die Bildungsgerechtigkeit gewährleisten sollten. Bildung sei kostenfrei gewesen, es habe weitgehend Geschlechtergerechtigkeit geherrscht, es habe ein geregeltes System zur frühkindlichen Betreuung und Bildung gegeben, die Schulen seien untereinander vernetzt gewesen und auch ethnische Minderheiten hätten Zugang zu Bildung in ihrer Muttersprache gehabt. Für unterprivilegierte Gruppen seien kompensierende Mechanismen entwickelt worden.
Diese im sozialistischen Jugoslawien implementierten Strukturen würden jedoch seit den 1990er Jahren im Nachfolgestaat Serbien bedroht und durch Prozesse der Neoliberalisierung und der Privatisierung ersetzt werden. Die Gründe dafür seien vielfältig, namentlich seien ursprünglich politische Krisen wie Krieg, Embargos und die Inflation und damit einhergehend eine restriktive Politik und fehlende Ressourcen verantwortlich gewesen. Als Konsequenz daraus ergab sich, dass nicht alle Kinder einen fairen Zugang zum Bildungssystem haben, da dieser an ökonomische wie auch regionale Faktoren gekoppelt sei. Auch bereits bestehende Strukturen wie das Schulnetzwerk könnten aufgrund fehlender Anpassungen nicht mehr mit den sozio-ökonomischen und regionalen Realitäten mithalten. Bildungsreformen müssten sich, so Pešikan, an lokalen Gegebenheiten orientieren und sich dementsprechend anpassen. Stattdessen werde gespart und Schulen geschlossen sowie Angebote und Löhne gekürzt. Zudem gäbe es keine hinreichende Forschung und somit fehlen Einblicke in das tatsächliche Ausmaß der Probleme. Damit falle es der Wissenschaft auch schwer, eine Basis für Empfehlungen zu schaffen. Wie problematisch allerdings bildungspolitische Entscheidungen sein können, die nicht auf der Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen, sondern aus politischem Kalkül getroffen werden, zeigt das Beispiel der Einführung der dualen Berufsausbildung in Serbien.
Das Problem mit der Übertragung der dualen Ausbildung.
Was sind die Fallstricke beim Exportmodell duale Bildung? In den deutschsprachigen Ländern hat sich auf Basis spezifischer historisch gewachsener Gegebenheiten eine Form der Lehre etabliert, die an zwei Orten stattfindet, nämlich in der Berufsschule wie auch im Lehrbetrieb. Seit der Finanzkrise 2008 wuchs im entwicklungspolitischen Kontext das Interesse an der Verbreitung des dualen Systems. Während sich die Motive für den Import der Lehre allgemein als Hoffnung auf Verminderung der Jugendarbeitslosigkeit und Steigerung der Produktivität zusammenfassen lassen, dürfen dabei die ökonomischen Interessen der herrschenden Klassen nicht mit dem Wunsch eines gerecht verteilten Wohlstands für die Bevölkerung verwechselt werden. Jedoch werde bei der Einführung die Besonderheit der politökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in deutschsprachigen Ländern nicht mitgedacht. Was diese auszeichnet, ist, so Langthaler ein „sozialer Vertrag bzw. „Dialog“ zwischen Arbeitgeber*innen, dem Staat und der Arbeiter*innenklasse, der eine institutionalisierte Konsensfindung zwischen den Akteur*innen und somit auch gewisse Rechte für die Arbeiter*innen garantiert. Langthaler betont auch ein gewisses Sozialprestige der Berufslehre in deutschsprachigen Ländern. Der Beruf sei eine formell anerkannte soziale Kategorie, die mit spezifischem Wissen, Fähigkeiten, Autonomie und ganzheitlichen Arbeitsprozessen assoziiert werde. Eine Übertragung des Lehrberufes in andere institutionelle Kontexte im Sinne ihrer „Entwicklung“ sei in den meisten Fällen problematisch. Die Entscheidung, das duale System zu übernehmen, sei oft mehr politisch als fachlich und es sei daher fraglich, ob sie zu maßgeblichen Verbesserungen des Bildungssystems der jeweiligen Länder beitragen könne. Während das duale System im deutschsprachigen Raum in einem institutionellen Kontext des sozialen Dialogs verankert ist, reflektiere dies nicht auf die Praxis des Transfers der dualen Bildung selbst. Arbeiter*innenorganisationen in den Zielländern würden kaum in Transferprozesse involviert. Im Gegenteil, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen artikulieren mitunter arbeitsrechtliche Bedenken.
