Ist es möglich, innerhalb des Widerstands zu leben und aus diesem heraus die Welt zu verändern? „Ja“, sagt Oscar Jara, wir sollen uns nur mal eine Blume vorstellen, die mit aller Kraft aus einem Spalt im Beton herauswächst. Wir können diese kleine Blume immer weiter stärken, indem wir aufgrund von Erfahrungen unser Handeln überdenken und verbessern, sie gießen oder ihren Weg freimachen. Dann erst können weitere Blumen sprießen, es tauchen Vögel und Bienen auf, die anfangen, die Blumen zu bestäuben. Wir werden wichtige Erfahrungen machen und werden uns fühlen, als wären wir gegen das System, aber eigentlich sind es Lücken, die wieder größere Lücken schaffen und Antworten suchen und finden. Durch unseren Erfahrungsaustausch untereinander und unsere Hoffnung reflektieren wir und können so einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen.
Das Nord Süd Forum München e.V. hat für den Online-Vortrag „Paulo Freire: Kritische und befreiende Erziehung zur Verteidigung der Menschenrechte“ am 22. September den costa-ricanischen Soziologen Oscar Jara Holliday eingeladen, um gemeinsam mit ihm über Paulo Freires Erziehungsphilosophie zu diskutieren. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie kritische Bildung die Verteidigung der Menschenrechte unterstützen kann.
Paulo Freire im Fokus.
In seinem Vortrag führt Oskar Jara die zentralen Ideen Paulo Freires an, die in Lateinamerika mehr als in Europa Anklang in der Praxis gefunden haben. Dabei müsse nach Jara die Konfrontation zwischen einem marktorientierten Paradigma und einem Paradigma hervorgehoben werden, das auf Solidarität, Schutz des Lebens, öffentlichen Gütern, Gleichheit und Respekt basiert. Innerhalb dieses Paradigmas stehe die Verteidigung der Menschenrechte im Mittelpunkt, die auch den Schutz der Umwelt mit einschließe.
In Lateinamerika sei der aktuelle Kontext von vier Hauptmerkmalen geprägt: Schwächung der formellen Demokratie aufgrund von Misstrauen, zunehmende Ungleichheit, Dominanz konservativer Kräfte in der Politik und polarisierte Gesellschaften mit gewaltvollen Spannungen zwischen sozialen Gruppen. Dieser Kontext erfordere mehr denn je transformative Veränderungen und die Frage, welche Bildung für einen sozialen Wandel benötigt wird.
Paulo Freire ist mehr als Alphabetisierung.
Während Paulo Freire oft auf seine Alphabetisierungsmethode reduziert würde, geht seine Erziehungsphilosophie weit darüber hinaus. Jara argumentiert, dass diese eine politische, ethische und erziehungswissenschaftliche Pädagogik sei, die auf der Befreiung des Individuums von Unterdrückung und der Stärkung seiner Fähigkeiten basiert. Die Rolle der Erzieher*innen bestehe nicht nur darin, Wissen zu vermitteln, sondern kritisches Lernen zu fördern und Bedingungen für eigenständiges Erkennen der Wirklichkeit zu schaffen. Bildung alleine verändere dabei nicht die Welt, sondern befähige die Lernenden dazu, die Welt zu verändern. Freireanische Pädagogik betont dabei besonders die Bedeutung des Fragens und des dialogischen Prozesses, so Jara. Erzieher*innen sollten Fragen stellen, die die Neugier der Lernenden wecken und zur Reflexion anregen. Es geht darum, nicht nur Antworten zu geben, sondern Prozesse des Lernens und Hinterfragens zu generieren. Dies ermögliche es den Lernenden, ihre eigenen Sorgen und Motivationen in den Bildungsprozess einzubringen.
Auf Augenhöhe.
