Andreas Novy stellt in einer sechsteiligen Radiosendung der Ö1-Reihe Gedanken für den Tag Paulo Freire vor. Das PFZ dokumentiert den Text zur Sendung. Teil II.
Paulo Freire, der brasilianische Befreiungspädagoge, war von einem tiefen Respekt für die Menschen geleitet. "Bilden" war für ihn Hilfe zur Ich-Werdung. Wie es im "Kleinen Ich bin Ich", dem Kinderbuch von Mira Lobe so schön beschrieben wird, ist das vornehmste Ziel von Bildung, den Menschen ihre Einzigartigkeit bewusst zu machen.
Niemand ist wie ich, und deshalb mache gerade ich für den Lauf der Welt einen Unterschied. Freire wollte mündige Menschen, eigenständig Denkende und nicht von oben Manipulierte. "Ich will lesen und schreiben lernen, damit ich nicht länger Schatten der anderen bin." So bringt es ein Landarbeiter auf den Punkt. Bildung als Befreiung zur Eigenständigkeit und Mündigkeit.
Dieser Anspruch klingt bescheiden und ist doch revolutionär. In Basisinitiativen, in der Kirche, in Gewerkschaften und Parteien fallen diese Ideen in den 60er Jahren auf fruchtbaren Boden. Alphabetisierung wird zu einem politischen Schlüsselthema. Für die Herrschenden, die ihre Privilegien verteidigen, gilt Freire zunehmend als subversiv. Die Reaktion der Macht auf die Organisierung der Armen und der erstarkenden Lernbewegung ist in Brasilien 1964 ein Militärputsch. Freire muss für 16 Jahre ins Exil. Er geht nach Chile, wo 1973 mit Unterstützung des CIA geputscht wird. In Nicaragua werden die LehrerInnen, die seine Methode anwenden, von Terrorbanden ermordet, welche von der Regierung Reagan finanziert werden.
Es folgte eine Wende in der Politik und auch in der Bildungspolitik. Das Denken Paulo Freires geriet in Vergessenheit. Heute werden Aufklärung und Ermutigung zum kritischen Denken verdrängt. Bildung verkümmert zu Ausbildung und soll einzig zur Anhäufung von Humankapital beitragen. Bildung als Voraussetzung und Befähigung zur mündigen Teilhabe an der Gesellschaft gerät aus dem Blick. Die Frage ist: Wollen wir das? Und kann es nicht auch anders sein?
Andreas Novy auf Ö1 hören.
Die anderen Teile der Serie:
Kann es auch anders sein? (I)
Kann es auch anders sein? (III)
Kann es auch anders sein? (IV)