Ob liberal, sozialistisch oder queer – wenn Menschen im deutschsprachigen Raum an Feminismus denken, dann haben sie davon oft ein sehr eurozentrisches Verständnis. Mit der Publikation „Feministische Theorie aus Afrika, Asien und Lateinamerika“ soll der Blick geweitet werden.
„Beim ‚Feminismus‘ handelt es sich um einen relativ jungen Begriff, der seinen Ursprung im Europa des 19. Jahrhunderts hat“, leitete Martina Kopf (Uni Wien) die Diskussion ein. Der Wunsch nach Geschlechtergerechtigkeit sei jedoch nichts, was es nur ausgehend vom Globalen Norden gebe, so Kopf. Daher haben sie und ihre Kolleginnen Anke Graneß (Uni Hildesheim) und Magdalena Kraus (Uni Wien) ihr Buch für deutschsprachige Leser*innen geschrieben. Sie wollen das im Globalen Norden vorherrschende Feminismus-Verständnis insbesondere um post- und dekoloniale Perspektiven erweitern.
Moderiert von Milena Müller-Schöffman (Katholische Frauenbewegung), stellten Kopf und Kraus den Sammelband am 14. Oktober 2020 in der C3-Bibliothek in Wien vor. Kommentiert wurden die Inhalte anschließend von Aylin Basaran (Uni Wien) und Lise Abid (Uni Wien). Veranstaltet wurde der Abend von der Frauen*solidarität, dem Welthaus Wien und dem Verein Frauenhetz. Corona-bedingt konnte die Veranstaltung auch via Live-Stream mitverfolgt werden. Fragen konnten „live“ sowie „virtuell“ gestellt werden.
Das Patriarchat als koloniales Erbe?
Das Argument ist bekannt: Das Patriarchat, das gibt es nur bei „den anderen“, in Österreich bezieht sich das meist auf alle Weltregionen außer Zentraleuropa und alle Religionsgemeinschaften außer dem Christentum. Kopf wies einleitend darauf hin, dass es dieses Argument umgekehrt auch im Globalen Süden gebe: Das Patriarchat sei demnach erst durch die europäischen Kolonialmächte in den jeweiligen Gesellschaften im Globalen Süden verankert worden. Der Feminismus habe folglich seine Ursprünge im Globalen Norden, weil er dort notwendig(er) sei.
Tatsächlich habe es in einigen Teilen Lateinamerikas sehr wohl auch vor der Ausbeutung durch die Europäer*innen einen weitverbreiteten Machismo gegeben, so Magdalena Kraus. Im präkolonialen Afrika könne man derlei patriarchale Strukturen aber nicht unbedingt rekonstruieren, erklärte Aylin Basaran. Sie gehe davon aus, dass Männer und Frauen teilweise sehr wohl unterschiedliche Rollen gehabt hätten, das Verhältnis von Mann und Frau sei aber harmonischer gewesen und hätte weniger ein Unterdrückungsverhältnis impliziert. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die in den USA lebende, nigerianische Theoretikerin Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí verwiesen, deren Gendertheorie im Buch vorgestellt wird. In ihrem bekanntesten Werk „The Invention of Women“ (dt.: Die Erfindung der Frauen) bezieht sich Oyěwùmí auf die Oyo-Yoruba im Westen Nigerias und hält fest, dass Geschlecht in dieser Gesellschaft historisch nur wenig Bedeutung gehabt habe und viel weniger an biologischen Merkmalen festgemacht werde als im Globalen Norden. Das Konzept von Geschlecht sei hier nicht als binäres System zu verstehen gewesen, also als Gegensatz zweier Geschlechter, und auch nicht als Kategorie, die soziale Beziehungen beziehungsweise Hierarchien wesentlich charakterisiert habe.
Die Geschichte gestalte sich in den einzelnen Regionen des Globalen Südens sehr unterschiedlich, so Kopf in der Anschlussdiskussion. Klar sei jedoch, dass Frauen in den jeweiligen Regionen nach den Kolonisierungsprozessen – soweit nachvollziehbar – schlechter gestellt waren als zuvor.
Gemeinschaftlichkeit statt Ellbogenfeminismus.
Viele Theoretiker*innen, die Kopf, Kraus und Graneß in ihrem Buch vorstellen, bezeichnen sich selbst nicht explizit als feministisch. Die Wahl eigener Begrifflichkeiten ist Teil des emanzipatorischen Anspruchs von Theorien aus dem Globalen Süden. Sie stellen nicht nur westliche Feminismen, sondern die weltweite Hegemonie westlicher Wissenschaftstheorien im Sinne eines kulturellen Imperialismus in Frage. Das Menschenbild unterscheidet sich teilweise radikal von dem im Globalen Norden. Während etwa der Bestseller „Lean In“ (dt.: sich reinhängen) der US-amerikanischen Geschäftsfrau Sheryl Sandberg davon handelt, sich in der Arbeitswelt gegen andere durchzusetzen und damit eine neoliberale Lesart von Feminismus beschreibt, seien Feminismen im Globalen Süden oft mehr auf Gemeinschaftlichkeit ausgerichtet. So berichtete Kraus über den aus Bolivien stammenden „Feminismo Comunitario“ (dt.: Gemeinschaftsfeminismus), wo der Schaden einer Person als Schaden der ganzen Gemeinschaft gesehen werde. Ähnlich gestalte sich die afrikanische „Ubunto“-Philosophie, die Kopf erwähnte. Im Gegensatz zu westlicher Philosophie, die sich vorwiegend am Individuum orientiert, würde bei Ubunto die Gruppe und das Kollektive im Vordergrund stehen.
Feminismus als Anti-Imperialismus.
Wenngleich am Podium mehrmals betont wurde, dass feministische Theorien aus dem Globalen Süden sehr heterogen seien, so hätten sie doch ähnliche Tendenzen. Viele davon sind intersektionaler gedacht als jene des Nordens, betrachten also neben der Unterdrückung aufgrund von Geschlecht auch andere Herrschaftsmechanismen wie Klasse, Herkunft oder Religion. So wehren sich beispielsweise muslimische Feminist*innen dagegen, dass ihnen ihre Religion und Kultur von Feminist*innen des Nordens abgesprochen wird, erwähnte Abid.
Neben der Kritik am kulturellen Imperialismus des Globalen Nordens (beispielsweise durch Religion, Wissenschaft oder Gendernormen), ist auch die Kritik am ökonomischen Imperialismus in feministischen Theorien des Globalen Südens wesentlich. Das bestehende kapitalistische Weltsystem wird hier explizit als Ursache beziehungsweise Stabilisator globaler, aber eben auch lokaler (u. a. geschlechtsspezifischer) Ungerechtigkeit und Abhängigkeit erklärt.
Zum Aufdecken globaler Ungleichheit sei es nach Basaran essentiell, sich mit Feminist*innen des Globalen Südens auseinanderzusetzen. Denn: „Ohne sie werden wir den Kapitalismus nicht überwinden können.“
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Zum Buch „Feministische Theorien aus Afrika, Asien und Lateinamerika“ im UTB Verlag
Text zu Oyeronke Oyewumi
Fotos © Marlene Eichinger