Eine zentrale Herausforderung emanzipatorischer Bildung bestehe nach Jara darin, einen dialogischen und kritischen Bildungsprozess zu schaffen, bei dem die Teilnehmenden gehört werden und Themen aus ihrer eigenen Lebenswelt einbringen können. Dies erfordere eine offene Haltung gegenüber verschiedenen Denkweisen und die Schaffung von Räumen für kritisches Denken und Handeln. Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung kritischer Bildung sei die Systematisierung von Erfahrungen, denn dabei können Lehren aus der Praxis gezogen und die eigenen Erfahrungen reflektiert werden. Die Bildungsgemeinschaft solle sich deshalb aktiv vernetzen, um Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen – so der Apell des Vortragenden.
Wie Jara hervorhebt verfolgte Paulo Freire in seiner Pädagogik keinen isolierten Ansatz, sondern dieser legte großen Wert darauf, seine eigene Lebensweise ständig zu reflektieren. Dieser Ansatz ermögliche es den Menschen, sich als vollständigere Individuen zu betrachten, da sie sich ihrer eigenen Unvollkommenheit bewusst werden. Diese Selbstreflexion und Bewusstseinsbildung trägt dazu bei, menschlicher zu werden und die Kapazitäten und Potenziale jedes*jeder Einzelnen stetig zu entwickeln. In Freires Konzept der kritischen und befreienden Erziehung liegt der Fokus darauf, die Menschlichkeit zu fördern und die individuelle und kollektive Entwicklung voranzutreiben. Dies kann gemäß Jara gelingen durch dialogische Bildung, Problembewusstsein, Bewusstseinsbildung, Empowerment, Partizipation, kritisches Denken und Befreiung von Unterdrückung.
Demokratische Bildung für sozialen Wandel.
Kritische Bildung nach Freire hat das Potenzial, demokratische Bildung für sozialen Wandel zu schaffen, betonte Jara in seinem Vortrag. Dazu brauche es die aktive Beteiligung der Menschen an der öffentlichen Politik und die Förderung von Umwelt- und sozialer Gerechtigkeit. Politik und die Ausübung von Macht generell solle durch aktiven Einbezug der Gemeinschaft verändert werden. Im Kontext der Stärkung von Menschenrechten bezieht sich diese Bildungsphilosophie auf das Bewusstsein für diese Rechte und darauf, eine kritische Analyse von Ungerechtigkeiten und Menschenrechtsverletzungen zu schärfen. Menschen sollen dazu ermutigt werden, sich aktiv für die Wahrung und Förderung von Menschenrechten einzusetzen.
Insgesamt hat die Diskussion und der Input Oscar Jaras gezeigt, wie kritische Bildung nach Paulo Freire die Verteidigung der Menschenrechte unterstützen kann, indem sie die Menschen dazu ermutigt, Fragen zu stellen, kritisch zu denken und aktiv an sozialem Wandel teilzunehmen. Obwohl einige skeptisch gegenüber dieser pädagogischen Herangehensweise sind, da die heutige Lehre oft stärker auf das Ergebnis fokussiert ist und den Weg dorthin möglicherweise nicht ausreichend berücksichtigt wird, legt Freire doch großen Wert darauf, dass der Prozess zur Erreichung eines Ergebnisses ebenso bedeutend ist wie das Ergebnis selbst. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass Fragen stellen nicht nur eine Form des Lernens ist, sondern auch ein Weg, kritisches Denken zu fördern und Reflexion anzuregen. Dieser Ansatz ermöglicht es den Lernenden, aktiv am Bildungsprozess teilzunehmen und sicherzustellen, dass sie ihre eigenen Anliegen einbringen können. So können aktuelle Herausforderungen in Lateinamerika und darüber hinaus angegangen und eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft aufgebaut werden. Für das Paulo Freire Zentrum bedeutet das: Uns auf eine dialogische Weise mit anderen Akteur*innen und Institutionen zu vernetzen, die kritische Berichterstattung weiter voranzutreiben und weiterhin vor allem eins: zum Nachdenken anzuregen.
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