Zur Vorstellung, bitte!

Hector Aristizabal leitete auf Einladung von Birgit Fritz vom Theater der Unterdrückten (TdU) Wien und Vera Rebl von DanceAbility im WUK vom 30. August bis 3. September 2010 einen Workshop zum Theater der Unterdrückten im Kontext von Konflikttransformation und Friedenserziehung.

 hector2.klein.jpgHector Aristizabal; Foto von Jorge Pereira

Der in Los Angeles lebende Exil-Kolumbianer und Therapeut Hector Aristizabal kombiniert das TdU auf sehr spannende Weise mit Ritualen anderer Kulturen, Musik, Tanz und dem Erzählen von Geschichten. Er arbeitet in Kriegsgebieten wie Afghanistan und Palästina, in Gefängnissen und Schulen in den USA, mit Gangs und „schwer erziehbaren“ Kindern und Jugendlichen.

Aristizabals Arbeit ist geprägt von seinen persönlichen Erfahrungen mit Armut, Ausgrenzung und Gewalt. Folter und Verfolgungen durch das kolumbianische Paramilitär und die Ermordung seines Bruders haben schwere Traumata ausgelöst, die er in seiner künstlerischen Tätigkeit verarbeitet. Mit sehr einfachen Mitteln beeindruckte er das Publikum mit seinem biografischen Stück „Nightwind“, das er am Freitag, dem 3. September, im Theater Brett präsentierte. Darin brachte er den Anwesenden seine Erlebnisse und seine daraus resultierenden Gedanken und Gefühle näher. Selbst bei der öffentlichen Aufführung geht Aristizabal einen theatralen Dialog mit dem Publikum ein.

Die fünf intensiven Workshop-Nachmittage davor bestanden konkret aus Übungen und Spielen des TdU sowie Kombinationen mit Tanz und Geschichten. Leistungsdruck und Versagensängste vermochte der Therapeut durch humorvolle Regeln, wie zum Beispiel das Feiern von Fehlern, zu verbannen und so herrschte erstaunlich schnell eine vertrauensvolle Atmosphäre in der Gruppe. Diese ist Grundvoraussetzung für die Entfaltung von Kreativität und Intuition und für eine ehrliche kollektive Konfliktbearbeitung.

Die Sprache des Theaters



Der aufrichtige Dialog ist nach Freire die Basis für Kommunikation und somit für wahre Bildung. Er ist ebenfalls Voraussetzung für Konfliktbearbeitung. Gewalterfahrungen haben jedoch eine starke destruktive Kraft, die ansteckend ist. Sie provozieren heftige Gefühle, wie Hass, Wut und Rachegelüste. Negierte seelische Verletzungen werden vielfach an andere weitergegeben. Erst wenn sie anerkannt und in Folge bearbeitet werden, können sie in positive Energie transformiert werden, wie Hector selbst eindrucksvoll beweist. Traumatische Erlebnisse sitzen tief in der Seele, entziehen sich unserer Vernunft, unserer Kontrolle und unserer Artikulation. Sie machen sprachlos. Das Theater ist eine Ausdrucksmöglichkeit, die keiner Worte bedarf, sondern von Intuition und Körpergedächtnis lebt, wodurch es sich besonders für die Bearbeitung von Konflikten eignet.

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Foto von Jorge Pereira

Theater als heilendes Ritual

„The blessing is next to the wound“ (Die Segnung liegt neben der Wunde), so lautet der Titel von Aristizabals Buch. Diesem afrikanischen Sprichwort folgend meint Aristizabal, Verletzungen hätten einen tieferen Sinn. Sie seien als Grenzerfahrung wahr- und anzunehmen, aus der man lernen und an der man wachsen kann. In fast jeder traditionellen Gesellschaft werden diese Grenzerfahrungen in Form von Initiationsriten herbeigeführt, meist um eine Entwicklung eines jungen Menschen zu ermöglichen. Der Bewältigung der Hürde folgt meist ein großes Fest mit gemeinsamer Musik und Tanz, wodurch der/die Herausgeforderte wieder von der Gemeinschaft aufgefangen und von ihr mit mehr Ansehen oder Rechten belohnt wird. Bei unbeabsichtigten Grenzerfahrungen, wie Folter und Flucht im Falle Aristizabals, wird man allerdings oft mit den Geschehnissen allein gelassen. Das Theater der Unterdrückten kann dann als Gemeinschaftsraum dienen, in dem Konflikte aufbrechen und bearbeitet werden können. Es schafft Raum, um Menschen aufzufangen und schließlich um überwundene Hindernisse auch gemeinsam zu feiern. Nach Aristizabal ist jedes Ritual auch ein theatralisches Ereignis.

Aktion und Reflexion

Neben der Bearbeitung der Vergangenheit legt Aristizabal ein besonderes Augenmerk auf die Perspektivenbildung für Gegenwart und Zukunft. Das TdU ermöglicht die Selbstreflexion und -entwicklung, welche Voraussetzung für Weltentwicklung ist. Einerseits weckt es das Körpergedächtnis, das im Alltag getätigte Handlungen und Haltungen speichert. Festgefahrene Verhaltensmuster können so reflektiert werden. Andererseits werden im Theater gespielte Handlungen inkorporiert und haben so eine ermächtigende Wirkung im Alltag. Die Bewusstwerdung der eigenen Rolle und die Möglichkeiten, die durch andere Perspektiven eingebracht werden, erweitern den oft engen Raum der eigenen Vorstellungs- und Handlungsoptionen. Aristizabal erwies sich während des Workshops als selbsternannter „Difficultator“, der mit verschiedenen Techniken unsere Rollenspiele dynamisierte. Indem er unlogische Anweisungen gab oder dazu aufforderte, etwas komplett anderes zu tun, verhalf er uns zu Grenzüberschreitungen, neuen Alternativen und Reflexionsprozessen. Während dichotomes Denken und kompromisslose Entweder-Oder-Standpunkte häufig Friedensprozessen im Weg stehen, wird durch die kollektive Theaterarbeit Vielfalt im Denken gefördert. Es gibt stets eine Vielzahl an Möglichkeiten oder Wahrheiten und jede stellt eine bereichernde Erfahrung dar. So wird Toleranz und Respekt in der Praxis geübt.

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Foto von Jorge Pereira

Aristizabal betonte vor allem die Eignung des Theaters der Unterdrückten zur Wiederherstellung der Vorstellungskraft der Menschen. Imagination sei ein Menschenrecht und der Mangel an Vorstellungskraft das größte Defizit unserer Gesellschaft. Der Friedensaktivist kritisierte unser Schulsystem, in dem Vorstellungskraft, Kreativität und Intuition getötet werden. Theater der Unterdrückten mit seinen  kreativen und interaktiven Lerntechniken hingegen bestärke Jugendliche in ihrer Identität und diene als geeignete Kommunikationsform der Gefühle, selbst wenn es einem/r die Sprache verschlagen hat.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

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Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit, Themen.