Buntgemischt war das Publikum im Kulturzentrum von Mattersburg.
Buntgemischt an Nationalitäten, wissenschaftlichen Hintergründen und
Erfahrungen. 90 Augenpaare blickten Gerald Faschingeder erwartungsvoll
an, als dieser am Abend des 25. Oktobers 2007 das Entwicklungssymposium
"Perspectives on Development Studies" eröffnete.
In seiner Begrüßung erzählte der Direktor des Paulo Freire Zentrums von der Gründung des Mattersburger Kreises im Jahre 1981. 26 Jahre danach war es wieder so weit, der Mattersburger Kreis kehrte zu seinem geografischen Ursprung zurück. Zusammen mit dem Freire Zentrum, dem Projekt Internationale Entwicklung (IE) der Universität Wien und der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) wurde eine dreitägige Veranstaltung rund um das Thema Entwicklungsforschung organisiert. Im Vorfeld war ein themenspezifisches Journal für Entwicklungspolitik (JEP) erschienen. Die OrganisatorInnen hatten die Freude, die VerfasserInnen der Beiträge beinahe vollzählig in Mattersburg begrüßen zu dürfen.
Das Symposium wurde anschließend von Andreas Novy in seiner Funktion als Obmann des Mattersburger Kreises,
wissenschaftlicher Leiter des Freire Zentrums, Stellv. Vorsitzender des
ÖFSE-Kuratoriums und Lehrender der Internationalen Entwicklung im Namen der vier Veranstalter offiziell eröffnet. Er erwähnte die Nachzüglerrolle Österreichs in Entwicklungsfragen, sah darin aber auch die Chance von Erfahrungen etablierter Einrichtungen in anderen Ländern zu lernen. Um eine Verbindung zwischen Symposium und Vortagung herzustellen, brachten Gerald Faschingeder und Margarita Langthaler (ÖFSE) eine Zusammenfassung der Geschehnisse in Wien.
An Academic Thursday Night Show
Henry Bernstein, Uma Kothari, Gerald Hödl, Frans Schuurman, Aram Ziai, Thomas Lawo (v.l.n.r., Photo: Gerald Faschingeder)
Nach diesen einführenden Worten, begann unter der Leitung von Gerald Hödl (IE) die Vorstellung der Gäste. Hödl bot verschiedene Vorstellungsvarianten an, darunter jene nach dem Stil der "Saturday Night Show". Per Akklamation entschied das Publikum für diese – offenbar mittlerweile weitläufig aus dem US-Fernsehen bekannte – Methode.
Der Reihe nach wurden die Gäste daher gebeten auf Fauteuils am Podium Platz zu nehmen, um sich der Frage zu stellen, wer und was sie als ForscherIn beeinflusst habe. Dieser etwas persönlichen, in akademischen Kreisen unüblichen, Frage wichen einige anfänglich aus, schlussendlich bekam das gespannte Publikum aber doch viele interessante Erfahrungen zu hören.
"Miles Davis once said he could summ up the history
of Jazz in four words: Louis Armstong, Charlie Parker. I can probably
do it in two words in terms of what I have learned from, what I try to
apply, and develop in my own understanding of the world. And that’s
Karl Marx." (Henry Bernstein)
Trotz Henry Bernsteins Unbehagen über "the confessional mode" gab der Professor für Development Studies der Universität London einige Einblicke in seinen Werdegang. Bereits als Kind interessierte er sich für die so genannte Dritte Welt und begleitete als Bub seine Eltern bei einem Protestmarsch gegen den Kolonialismus. Einschneidend in seiner Studienzeit war die Begegnung mit einer türkischen Soziologin, die ihn einlud, ein Jahr in der Türkei zu unterrichten. Prägend war auch sein vierjähriger Aufenthalt in Tansania.

