Onda latina und Paulo Freire

StudentInnen der Internationalen Entwicklung begleiteten und reflektierten das Kunstfestival onda latina mit Paulo Freires Theorie. Der Autor blickt anlässlich der Präsentation der Rechercheergebnisse am 21. Juni 2006 auf diese besondere Lehrveranstaltung zurück. Ein Semester lang haben StudentInnen der Internationalen Entwicklung das Kunstfestival onda latina kritisch begleitet und beobachtet. Onda latina wurde dabei mit den Konzepten konfrontiert, die Paulo Freire in seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ vorgestellt hat.

Wissenschaftskritik voran!

Um den besonderen Charakter unserer Untersuchungen auszudrücken, soll eine zweifache Wissenschaftskritik als Selbstkritik voran gestellt werden. Erstens: Wissenschaft kann in Elfenbeintürmen sitzen. Es ist sehr leicht, an einem Praxisfeld wie es onda latina darstellt, Generalkritik zu üben. Im Gegensatz dazu ist es ein Grundanliegen des transdisziplinären Forschungszuganges, dass Wissenschaft mit Gesellschaft in ein dialogisches Verhältnis tritt. Zu Dialog gehört Kritik, aber eine, die von Wertschätzung getragen ist.

Zweitens: Wissenschaft ist aber auch davon bedroht, vorherrschenden Vorstellungen von gesellschaftlicher Nützlichkeit zu viel Raum zu geben. Wir verstehen unsere Präsentation nicht als nachträgliche Legitimierung des Festivals. Dies stünde im Widerspruch zu den Überlegungen Freires zur Parteilichkeit von Forschung. Freire fordert Parteilichkeit mit den Unterdrückten, nicht aber mit den VeranstalterInnen, auch wenn deren Leistungen durchaus bemerkenswert sind.

Was sind die Ansprüche der Pädagogik der Unterdrückten?

Was die StudentInnen der Lehrveranstaltung anbieten, ist eine Reflexion von onda latina im Hinblick auf die in der „Pädagogik der Unterdrückten“ von Paulo Freire artikulierten Ansprüche. Was kann das bedeuten?

Erstens geht es darum, onda latina in einen pädagogischen Horizont zu stellen. In unserer Lehrveranstaltung fragen wir: Wie steht es um das Lernen, um Bildung, um Pädagogik im Rahmen von onda latina? Welche Bildung wurde realisiert? Für wen und mit wem wurde gebildet? Das stellt ein Kunst-Festival freilich vor Herausforderungen, weil Kunst und Bildung unterschiedliche Ziele verfolgen. Wird Kunst den Notwendigkeiten didaktischer Verwertung unterworfen, kann sie schnell banal und öd werden. Umgekehrt kann Bildung, die künstlerische Formen wählt, als abgehoben und unverständlich erlebt werden.

In unserer Lehrveranstaltung befassten wir uns weiters mit der Frage, was Unterdrückung im hier und heute ist. In Freires Alphabetisierungsprogrammen der 1960er Jahre bezeichnete das Wort „Unterdrückte“ LandarbeiterInnen und AnalphabetInnen. In unserem Kontext stellt sich die Frage, ob es um soziale Randgruppen (Obdachlose, MigrantInnen ) geht oder auch um StudentInnen. Geht es um Kulturschaffende ohne Budget oder um KünstlerInnen aus Lateinamerika? Aus meiner Sicht ist es wesentlich, diese Frage mit einem Blick auf die grundlegende ökonomischen und politischen Asymmetrie zwischen Lateinamerika und der Europäischen Union zu beantworten. Eine Pädagogik der Unterdrückten müsste diese Ungleichheit thematisieren.

Bildung verändert.

Freire beschreibt einen Weg, wie Bildung Gesellschaft verändern kann. Diese Intention vertreten auch die KoordinatorInnen von onda latina, genauer die Arbeitsgemeinschaft von kulturen in bewegung, der Südwind-Agentur und dem Lateinamerika Institut. Freire steht für eine Erwachsenenbildung in der Tradition der Aufklärung. Dazu gehört die Kenntnis von, die Aufklärung über Realitäten, und dies war auch ein Ziel von onda latina:

„Ein breit gefächertes Kulturprogramm bringt soziale Realitäten und differenzierte Bilder lateinamerikanisch-karibischer Lebenswelten einem breiten Publikum näher. onda latina will Themen künstlerisch aufgreifen und zur Auseinandersetzung mit diesem Kontinent anregen.“

Freilich wäre zu fragen, ob das Aufzeigen von Realitäten bereits mit Aufklärung im Sinne einer selbst bestimmten Mündigkeit zu tun hat.

Subjekte sprechen für sich.

Freires Pädagogik zielt auf Ermächtigung, darauf, dass die Lernenden selbst Subjekt ihrer eigenen Geschichte werden und nicht Objekt des Handelns anderer bleiben. Ein erster Schritt dafür ist es, Sprache zu erlangen, sich selbst ausdrücken zu können bzw. zu dürfen:

onda latina ermöglicht KünstlerInnen aus Lateinamerika und der Karibik ihre eigene Stimme im wahrsten Sinne des Wortes einzusetzen und ihre Blickwinkel darzustellen.“

Ist aber ein Festival, dem kommerzielle Zwänge nicht fremd sind, ein guter Ort, um frei zu sprechen? Entkommt Kunst bei onda latina der Warenförmigkeit, wie sie von Adorno und Horkheimer (1) thematisiert wurde?

Der Kontext der Asymmetrie.

Paulo Freire reagierte auf ungleiche Verhältnisse, deren Veränderung ihm ein lebenslanges Anliegen war. onda latina steht ebenfalls in einem Kontext der Asymmetrie. Anfang Mai 2006 fand der offizielle EU-Lateinamerika- und Karibikgipfel (EU-LAC) statt, der nicht nur Anlass für onda latina war, sondern auch gleichzeitig vom Alternativengipfel kontrastiert wurde. Beide zusammen machten deutlich, dass onda latina in einem politisch sensiblen Kontext agiert. Nichts ist leichter, als hier instrumentalisiert zu werden, was meiner Ansicht nach aber nicht passiert ist.

Was Kunst kann.

Kunst kann was können. Manchmal darf sie nicht, manchmal soll sie auch nicht. Mit Freire lassen sich die Spannungsfelder zwischen Kunst als Kommerz, Bedienung einer großen Zahl von (passiven) KundInnen, und Kunst als politische Aktionsform, als Mobilisierung, bis hin zur Kunst als Propaganda, gut benennen. Markt und Politik, das ist die eine Koordinatenachse, auf der sich die Veranstaltungen unterschiedlich eingeordnet haben.

Die andere Koordinatenachse heißt Elite versus Volk was nützte die politisch treffendste Ausdrucksform, wenn sie vielen nicht zugänglich wäre? Umgekehrt: Was nützte es, viele Menschen zu erreichen, wenn dabei ein nivelliertes, pointenloses, vielleicht auch stereotypes Programm überbleiben würde? Das ist die Herausforderung der Volksbildung, hier differenzierte Zugänge zu finden. kulturen in bewegung lässt sich immer wieder neu auf Experimente ein und probiert neue Wege und Methoden, ob im Böhmischen Prater oder jetzt mit diesem Festival.

Fazit.

Ein Festival kann eine Bildung als Praxis der Freiheit sein ich sage das als „kann“, es gibt eben das Potential dazu und keine Garantie dafür. Ob onda latina dieses Potential zu entfalten verstand, wird nun von den TeilnehmerInnen an der Lehrveranstaltung „Bildung als Praxis der Freiheit“ reflektiert werden.


1 Theodor W. Adorno und Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung.
Philosophische Fragmente. Frankfurt/Main, 1969 [1947].

Reflexion des Kunst- und Kulturfestivals onda latina.

Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums. Er leitete im Sommersemester 2006 das Proseminar „Bildung als Praxis der Freiheit“.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.