Die Autorin beschreibt den Lieblingsmythos von Beat Weber, wie er in der Ringvorlesung Mythen der Ökonomie präsentiert wurde.
Dieser Slogan der Wirtschaftskammer ist der Lieblingsmythos von Beat Weber, Mitarbeiter der Österreichischen Nationalbank, BEIGEWUM-Mitglied und Co-Autor des Buches Mythen der Ökonomie (1). Der Slogan scheint den Status einer wissenschaftlichen Hypothese einzunehmen und einen Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Gesellschaft herzustellen. Kann er wissenschaftlich als Mythos dekonstruiert werden?
"Wirtschaft" ist doppeldeutig

"Wirtschaft" ist zumindest doppeldeutig, daher erfolgte eingangs eine Begriffsabklärung durch Beat Weber:
Unter Wirtschaft im weiteren Sinn könne der Begriff für einen Bereich in Abgrenzung von anderen bezeichnet werden (Abbildung 1).
Wirtschaft im engeren Sinn stehe für die Produktionssphäre (Abbildung 2). (2)
Um der Frage nachzugehen, ob – wie der Slogan der Wirtschaftskammer
impliziert – eine gute Wirtschaftslage ("Geht’s der Wirtschaft gut
…") ein Wohlbefinden der gesamten Gesellschaft zur Folge hat ("…
geht’s uns allen gut"), präsentierte Beat Weber Datenmaterial.
Wirtschaft als Teilsystem (Abbildung 1)
Die Lage der Wirtschaft könne anhand des BIP (3) überprüft werden, der Wohlstand einer Gesellschaft sei über verschiedene Indikatoren messbar. Keine Korrelationen bestehen, so Weber, zwischen dem BIP pro Kopf als Wert für wirtschaftlichen Wohlstand und den Wohlstandsindikatoren Freizeit pro Kopf, Umweltqualität, Gesundheit (4), Anzahl der Gefängnisinsassen, Verteilung (5) und sozialer Kohäsion (6). Auch Ergebnisse der Glücksforschung, die das BIP pro Kopf dem Glücksniveau der Bevölkerung gegenüberstellen, belegen laut Weber keinen Zusammenhang.
Nach quantitativer Überprüfung der Wohlstandsindikatoren, könne ein vorsichtiger erster Schluss gezogen werden: zwischen der Wirtschaft und dem Wohlstand aller besteht kein direkter messbarer Zusammenhang.
Wirtschaft als Produktionsspäre (Abbildung 2)
Um zu überprüfen, ob der Slogan der Wirtschaftskammer für die Wirtschaft im engeren Sinn Gültigkeit beanspruchen kann, müsse geklärt werden, ob und inwieweit zwischen dem Wohlstand von Unternehmen und jenem anderer wirtschaftlicher AkteurInnen ein Zusammenhang besteht. In den USA stagnierte etwa zwischen 1967 und 1995 der Anteil der ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung und der Mittelklasse am Wirtschaftswachstum, während die reichsten fünf Prozent außerordentlich stark vom Wirtschaftswachstum profitierten. Auch andere Daten belegen, so Weber, dass die Verteilung des Wohlstandes asymmetrisch sein kann.
Es bestehe kein Zusammenhang zwischen dem Wohlergehen der Unternehmen und jenem anderer wirtschaftlicher AkteurInnen. Die Daten würden eher darauf hinweisen, dass sich eine weitere Verstärkung der Interessensgegensätze abzeichnet.
Umwegrentabilität
Ein beliebtes Argument sei die Aussage, Gewinne der Unternehmen kämen der Allgemeinheit über Umwege zugute, z.B. in Form von Arbeitsplätzen. Um die Gültigkeit dieser Annahme zu überprüfen, präsentierte Beat Weber eine Gegenüberstellung der Investitionsausgaben der letzten Jahre (in Prozent der Gewinne), die für OECD-Ländern rückläufige Investitionen aufweist. Zwischen der Gewinnhöhe von Unternehmen und deren Investitionsverhalten könne daher kein Zusammenhang festgestellt werden.
Schlussfolgerung
Wirtschaftswachstum oder hohe Gewinne der Unternehmen bedeuteten nicht zwangsläufig hohen Wohlstand für alle. Besonders wichtig für den Wohlstand für alle sei, wie die Gewinne verteilt würden. Den Forderungen der Unternehmen nachzugeben, sei keine Garantie dafür, dass in Folge auch die Allgemeinheit profitiere.
