"Vom Gestern ins Heute" der erste Programmpunkt am zweiten Tag des
Freire-Symposiums nahm den inhaltlichen Faden vom Tag zuvor wieder auf.
Der zweite Tag des Symposiums zum Thema Volksbildung begann mit einem Rückblick auf die jüngere Vergangenheit. Was war früher anders? Moderator Andreas Novy (Paulo Freire Zentrum) erzählte zum Einstieg eine Anekdote: Eine österreichische Tageszeitung habe einen höheren Beamten porträtiert, der früher von der Befreiungstheologie fasziniert gewesen sei, heute aber Schwammerlsuchen und die eigene Rock-Band als große Leidenschaften angebe.
Das ist für Novy ein klassisches Beispiel: Engagement in jungen Jahren gehe vielfach "auf dem Weg" verloren. Er äußerte die Befürchtung, dass Rückzug à la Biedermeier heute attraktiver sei denn je. Mit der Aufforderung, die eigene "politische Geschichte" im Geiste Revue passieren zu lassen, leitete Novy einen historischen Rückblick auf 20 Jahre entwicklungspolitische Volksbildung ein.
Jute statt Plastik ein visueller Rückblick
Der Rückblick begann mit einer visuellen Zeitreise: Ausgewählte Fotos, darunter Titelseiten entwicklungspolitischer Magazine und Werbeplakate der Dreikönigsaktion, sollten veranschaulichen, dass sich die Konzepte entwicklungspolitischer Bildungsarbeit stark verändert haben. Anschließend betraten die beiden ReferentInnen des Vorabends, Marianne Gronemeyer und Martin Jäggle, erneut das Podium und ließen die TeilnehmerInnen an ihren ganz persönlichen Erinnerungen und Assoziationen zur Bilderfolge teilhaben.
"Jede Zeit muss ihren Ansatz finden"
Jäggle findet es unangemessen, aus der heutigen Perspektive frühere Ansätze disqualifizierend zu betrachten. Die Meinung, dass die "Karriere" vom politisch Engagierten zum Schwammerlsucher "typisch für seine Generation" sei, teile er nicht. Ihn selbst habe "die Frage nach der Gerechtigkeit" seit den 1970ern nicht mehr losgelassen, aber jede Zeit müsse diese Grundfrage für sich selbst neu durchbuchstabieren auch auf die Gefahr hin, später belächelt zu werden. Auf die Frage Novys, wie sich denn der Umgang mit Gerechtigkeit und Bildung in den letzten 20 Jahren verändert habe, antwortete Jäggle: "Früher war Bildungsarbeit appellativ und moralisierend, heute herrscht ein gesunder Vorbehalt gegenüber allem Moralisierenden."
"Coca-Cola gerecht verteilen"
Marianne Gronemeyer vertritt die Ansicht, die Frage der Gerechtigkeit sei heute ohnehin grundsätzlich anders zu diskutieren als früher. In den 1970er, 1980er Jahren sei es dabei hauptsächlich um "Verteilungsgerechtigkeit" gegangen. Da unser Reichtum aber ein "hochverderblicher" sei, müsse man sich heute eher fragen: "Wollen wir Coca-Cola überhaupt gerecht verteilen?"

Marianne Gronemeyer und Martin Jäggle beim Freire-Symposium, 4.-6. Dezember 2006. (Photos: Vera Brandner, ipsum)
Heute gehe es nicht mehr um die gerechte Verteilung von Teilnahme, sondern um die gerechte Verteilung von "Teilgabe": um die Möglichkeit, eigene Vorstellungen einzubringen. Wo alle Subsistenzkulturen systematisch aus dem Weg geräumt würden, betrachtet Gronemeyer "Schwammerlsuchen" von einer ganz anderen Perspektive: "Wo gibt es denn sonst noch unbewirtschaftete Räume, Dinge umsonst? Wo finden wir Möglichkeiten, an eine Lebensform anzuknüpfen, die nicht ausschließlich an Lohnarbeit geknüpft ist?" Worüber man heute nachdenken müsse, sei die "gigantische Erpressermaschine Arbeitsmarkt", die Lohnarbeit zur einzigen Überlebensmöglichkeit mache und gleichzeitig Millionen davon ausschließe. Neben der Debatte um die Definition von Gerechtigkeit sei die Frage nach alternativen Lebensmodellen zu stellen. Menschen hätten es seit Jahrtausenden geschafft, unter "unzumutbaren Bedingungen" zu überleben. Warum ihnen Konsum und Ausbildung aufnötigen? "Von Volksbildung wird geredet, Anpassung an einen ‚westernized style of life‘ ist gemeint", so Gronemeyer.
Wenn auf Knopfdruck nichts passiert
An dieser Stelle brachte Andreas Novy Paulo Freire ins Spiel: Dieser habe doch gerade das Machtverhältnis zwischen Herr und Sklave, Besitzer und Nichtbesitzer thematisiert der Nachteil der gelebten Alternativen sei ja eben ihre Unterlegenheit gewesen. Freireanische Volksbildung hingegen habe eine "gemeinsame Gestaltung der Zukunft" zum Ziel.
Laut Gronemeyer waren die Verhältnisse aber schon zu Freires Zeiten "westernized". Sie hingegen spreche von einer Rückkehr zu "vorindustriellen Lebensmustern". Die Menschen heute seien absolut hilflos und unfähig, ihr Leben zu meistern, wenn "auf Knopfdruck" nichts passiere:
"Wir müssen die Daseinsmächtigkeit zurückgewinnen, die wir durch Apparaturen verloren haben. Wir können nichts mehr aus eigener Kraft machen: weder gesund sein noch Nahrung herstellen am ehesten noch uns bilden."
Möglichkeit zum Müßiggang
Mit der abschließenden Frage, was das Politische an Bildung sei, richtete sich Andreas Novy sowohl an Jäggle und Gronemeyer, als auch an die TeilnehmerInnen. Letztere sollten in Kleingruppen darüber diskutieren und Fragen an das Symposium formulieren.

TeilnehmerInnen des Freire-Symposiums bei der Diskussion. (Photos: Vera Brandner, ipsum)
Dazu lieferte Jäggle einen Denkanstoss:
"Man muss die Frage nach politischer Bildung mit der Frage nach Gerechtigkeit verbinden. Gerecht werden, Gemeinschaft und Menschsein ermöglichen das braucht politische Rahmenbedingungen."
Damit kam er wieder aufs "Schwammerlsuchen" zurück: "Es ist entscheidend, dass der Wald in Österreich frei ist. Auch die Möglichkeit zum Müßiggang gehört mit zu den erwähnten Rahmenbedingungen."
Fragen an das Symposium
Anknüpfend an das Gesagte stellten die TeilnehmerInnen folgende Fragen an das Symposium:
Was sind die Zielsetzungen der Veranstaltung?
Der Begriff Mission erlebt eine Hochblüte wie geht man damit um?
Herrschaftliche Bildung ist der falsche Weg wie können wir neue Wege finden?
Unter welchen Bedingungen können alternative Ansätze vernetzt werden?
Wie groß ist der Hunger nach Alternativen?
Wer ist in der Lage und wer nicht, für diese alternativen Wege zu kämpfen? man denke an die vielen Menschen, die ohne Rechtsstatus in Europa leben.
"Die beste Zensur ist eine Überfülle an Information" – was für einen Weg sollen wir wählen zwischen Informationsverweigerung und der Gefahr, in Informationsflut zu ertrinken?
In welchem Zusammenhang stehen Information und Bildung mit Macht?
Müssen Alternativen wirklich mächtig werden?
Wie kann Demokratie und Mündigkeit gestärkt werden?
In der Hoffnung, im Laufe des Symposiums gemeinsam die eine oder andere Frage beantworten zu können, und mit der Aufforderung, zusammen Strategien und Ansätze anzudenken, entließ Novy die TeilnehmerInnen in die Kaffeepause, der ein Vortrag von Carlos Roberto Winckler über Leben und Wirken Paulo Freires folgte.