Theater macht Politik

Was brauchen Jugendliche, damit sie sich für kommunale Anliegen engagieren? Am 20. September 2006 fand zum Thema befreiungspädagogische Theaterarbeit die erste der drei oficinas (workshops) im Vorfeld des Paulo Freire-Symposiums statt.ARGE Forumtheater Österreich, das Paulo Freire Zentrum, SOG.THEATER und die Stadtgemeinde Wiener Neustadt luden zu einer Auseinandersetzung mit diesen Fragen zu einer Fachtagung im Rathaus Wiener Neustadt.

Es war ein sehr heterogenes Publikum von SchülerInnen, LehrerInnen, LokalpolitikerInnen, Personen aus der Theater- und Sozialarbeit sowie StudentInnen, das sich gegen 14:00 Uhr im Rathaus Wiener Neustadt einfand, um über mögliche Anregungen zu Politisierungsprozessen Jugendlicher durch Theaterarbeit zu reflektieren.

Nach einer musikalischen Untermalung durch die "HL.Aband" sprach Gabi Puschnig, Wiener Neustädter Stadträtin für Frauen, Soziales und Integration. In ihrer Begrüßung betonte sie die Notwendigkeit, dass sich Jugendliche "mit dem demokratischen Gemeinwesen der Stadt identifizieren" könnten.

M135W113H.jpg

F135W113H.jpg

P135W113H.jpg

Margarete Meixner, Gerald Faschingeder und Gabi Puschnig (v.l.n.r., Fotos:
Sonja Buchberger)
Margarete Meixner (SOG.THEATER) führte durch den Nachmittag, den sie ganz den Ideen Augusto Boals entsprechend sehr interaktiv gestaltete: In einem einführenden "Statuentheater" wurde dem Verhältnis zwischen Jugendlichen und PolitikerInnen nachgegangen, um mögliche Probleme und Konfliktfelder sichtbar zu machen. Personen aus dem Publikum stellten dabei Szenen nach, die das Verhältnis zwischen jungen Menschen und PolitikerInnen zum Thema hatten. Zentrale Begriffe in der Auseinandersetzung waren dabei "Politikverdrossenheit", "Distanz" und "Autorität".

"Die Fähigkeit zu träumen, die Kraft zu sprechen"

In einem Impulsreferat stellte Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) befreiungspädagogische Anregungen von Paulo Freire und Augusto Boal vor. Beide teilten neben einer ähnlichen Lebensgeschichte viele ihrer Ideen über Ermächtigung und Dialog; beide waren bis zu ihrer Vertreibung 1964 in Brasilien im Rahmen emanzipatorischer Bewegungen tätig. Während sich Freire mit Politisierungsprozessen aus pädagogischer Perspektive befasste, entwickelte Boal als Theaterschaffender künstlerische Aktionsformen, die Reflexionsprozesse über Unterdrückung auslösen, unterstützen und begleiten sollen. Die aktive Einbeziehung des Publikums in das Bühnengeschehen solle Gedankenanstöße für mögliche Veränderungen der darin dargestellten Konflikte in der Realität geben. Neben offensichtlichen Problemen Jugendlicher wie etwa Arbeitslosigkeit seien im österreichischen Kontext viele Formen der Unterdrückung sehr subtil; umso mehr bedürfe es kreativer Formen, um auf diese schwer wahrnehmbaren Probleme aufmerksam zu werden. Eine Voraussetzung für das Gelingen von befreiender Theaterarbeit sieht Faschingeder in der "Fähigkeit zu träumen"; erst durch Träumen und Dialog mit anderen könne Mut zur Veränderung, Kraft zum Kämpfen geschöpft werden.

"Was hindert uns am Fliegen?"

Eine dieser von Boal entwickelten Theaterformen stelle, so Meixner, das legislative Theater dar; neben einer Auseinandersetzung mit alltäglichen Konflikten in Theaterstücken sei eine direkte Konfrontation mit politisch Verantwortlichen, an die gemeinsam formulierte Forderungen gestellt werden, ein integraler Bestandteil dieser Theaterform.

W135W113H.jpg

G135W113H.jpg

AP135W113H.jpg

Sabine Wolf, die Mitglieder des SOG.Theaters-Theaters und Alma Pajic (v.l.n.r., Fotos:
Sonja Buchberger)
Sabine Wolf (Jugendberatung ELEMENTS Berndorf) berichtete von einem solchen legislativen Theaterprojekt unter dem Titel "Was hindert uns am Fliegen?" in Berndorf im Triestingtal/NÖ. Zwischen März 2003 und April 2004 hatten ungefähr 200 Jugendliche an einer oder mehreren Projektphase(n) teilgenommen. Zielsetzungen der Initiatorinnen Meixner und Wolf waren die Stärkung des Selbstbewusstseins der Jugendlichen sowie bessere Rahmenbedingungen für diese in der Gemeinde.

Der von teilnehmenden Jugendlichen gedrehte Film "Weck mich, wenn ich älter bin!" erlaubte den Anwesenden der Fachtagung einen kurzen Einblick in den Ablauf des Projekts. Zu Beginn wurden umfassende Befragungen von jungen Personen in Berndorf und den umliegenden Ortschaften durchgeführt, in denen die Lebensrealität von Personen dieser Altersgruppe erforscht wurde. Aus den so ermittelten Konfliktfeldern entwickelten die Teilnehmenden fünf Forumtheaterszenen zu Problemen in der Familie oder am Bahnhof zwischen In- und AusländerInnen, mit dem Schaffner und der Polizei. In einer "Jugendkonferenz" mit PolitikerInnen, Schulverantwortlichen, ÖBB und Polizei werden manche positive Ergebnisse erzielt, wie etwa verbesserte Zugverbindungen und Freizeitmöglichkeiten sowie regelmäßige Diskussionsrunden mit dem Jugendgemeinderat.

Im Anschluss an den Film berichteten Wolf und Alma Pajic, eine der jugendlichen InitiatorInnen, davon, was zwei Jahre nach Beendigung des Theaterprojekts von den damaligen Reformen noch übrig geblieben ist. Zwei Berndorfer StadträtInnen, Andreas Kronfellner und Susanne Wagenhofer, sprachen schließlich über das Projekt aus der Perspektive beteiligter LokalpolitikerInnen.

Grenzen und Schwierigkeiten legislativer Theaterprojekte

Mögliche Grenzen legislativer Theaterprojekte wurden zwar in Bienenkörben besprochen, eine anschließende Reflexion darüber im Plenum kam jedoch leider nicht zuletzt aufgrund des Zeitmangels zu kurz. Genannt wurden im Hinblick auf das konkrete Projekt in Berndorf Probleme der Finanzierung, fehlendes Interesse bei potenziellen FördererInnen und Schwierigkeiten in der Anfangsphase des einjährigen Projekts, die für die MitarbeiterInnen als frustrierend erlebt worden waren: Zu Beginn waren viele Jugendliche abgesprungen bis sich schließlich eine Kerngruppe von zehn besonders engagierten herauskristallisiert hatte.

Als Abschluss der Veranstaltung spielten drei Personen von SOG.THEATER Playback-Theater nach Jonathan Fox, das die Reflexion über die Themen der Tagung durch Improvisationen künstlerisch untermalte.

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit, Themen.