Diskussion
In der an Beat Webers Referat anschließenden Diskussion erfolgte die Wortmeldung, Shareholder, die an Börsen investierten, hätten naturgemäß andere Interessen als der Staat, ihr Augenmerk liege auf Gewinnen, nicht auf sozialer Gerechtigkeit. In Beantwortung der Frage, ob die Börse selbst ein "Übel" sei, betonte Beat Weber, sie sei Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse, ein Resultat der Verschiebung zugunsten des Faktors Kapital, das über höhere Verhandlungsmacht verfüge als der Faktor Arbeit. Auf die Frage, warum die Wirtschaftskammer einen Slogan verwende, der leicht als Mythos enttarnt werden könne, hob Beat Weber die "intuitive Plausibilität" hervor, die der Slogan genieße, und die Interessenpolitik der Wirtschaftskammer, die mit ihm ihren Status im wirtschaftspolitischen Diskurs stärke. Er widersprach der Annahme, der Slogan sei passend für Österreich: die Sozialpartnerschaft, auf deren Erfolgsgeschichte er eventuell zugetroffen habe, sei in den letzten Jahren zum umstrittenen Modell geworden. Interessenharmonie wäre durch die stärkere Position der Unternehmen (geringere Kooperationsbereitschaft durch Rückzug des Staates) nicht mehr gegeben.
Kommentare aus dem Auditorium zur Gegenöffentlichkeit, die sich Positionen wie jener der Wirtschaftskammer entgegenstellen könnte, konstatierten fehlende Kapitalismuskritik und mangelndes Engagement der Gesellschaft, die sich nicht organisieren würde. Die Arbeitskreise im Zuge der Vorlesung böten jedoch eine Gelegenheit, sich persönlich mit wirtschaftspolitischen Themen auseinanderzusetzen, selbständig zu denken, um in der Folge auch aktiv an der Gestaltung einer Gegenöffentlichkeit teilnehmen zu können.
Persönliche Reflexion
Nach der Vorlesung suchte und fand ich in der Selbstdarstellung der Wirtschaftskammer ausreichend Rhetorik zur konstruierten Verbindung zwischen Wohl der Wirtschaft und der Allgemeinheit, wie etwa "Österreich dort wo hoher Lebensstandard und wirtschaftlicher Erfolg zu Hause sind" (7): Die Unternehmerschaft trage nicht nur zur Verbesserung des Staatshaushaltes bei, sondern sorge für eine prosperierende Gesellschaft. Interessant ist, dass die OECD gemäßigter feststellt:
"So wesentlich dieses [Wirtschafts]Wachstum aber auch als Voraussetzung für die Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen ist, reicht es doch für sich alleine genommen nicht aus, um alle sozialen Probleme zu lösen." (8)
In Folge bedient sich die OECD aber gängiger Klischees und betont unter anderem die wirtschaftliche Eigenverantwortlichkeit des/r Einzelnen.
Wirtschaft wird im neoliberalen Diskurs meist auf die Produktionssphäre limitiert, ausgeblendet bleiben Beiträge, die über die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung nicht erfasst werden.
1
BEIGEWUM (Hg.): Mythen der Ökonomie. Anleitung zur geistigen Selbstverteidigung in
Wirtschaftsfragen. Hamburg, 2005.
2 Quelle der Abbildungen 1 und 2: modifiziert übernommen aus dem Vortrag.
3
Für die Vorlesung wichtige Begriffe wurden von Beat Weber definiert:
Bruttoinlandsprodukt (BIP): In Geld gemessener Wert aller Güter und
Dienstleistungen, die in einem Jahr von inländischen Unternehmern,
Haushalten und vom Staat erwirtschaftet werden. Wirtschaftswachstum:
jährliche Steigerungsrate des BIP. Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: BIP
dividiert durch die Anzahl der EinwohnerInnen (~Durchschnittseinkommen).
4 Indikator, der aus Kindersterblichkeit, Anzahl gesunder Geburten und der Lebenserwartung zusammensetzt wurde.
5
Indikator, der aus Ungleichheit in Einkommen, Verbreitungsgrad von
Erwachsenen sowie Kinderarmut und Einkommensverteilung zwischen
Männern und Frauen gebildet wurde.
6
Indikator, für den der Anteil der in Vereinen Engagierten, die Opfer-
und Selbstmordquote sowie die Anzahl der Häftlinge herangezogen wurden.
7
Wirtschaftskammer Österreich: Das ist Österreich eine wirtschaftliche Perspektive. Wien, 12. 08. 2005, S. 2. (pdf)
8 OECD: Mehr Chancen für alle durch eine aktive Sozialpolitik. Kurzbericht. Paris, 2005, S. 3. (pdf)
Die Protokolle der einzelnen "Mythen" der Ringvorlesungen finden Sie hier.
Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung