Von der Brennpunktschule zur Herzeigeschule

Sowohl SchülerInnen, LehrerInnen und StudentInnen als auch VertreterInnen des Wissenschafts- und des Unterrichtsministeriums begegneten einander am Mittwoch, den 28. Oktober 2009 im Turnsaal der Kooperativen Mittelschule 18, um über die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse im Projekt Hauptschule trifft Hochschule informiert zu werden.

Seit nunmehr vier Jahren forschen StudentInnen im Rahmen von Lehrveranstaltungen der WU Wien gemeinsam mit SchülerInnen der KMS 18 und mit Unterstützung des Paulo Freire Zentrums zu unterschiedlichen Themen (2006: Heimat, 2007: unser Bezirk, 2008 und 2009: Dialog und Konflikt der Kulturen). Die Arbeit des vergangenen Semesters sollte nun der Öffentlichkeit präsentiert werden und die war eindeutig interessiert daran. So beschrieb Erika Tiefenbacher, Direktorin der KMS 18 sichtlich erfreut über das zahlreich erschienene Publikum den fundamentalen Stellenwert, den das Projekt innerhalb der Schule innehat. Im Laufe der Jahre sei es zu einer Institution der KMS 18 geworden und habe geholfen, das schlechte Image abzuwerfen und zu einer Herzeigeschule zu werden.

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Mehrwert für die Schule

Dass ihre SchülerInnen gemeinsam mit StudentInnen arbeiten dürfen und ihnen neue Horizonte, wie der Besuch an der WU Wien, eröffnet werden, sei eine einzigartige Möglichkeit für die SchülerInnen und gebe ihnen das Gefühl, von Erwachsenen ernst genommen zu werden, so die Direktorin. Durch die Einbindung in das neue Projekt Vielfalt der Kulturen Ungleiche Stadt im Rahmen des Forschungsprogramms des Wissenschaftsministeriums Sparkling Science stieg auch das mediale Interesse an der Schule.

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Sparkling Science fördert über 100 Projekte, in denen SchülerInnen einen wissenschaftlichen Beitrag leisten, erklärte Céline Loibl, Programmleiterin der Förderschiene des Wissenschaftsministeriums. Das Hervorragende an diesem Projekt sei das Aufgreifen eines gesellschaftlich derartig brisanten und auch umkämpften Themas, wie die Welt migrantischer Jugendlicher in Wien, so Loibl.

Dem stimmte auch Sarah Habersack zu, die in ihrer Funktion als Tutorin des vergangenen Semesters auf die Herausforderung der transdisziplinären Methodik hinwies. Das gemeinsame Arbeiten über die akademischen Grenzen hinaus sei ein langfristiger Prozess, in dem gegenseitiges Lernen genauso aber auch Experimentieren mit Methoden und mögliche Fehlentschlüsse enthalten seien.

Space invaders

Wo halten sich SchülerInnen der KMS 18 in ihrer Freizeit in Wien auf? Diesem Thema widmete sich die Forschungsgruppe space invaders. Eine quantitative Erhebung, in der die SchülerInnen in einem Stadtplan ihre liebsten Plätze ankreuzen sollten, half den StudentInnen den Richard Wagner Park im 16. Bezirk als Forschungsort auszuwählen. Der Umgang mit den SchülerInnen war geprägt vom Versuch mit ihnen im Sinne Paulo Freires einen Dialog auf Augenhöhe zu schaffen und sie als AlltagsexpertInnen wahrzunehmen. Diesem hehren Anspruch gerecht zu werden, war allerdings nicht immer leicht, so eine der vortragenden Studierenden.

In ihrem Forschungsprozess erkannten die StudentInnen, wie schwierig es ist, Tiefenstrukturen des Handelns sichtbar zu machen, wofür die Entscheidung für uninteressant scheinende Orte der Forschung zentral war.

