Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildung ist in Österreich stärker ausgeprägt als in den meisten europäischen Staaten, das belegen zahlreiche Studien. Bei Kindern mit Migrationshintergrund ist die sogenannte Vererbung von Bildung noch stärker ausgeprägt. Woran liegt das?
Im europäischen Vergleich liegt Österreich bei der Vererbung von Bildung bei Kindern mit Migrationshintergrund im traurigen Spitzenfeld: In den meisten Staaten ist es wahrscheinlicher, dass ein Kind mit Migrationshintergrund ein höheres Bildungsniveau als seine Eltern erreicht, als ein Kind ohne Migrationshintergrund. Dies liegt vor allem daran, dass das formale Bildungsniveau dieser Eltern meist niedriger ist und daher der Aufstieg leichter fällt. In Österreich ist hingegen die Bildungsmobilität von Kindern mit Migrationshintergrund geringer als die von Kindern ohne Migrationshintergrund. Auf der Suche nach den Ursachen, lohnt sich ein Blick auf die (strukturellen) Rahmenbedingungen in Österreich.
Die frühe Trennung der Kinder.
Kennzeichnend für das österreichische Schulsystem sind eine frühe Einteilung und eine daran anschließende selektive Mehrgliedrigkeit. Drei Momente der Trennung sind hier besonders relevant und bestimmen die Bildungslaufbahnen maßgeblich. Eine erste Selektion zeigt sich bereits im Kindergarten: Bei Kindern mit Migrationshintergrund ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Kindergarten besuchen, sechsmal geringer als bei Kindern ohne Migrationshintergrund. Ohne beziehungsweise mit kürzerem Kindergartenbesuch fällt der Einstieg in die Volksschule deutlich schwerer. Nach der Volksschule kommt dann die nächste Entscheidung zwischen Allgemein bildender höherer Schule (AHS) und Mittelschule (MS). Auch hier zeigen sich klare Zusammenhänge, wonach Kinder aus sozio-ökonomisch besser gestellten Familien eher eine AHS wählen als andere. In dem kürzlich erschienenen Sammelband „Emanzipatorische Bildung. Wege aus der sozialen Ungleichheit“ schreiben die Soziolog*innen Barbara Rothmüller und Philipp Schnell: „Diese selektive Struktur der Sekundarstufe 1 gilt als Schlüsselproblem des österreichischen Bildungssystems, da dieses frühe Selektionsmoment großen Einfluss auf den Bildungserfolg von Schüler*innen hat.“ Die Entscheidung zwischen AHS und MS strukturiert den weiteren Bildungsweg nach dem Ende der Pflichtschulzeit (dritter Trennungsmoment) und damit die zukünftigen Berufschancen. Entgegen der wissenschaftlichen Bewertung des Schulsystems stehen die politischen Aussagen, die sich dem Wahlprogramm der ÖVP 2019 entnehmen lassen: „Viele andere Länder beneiden uns um unser duales Ausbildungssystem. Dieses System muss gestärkt und auch fit für die Zukunft gemacht werden.“
Unterschiedliche Startbedingungen.
Weiters ist das österreichische Schulsystem vorrangig auf Halbtagesunterricht ausgerichtet, weshalb die Kinder auf die Unterstützung ihrer Eltern oder Betreuungspersonen angewiesen sind. Daher ist der Bildungserfolg abhängig von den Startbedingungen jedes Kindes: den Ressourcen und Erwartungen der Eltern. Neben dem inhaltlichen Wissen, das manchen Eltern die fachliche Unterstützung ihrer Kinder ermöglicht und anderen nicht, spielt hier auch das strategische Wissen eine Rolle. Studien belegen, dass die Aufteilung in AHS und MS de facto nicht nach den Leistungen der Volksschulkinder erfolgt. Bei gleicher Leistung besuchen deutlich weniger Kinder aus sozio-ökonomisch benachteiligten Familien oder mit Migrationshintergrund (36 Prozent) eine AHS, als Kinder aus akademischen Haushalten (64 Prozent). Anders gesagt: Formal höher gebildete Eltern kennen das österreichische Schulsystem und schicken ihre Kinder eher in „bessere“ Schulen, unabhängig davon, ob deren Leistungen tatsächlich „besser“ sind. Eltern mit Migrationsbiographie fehlt oft dieses strategische Wissen, um ihre Kinder bestmöglich unterstützen zu können. Daher werden die Bildungswegentscheidungen von Kindern mit Migrationshintergrund häufiger von den Einschätzungen des Lehrpersonals beeinflusst. Diese vermeintliche Beratung erfolgt nicht immer objektiv.
„Was hast du überhaupt in Syrien gelernt?“
Mit dieser Frage, so berichtete ein kurdisches Mädchen der 4. Klasse einer Wiener Mittelschule, stellte ihr Geographielehrer sie vor der gesamten Klasse bloß. Er hatte sie nach den Hauptstädten der europäischen Staaten gefragt. Zu diesem Zeitpunkt lebte sie seit knapp einem Jahr in Österreich, die europäischen Hauptstädte waren ihr nicht bekannt. Neben den strukturellen Stolpersteinen im österreichischen Schulsystem sind es Fragen wie diese, die den Alltag von Kindern mit Migrationshintergrund erschweren. Bildungswissenschaftler*innen begründen diese tagtäglichen Praktiken der Abwertung und Beschämung durch das Lehrpersonal mit der österreichischen „Schulkultur“. Der „normale“ Schulunterricht sei auf Homogenität der Schulklasse ausgerichtet, wodurch Diversität zum Problem werde und keine Wertschätzung erfahre. Eine Pädagogik, die auf die Defizite der Schüler*innen ausgerichtet ist, sei besonders für Kinder mit Migrationshintergrund wenig ermutigend und verhindere, dass Bildung ihr Kapital zur Emanzipation entfalten könne. Um es mit Paulo Freire zu sagen: „Was diese ideologische Praxis also tun möchte, ist ziemlich klar: sie möchte Menschen ändern, aber soziale Strukturen nicht antasten.“ (in: Unterdrückung und Befreiung).
Es geht auch anders.
„Ihr Name war Susanne, aber wir haben sie alle Sus genannt.“ Mit diesen Worten beginnt die Erzählung über eine ehemalige Lehrerin, die den Schulalltag jenes kurdischen Mädchens ebenso geprägt hat. Im Gegensatz zum Geographielehrer, habe diese Lehrerin sich Zeit für die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Schüler*innen genommen und sei auf deren individuelle Stärken und Schwächen eingegangen. Auch wenn die strukturellen Ausschlussmechanismen von Kindern mit Migrationshintergrund dadurch nicht umgangen werden können, kann der ermutigende Effekt kleiner menschlicher Handlungen einen wertvollen Beitrag für die Entwicklung von Schüler*innen leisten.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Sammelband „Emanzipatorische Bildung. Wege aus der sozialen Ungleichheit.“
Studie zu „Ungleichheit und ethnisch sprachliche Diversität im österreichischen Schulsystem“
Titelbild © pxhere, creative commons