"And when I got into development, I thought, well,
actually development in a way had a legacy in the colonial moments. And
I suppose that shapes my experiences but also shapes my involvement in
development." (Uma Kothari)
Mit indischen Wurzeln in London geboren, drehte sich Uma Kotharis Leben schon von Kindheit an um Kultur, Identität und Mobilität. Daraus ergab sich ihr Interesse für transnationale Migration, sowie eine koloniale Sicht von Entwicklung. Ihr erfrischendes Selbstportrait spickte die Lektorin des Institute of Development Policy and Management der Universität Manchester mit Anekdoten ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. Beispielsweise erklärte ihr ein Kollege in den Anfängen ihres Studiums Theorien von Marx. Sie reagierte mit Entzücken und wollte ihn unbedingt persönlich kennenlernen.
"Being confronted with dependency theory was
really an eye-opener, and in that sense one of my heroes was Andre
Gunder Frank." (Frans Schuurman)

Frans Schuurman unterrichtet am Center for International Development Issues in Nijmegen/Niederlanden. Mit Modernisierungstheorien der Chicago School in der Sozialen Geografie aufgewachsen, verschlug es den heute passionierten Professor eher zufällig in die "Entwicklungsbranche". Während der 1970er arbeitete er in einem Lateinamerikacenter. Dies führte ihn zu Dependenztheorie und A.G. Frank – zu dieser Zeit Professor in Amsterdam. Abschließend "outete" er sich als typischer Schreibtischgelehrter im Elfenbeinturm, der nur wenige Monate im "Süden" verbrachte.

"What actually is legitimating scholars to define
development and to more or less universalize their definition? And who
has the right to decide what’s positive development?" (Aram Ziai)
Bereits ohne Hoffnung der persönlichen Frage entgehen zu können, ergab sich der ehemalige Gastprofessor der IE seinem Schicksal. Der Hamburger erzählte von seinem Studium der Entwicklungssoziologie in Dublin, wo auch er mit A.G. Frank und der Dependenztheorie konfrontiert wurde. Von seiner Teilnahme an einem Protest gegen die Welthandelsorganisation (WTO), bei dem ihm die Relevanz einer Nord-Süd-Kooperation bewusst wurde. Und von der Auseinandersetzung mit den Post-Development Theories. Wie sein Vorredner situierte er sich im wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Doch spielten auch in seinem Leben kulturelle Differenzen von klein auf eine große Rolle, bedingt durch seinen iranischen Vater.
"I was quite active in the boyscout movement and decided to do something to help the poor in Africa." (Thomas Lawo)
(Alle Photos: Gerald Faschingeder)
Medizin wollte Thomas Lawo studieren um in Afrika zu helfen. Die Tücken des Numerus Clausus lenkten seine akademische und berufliche Laufbahn allerdings in eine andere Richtung – er wurde Krankenpfleger und Ernährungswissenschafter. Praktische Erfahrungen sammelte er bei der Entwicklungshilfeagentur Miserio, sowie bei längeren Aufenthalten in Westafrika und Malaysia. Seit acht Jahren arbeitet er als Forschungsmanager bei der EADI (European Association of Development Institutes).
About helping old ladies to cross the street (who don’t really want to)
Die anschließende Diskussion warf interessante Fragen und Beiträge auf. Warum beschäftigt man sich mit Development Studies? Ist es eine interne Motivation, Gutes tun zu wollen, ist es die von klein auf erwartete Bereitschaft, älteren Damen über die Straße zu helfen? Doch was, wenn diese gar nicht über die Straße wollen? Oder gilt das Interesse doch "nur" wissenschaftlichen Modellen und Theorien? Oder ist es gar eine Art das eigene Gewissen in dieser ungleichen Welt zu beruhigen?
Diese Fragen wurden kontroversiell diskutiert und weckten Neugier für
die kommenden Tage. Henry Bernstein und Frans Schuurman beantworteten
die Frage nach der Motivation ihrer StudentInnen mit deren Besorgnis um
den Zustand der Welt und einem daraus resultierenden Engagement.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Kultur- und Sozialanthropologie sowie Portugiesisch.