Serbien: Schlechtere Arbeitsbedingungen statt „Entwicklung“.
In Serbien wurde das duale System 2017 eingeführt. Hintergrund dafür waren, so Langthaler, vorwiegend politische, nicht fachliche Motive, gekoppelt an die Etablierung einer Marktökonomie, das Bestreben, der EU beizutreten und nicht zuletzt den Wunsch der Regierung, sich selbst zu legitimieren. Die politischen Akteur*innen seien rechenschaftspflichtig gegenüber den Interessen des globalen Nordens, wie dem Internationalen Währungsfonds. Auch die Attraktivität Serbiens für ausländische Investor*innen stehe im Fokus. Dies wiederrum bedeute Investitionen in Sektoren mit arbeitsintensiver Produktion und geringem bis mittlerem Technologisierungsgrad. Es werden also vermehrt geringqualifizierte Arbeitskräfte gesucht, die dann von ausländischen Firmen angestellt werden.
Die Bedingungen seien demnach nicht vergleichbar mit jenen im deutschsprachigen Kontext: Erklärtes Ziel der serbischen Regierung ist die Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und der Emigration Gutausgebildeter. Jedoch ergäbe sich mit der Einführung der dualen Ausbildung aus dem Kontext einer Wirtschaft, in der die dynamischen Sektoren im Niedriglohnbereich liegen, eine bessere Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte. Die Befürchtungen der Gewerkschaften und NGOs beziehen sich dementsprechend auf ein neuartiges Ausbeutungspotenzial und Lohndumping. Weiters gäbe es von Seiten einiger Firmen Widerwillen, Verträge zu unterschreiben und den Jugendlichen bessere Entschädigungen auszuzahlen. Arbeiter*innenvertretungen seien in Serbien außerdem schwach, und Schüler*innen dürften ihnen auch nicht beitreten. Bezüglich der Frage, ob das duale System in Serbien tatsächlich positive Auswirkungen auf Berufschancen oder Emigration haben könnte, existieren derzeit keine Daten.
Während also der sozio-ökonomische Kontext Serbiens eindeutig unvorteilhaft für den Import des dualen Systems ist, wird es der Öffentlichkeit als wirkungskräftiger Ansatz für entwicklungspolitische Herausforderungen präsentiert: Eine Lösung für Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitslosigkeit, die es der Regierung ermöglicht, sich sozialpolitisch als bemüht darzustellen. Betrachtet man die Perspektive der deutschsprachigen Akteur*innen, muss erwähnt werden, dass sich Österreich, die Schweiz und Deutschland schon seit den 2000ern über Instrumente der „Entwicklungszusammenarbeit“ um die Einführung der dualen Ausbildung in Serbien und deren Anpassung an den dortigen Privatsektor bemühen. Während bezüglich der Motive für den Export eine Vielzahl von sich verselbstständigenden Dynamiken am Werk sind, geht es auch darum, ein günstiges Umfeld für deutsche, schweizerische und österreichische Unternehmen zu schaffen.
Die Entwicklung des Bildungssystems in Serbien kann als Sinnbild für die Konsequenzen der nachholenden neoliberalen Transformation ehemaliger sozialistischer Staaten aufgefasst werden, bei der die Eingliederung in den Weltmarkt sowie die Durchsetzung transnationaler unternehmerischer Interessen im Vordergrund steht. Neben den folgenreichen Einsparungen gerechtigkeitsfördernder Maßnahmen, kann der Import des dualen Bildungssystems als eine sich selbst legitimierende Kommunikationsstrategie der Regierung verstanden werden.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Lennart Tange, https://www.flickr.com/photos/lennartt/8301105033/
Weiterführende Links:
Hinweis zu der im Druck befindlichen Studie:
Langthaler, Margarita / Pešikan, Ana (forthcoming): ‘Context matters’ revealed. Policy transfer in vocational education to Serbia caught between human capital and human rights perspectives. In S. Bohlinger, A. Barabasch, S. Wolf (eds).: The Handbook of Policy Transfer in TVET and beyond, Palgrave MacMillan