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Versteckte Handlungsmuster, Interaktionen und Kommunikation, so genannte hidden transcripts, sind nicht immer leicht zu erkennen, da auch die Studierenden in der Zusammenarbeit mit den SchülerInnen in ein Feld eindringen, das von Machtbeziehungen vorstrukturiert ist. Es braucht Zeit, um ein tieferes Verständnis von den Lebensrealitäten der SchülerInnen und deren Handeln zu ermöglichen und um Vertrauensbeziehungen aufzubauen.

Die Studierendengruppe schloss ihre Präsentation mit einem kritischen Appell an die anwesenden VertreterInnen der Ministerien: Sich mit einem Vorzeigeprojekt wie diesem lediglich zu schmücken reiche nicht aus. Um mehr Räume für kreative Bildung zu schaffen, brauche es ebenso mehr Ressourcen an den Universitäten.

Girls Power II

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Das Team Girls Power II knüpfte an vergangene Erfahrungen an und widmete sich den Barrieren der Mobilität für Mädchen in Wien.

Anschaulich vermittelte die Gruppe ihre Herangehensweise und ihren spielerisch angepassten Ansatz, um fiktive und reale Aufenthaltsorte der Mädchen ausfindig zu machen und die Grenzen ihrer Mobilität auszuloten. Neben spannenden Höhepunkten, wie der Besuch in der Hofburg und das Zusammentreffen mit dem Bundespräsidenten, stellte sich heraus, dass die jungen Mädchen vorwiegend zweckgebunden in Wien unterwegs sind und die Familie bei ihrer Mobilität und deren Grenzen eine große Rolle einnimmt. Es zeigte sich, dass die Schülerinnen auch kein weiteres Verlangen besitzen, ihre Umgebung weiter zu erschließen. Stattdessen kam eine große Bescheidenheit bezüglich der auferlegten Grenzen bzw. eine Loyalität gegenüber den Grenzen setzenden Eltern zum Vorschein. Der von ihnen genutzte Raum beschränkte sich vor allem auf die Bereiche Schule und Wohnen.

Ich habe es überhaupt nicht bereut



Auch die SchülerInnen kamen in der Präsentation nicht zu kurz. So demonstrierten sie in einem Schattentheater eine humorvolle Auseinandersetzung mit sprachlichen Barrieren: Nix Verstehen ist die Antwort auf all die Fragen zweier angereister Türken in Wien, die auf türkisch nach dem Eigentümer der Häuser und Autos fragen. Herr Nix Verstehen musste folglich ein sehr reicher Mann sein, der sicher Arbeit für sie hätte. Auf der Suche nach ihm fragen sie bei einer Beerdigung nach dem Verstorbenen. Unglücklicherweise werden sie erneut nicht verstanden. Damit ist für sie klar, dass Herr Nix Verstehen gestorben ist.

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Zwei Schüler, die im Folgenden ihr schauspielerisches Können mit einem Ausschnitt aus dem Theaterstück Die Geggis unter Beweis stellten, ließen gemeinsam mit Lehrerin Gerda Reißner die vergangenen vier Jahre Revue passieren. Ich habe es überhaupt nicht bereut,  resümierten die Schüler, die als Highlight der Zusammenarbeit den über die Lehrveranstaltung hinaus bestehenden Kontakt zu den Studierenden sahen.



Niemand weiß alles und niemand weiß nichts

Das Interesse an der Einen Welt habe von Anfang an alle KooperationspartnerInnen in diesem Projekt miteinander verbunden, so Andreas Novy von der WU Wien. Überall, auch in Wien, gebe es verschiedene einander unbekannte Welten, zwischen denen Brücken zu bauen seien. Dadurch könne erst sozialer Zusammenhalt, gegenseitiger Respekt und Vertrauen entstehen. Als wissenschaftlicher Leiter des Paulo Freire Zentrums wies er abschließend auf wohl eine der schönsten Aussagen Paulo Freires hin: Niemand weiß alles und niemand weiß nichts. So steht in diesem Projekt das gegenseitige Lernen im Mittelpunkt, das auch SchülerInnen zu Lehrenden macht.



Alle Fotos von Gerald Faschingeder.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Themen.