Am 24. Oktober 2006 brachte der Autor in einer der Oficinas in Vorbereitung des Symposiums "Volksbildung heute?" Überlegungen zur Aktualität von Paulo Freire ein. Teil I: Volks- und Lernbewegung.
Die 1960er Jahre waren das Jahrzehnt der Befreiungsbewegungen, deren politische Zielsetzung eine Welt jenseits von Kapitalismus und Imperialismus war. Che Guevara erhoffte sich von Befreiung, dass ein neuer Mensch in einer neuen Gesellschaft entstehe. Befreiung war demnach ein Gegenkonzept zu Entwicklung, die wesentlich mit dem American Way of Life assoziiert wurde.
Lernen Teil einer Volksbewegung
Als Paulo Freire mit Volksbildung zu experimentieren begann, war Lernen Teil einer großen Volksbewegung: LandarbeiterInnen organisierten sich in Gewerkschaften und Genossenschaften. Engagierte Intellektuelle darunter viele StudentInnen gingen aufs Land und an den Stadtrand, um mit den Menschen am Rande der Gesellschaft in einen Dialog zu treten. In einem großen Bildungsprogramm unter der Leitung von Paulo Freire organisiert, erforschten sie gemeinsam ihr Lebensumfeld und ihre Probleme. Aufbauend auf diesem von Lernenden und Lehrenden erworbenen Wissen bildeten sich Kulturzirkel, in denen AnalphabetInnen Lesen und Schreiben lernten. Das Ziel dieser politischen Bewegung war Befreiung in einem umfassenden Sinn: die Befreiung aller Menschen und des ganzen Menschen. Die Erfahrung lehrte, dass dies ohne Kampf nicht erreichbar ist. Im Konflikt zwischen Arm und Reich, Mächtigen und Entmachteten, erfordert deshalb befreiende Bildungsarbeit Parteilichkeit und den Bruch mit dem Bestehenden. Sie ist revolutionär.
Niederlage der Volksbildung
In Lateinamerika wurde Volksbildung als politisches Projekt durch die Militärdiktaturen besiegt. In Afrika scheiterte es an den Widersprüchen der nationalen Befreiungsbewegungen und der imperialistischen Destabilisierungspolitik, die so manchen Diktator, der vieles, nur nicht befreiende Bildung wollte, an die Macht brachte. Aber Volksbildung scheiterte auch daran, nicht kritisch genug die eigenen Schwächen und Widersprüche zu reflektieren. So waren nicht wenige von der Kulturrevolution in China begeistert, die Befreiung von oben zwangsverordnete.
In Europa und den USA wurde der Freireanische Bildungsansatz durch Dritte Welt-Gruppen, Solidaritätsbewegungen und Basiskirchen-Bewegungen bekannt gemacht. Eingang fanden diese Überlegungen vor allem im Rahmen der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit, der Befreiungstheologie und reformpädagogischer Ansätze. Dabei stand die Bewusstseinsbildung und damit kritische Bildungsarbeit im Vordergrund. Die für Lateinamerika kennzeichnende Kopplung von politischer Praxis und Erziehung, von Volks- und Lernbewegung lebte in Europa, solange es dynamische soziale Bewegungen gab. Mit der Krise von Friedens-, Frauen- und Dritte Welt-Bewegung in den 1990er Jahren entkoppelte sich Politik und Bildung auch im freireanisch orientierten Ansatz.
Eine andere Welt ist möglich
Die Überzeugung, dass Veränderungen notwendig und möglich sind, prägte den Fortschrittsoptimismus des vergangenen Jahrhunderts. Wiewohl dieser überzogen war, ist der gegenwärtig vorherrschende Skeptizismus Gift für engagiertes Handeln. Freire war ein entschiedener Gegner von Neutralität und falsch verstandener Zweckfreiheit. Freire hoffte und wollte, dass es anders wird. Lange fehlte in Europa dieser Wille, Gesellschaft zu gestalten und die Menschen zu ermächtigen, durch ihre Tätigkeit den Status Quo zu überwinden und Herrschaftsstrukturen Kapitalismus, Patriarchat, Imperialismus abzuschaffen. Deshalb waren so viele erfreut, als am Beginn dieses Jahrhunderts erneut behauptet wurde, dass eine andere Welt möglich ist. Die globalisierungskritische Bewegung und ihr ganzheitlicher und ambitionierter Ansatz sind ein guter Boden, auf dem die alten Ideen Paulo Freires aktualisiert werden können. Freire hatte sich an die Menschen am Rande der brasilianischen Gesellschaft gewandt: die LandarbeiterInnen. Sie sollten Lesen und Schreiben lernen, damit sie ihr Lebensumfeld verstehen und Ungerechtigkeiten bekämpfen können. Lernen als Befähigung zum Tun für diejenigen, die unter dem Status Quo leiden. Selbstveränderung und Weltveränderung gehen deshalb Hand in Hand.
Freireanische Bildung
Freireanische Bildung bereichert unser Denken und Handeln von der Peripherie her, weil es die Erfahrungen derjenigen, die nicht lesen und schreiben können, Ernst nimmt und ihr lokales Wissen im Bildungsprozess aktiviert. Doch Paulo Freire ist vom europäischen Denken geprägt und sein Bildungsansatz schließt an die europäische Tradition der Aufklärung an. Die Befreiung aller Menschen und in allen seinen Dimensionen, von der Wirtschaft bis zur Kultur, ist aufklärerisch, weil es um den Ausstieg der Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit geht. Doch Freireanische Bildung geht darüber hinaus, weil es auch um die Überwindung fremdverschuldeter Unmündigkeit geht, um die Überwindung ungerechter Strukturen des Status Quo. Damit geht Freire einen entscheidenden Schritt über die bürgerliche Emanzipation mündiger BürgerInnen hinaus. Für ihn geht es nicht nur Selbst-, sondern auch um Weltveränderung, nicht nur um Lernen, sondern auch um Tun.
Lesen Sie in Teil II am 3. November 2006: Den Status Quo überwinden das Volk Ernst nehmen.
Der Autor ist wissenschaftlicher Leiter des Paulo Freire-Zentrums und Universitätsprofessor am Institut für Regional und Umweltwirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien.