Wie kann emanzipatorische Bildung heute aussehen? Was braucht Bildung, um gesellschaftliche Transformationsprozesse zu ermöglichen, statt Unterdrückungsverhältnisse zu reproduzieren?
Jocelyn Dechêne versteht Liebe als zentrales Element einer Antwort auf diese Fragen. Ihre Forschung zur Liebe als politischem Akt stand im Mittelpunkt einer Kooperationsveranstaltung zwischen dem Paulo Freire Zentrum, der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld und dem Österreichischen Institut für Erwachsenenbildung (oieb). Im Rahmen der Podiumsdiskussion im C3 zeigte sich deutlich, dass Dechênes Verständnis sowohl der Praxis von Liebe als auch ihres emanzipatorischen Potenzials keineswegs unumstritten ist. Birge Krondorfer vom feministischen Verein Frauenhetz und David Untersmayr vom Paulo Freire Zentrum ergänzten das Podium. In der von Jan Niggemann (oieb) moderierten Veranstaltung stellte sich heraus, dass das Nachdenken über Liebe ein wichtiges Thema für engagierte Wissenschaft und kritische Zivilgesellschaft sein sollte. Auch wenn die Diskussion keine endgültigen Antworten liefern konnte, brachte der lebhafte Austausch mit dem Publikum einige Ansätze hervor, die die Leser*innenschaft hier vielleicht weiterdenken kann.
Was bedeutet es, Liebe als politischen Akt zu begreifen?
Dechêne leitete die Diskussion mit einer Reflexion ihrer bisherigen Forschung ein. Sie stellte ein politisiertes Konzept vom Lieben als gesellschaftlicher Praxis vor. Dieses Konzept fußt in den Arbeiten von Paulo Freire, bell hooks und Erich Fromm und überträgt sie in den Kontext aktueller rassismuskritischer Bildungsforschung.
Dabei sprach sie in Anlehnung an Freire und Fromm nicht von Liebe im Sinne einer konkreten zwischenmenschlichen Beziehung, sondern einer allgemeinen zuneigungsvollen Haltung gegenüber der Menschheit. In diesem Verständnis ist Liebe unabdinglich, um eine Verbindung zu anderen Menschen herzustellen. Liebe sei nach Eva Illouz ein Erkennen des eigenen Selbst im Gegenüber trotz struktureller Gewalt, Trennung und Verfremdung. Das spiegelt Freires Erkenntnis wider, dass Liebe unumgänglich sei, um Unterdrückung zu überwinden. Nur durch sie können die Unterdrückten einer Gesellschaft ihren Zorn angesichts ihrer Situation mobilisieren, um sich zu befreien, ohne dass dieser selbst in übermäßige Gewalt ausartet. Denn einen wirklichen Befreiungsakt vollziehen die Unterdrückten nicht nur für sich selbst, sondern für die gesamte Gesellschaft. Somit ist politisierte Liebe nicht nur ein positiver Affekt, sondern ein aktiver Widerstand gegen bestehende strukturelle Gewalt und der Entfremdung zwischen gesellschaftlichen Gruppen.
Gewalt, Objektifizierung und Liebe – gegensätzlich und verwoben.
Ein zentraler Schritt in der Ausarbeitung eines Konzepts von Liebe war die Suche nach seinem Gegenstück. In Anlehnung an Theoretiker*innen wie Koloma Beck, Judith Butler und insbesondere Freire bot Dechêne hierfür Unterdrückung an. Sie sei eine Form von struktureller Gewalt, die auf der Objektifizierung bestimmter Gruppen basiert. Diese Objektifizierung und damit Entmenschlichung wird als Negation der Liebe verstanden. Dadurch, dass sie die Annäherung an bestimmte Menschen erschwert oder gar verunmöglicht, kann eine gewaltvolle gesellschaftliche Ordnung durchgesetzt werden. So wird ein natio-ethno-kulturell definiertes Wir von einem entmenschlichten nicht-Wir abgegrenzt. Dieses nicht-Wir kann beispielsweise eine bestimmte religiöse oder ethnische Minderheit sein, die durch diese hegemoniale Wir-Idee unterdrückt wird. Eine solche Unterdrückung kann und muss mit Liebe überwunden werden, zeigte sich Dechêne in Anlehnung an Freire überzeugt. Liebe sei ein essenzielles Werkzeug, um Unterdrückung zu überwinden, ohne dass Widerstand und berechtigter Zorn neue gewaltvolle Strukturen hervorbringen, in denen Unterdrückte zu neuen Unterdrücker*innen werden. Sie erlaubt die Konzeption einer würdigeren Gesellschaft, sogar für Angehörige der unterdrückenden Gruppe(n).
Allerdings wies Dechêne auch darauf hin, dass gerade die kapitalistischen, patriarchalen und rassistischen Unterdrückungsformen, die durch Liebe überwunden werden sollen, das Lieben selbst erschweren. Wie wir lieben und Liebe begreifen ist von gesellschaftlichen Strukturen beeinflusst. Im objektifizierten Gegenüber, das als gänzlich fremd und anders konzipiert wird, einen Menschen zu erkennen, der geliebt werden kann, ist eine Herausforderung. Allerdings kann Lieben erlernt werden, wie Untersmayr in Bezug auf hooks ergänzte. So wurde vielen Männern das fürsorgliche Lieben nicht beigebracht, weil es nicht in bestehende Vorstellungen von idealer Männlichkeit passt. Sie können sich diese Fähigkeit jedoch später durch Übung aneignen, etwa indem sie Verantwortung für oft weiblich konnotierte erzieherische Tätigkeiten übernehmen.
Autorität im Spannungsfeld zwischen Liebe und Gewalt.
Wenn dieses abstrakte Idealbild von emanzipatorischer Liebe auf den pädagogischen Kontext angewandt wird, stellt sich die Frage, wie ihm Raum gegeben werden kann. Als Antwort bot hier Krondorfer ein demokratisch-feministisches Konzept von Autorität an. Sie betonte die Möglichkeit, Autorität von einem patriarchal geprägten Autoritarismus getrennt zu verstehen. In einer indirekten Parallele zu Freires Gedanken in der Pädagogik der Autonomie betonte sie die Notwendigkeit, durch eine produktive Verwendung der eigenen Macht Räume zu schaffen, in denen transformative Bildungsprozesse überhaupt stattfinden können. Denn insbesondere innerhalb ungleicher Strukturen muss dem Druck auf Bildung, diese zu reproduzieren, Grenzen gesetzt werden, innerhalb derer dialogisches Lernen möglich ist. Nur durch die Anwendung dieser nicht-autoritären Autorität, so Krondorfer, können Lehrende sich bestehenden Normen und Vorstellungen entgegensetzen, um Lernenden zu ermöglichen, sowohl (Selbst-)Ermächtigung, als auch Unsicherheit in Bezug auf bestehendes Wissen in einem sicheren Rahmen zu erproben. Das ist besonders relevant für Dechênes Forderung, durch Liebe bestehende Realitäten zu verlernen und neue Realitätsformen zu erdenken.
Dieser Gedanke führte allerdings auch zu einer Diskussion über die missbräuchliche, unterdrückerische Verwendung von Autorität und die mögliche Dominanz von Lehrenden gegenüber Lernenden. Sowohl Dechêne als auch Krondorfer gaben dabei zu bedenken, dass Lehrer*innen, insbesondere in der formellen Bildung, nicht die volle Macht über ihren Unterricht haben. Auch sie brauchen den richtigen (institutionellen) Rahmen, um ihren Schüler*innen überhaupt eine transformative Bildung bieten zu können. Nur dann können sie nicht-autoritäre Autorität anwenden, um einen Raum für Neues zu schaffen. Überarbeitetes, schlecht unterstütztes Lehrpersonal in überfüllten Klassen mit strikten Lehrplänen hat wahrscheinlich nicht die Möglichkeit, dies umzusetzen. Somit wird auch hier wieder klar, wie schwierig es ist, Liebe und andere emanzipatorische Ideen innerhalb bestehender Strukturen zu verwirklichen.
Wo fängt politische Liebe an, wo hört persönliche Liebe auf?
Die grundlegende Frage, um welche Form von Liebe es sich hier handelt, wurde von Untersmayr in Bezug auf die Unterschiede zwischen Freire und hooks angerissen und vom Publikum wiederholt aufgegriffen. Wo verläuft die Grenze zwischen einem Idealtyp einer allgemeinen Liebe zum Menschen und einer persönlichen, vielleicht auch romantischen, zwischenmenschlichen Liebe?
Obwohl Dechêne in Anlehnung an hooks die Abwertung der meist weiblich konnotierten romantischen Liebe problematisierte, schien ihr Verständnis diese Abwertung implizit zu übernehmen. Diese Dimension der Liebe kam kaum vor und auch die individuelle emotionale Entwicklung von Liebe wurde erst von Untersmayr und im Laufe der Diskussion von Krondorfer eingebracht. Untersmayr betonte dabei die Reflexionen von hooks und Freire zu ihren sehr persönlichen Bezügen zur Liebe, geprägt von unterschiedlichen kindlichen Erfahrungen. Zudem verwies er auf hooks sehr offene Schilderungen ihrer Liebe gegenüber ihren Schüler*innen, die sie selbst nicht immer klar von romantischen Gefühlen trennen konnte. Das alles wirft die Frage auf, ob es überhaupt sinnvoll ist, von der Liebe als abstrakter Haltung zu sprechen.
Insbesondere Krondorfer zeigte sich einem solchen Verständnis von Liebe weitgehend kritisch gegenüber und warf die Frage in den Raum, ob statt Liebe nicht auch Zuneigung oder Engagement als emanzipatorisches Werkzeug dienen können. Sie betonte die emotionale Arbeit, die hinter dem Akt des Liebens steht. Das trifft insbesondere dann zu, wenn er mit einer gebenden, aufopfernden Haltung verbunden wird, wie das bei der Auffassung Dechênes der Fall ist. Eine solche Liebe müsse durch Gegenseitigkeit genährt werden. Gerade in einem politischen und pädagogischen Kontext stellt sich jedoch die Frage, ob das durchwegs praktikabel ist.
Obgleich diese Frage letztendlich im Rahmen der Diskussion nicht geklärt werden konnte, regte Dechênes Appel, das utopische Potential im Lieben und im neu Denken von Liebe zu ergreifen, auch noch nach Ende der eigentlichen Diskussion Gespräche und gemeinsames Nachdenken an. In diesem Sinne besteht der Aufruf an die Leser*innen, diese Gedanken weiterzuführen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Das Titelbild kombiniert Abbildungen und Zitate von bell hooks und Paulo Freire, die Bildung als einen Akt der Liebe begriffen haben. © Andres Musta, flickr und Escola Municipal Rivadávia Corrêa.