Ein ungewöhnliches Forschungsteam

Wer es am Mittwoch, 1. Oktober 2008, in die Kooperative Mittelschule Schopenhauerstraße geschafft hatte, erlebte interessante, kurzweilige und doch etwas nachdenklich stimmende zwei Stunden. Präsentiert wurden die Ergebnisse des Projektes Dialog oder Konflikt der Kulturen?.Bereits zum dritten Mal arbeiteten Studierende der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und SchülerInnen der Kooperativen Mittelschule Schopenhauerstraße im 18. Wiener Gemeindebezirk (KMS 18) zusammen. Im Rahmen des Projekts „Hauptschule trifft Hochschule“ das vor zwei Jahren begann, widmeten sie sich im letzten halben Jahr dem Thema „Dialog oder Konflikt der Kulturen?“. Das zahlreich erschienene Publikum erhielt in der Turnhalle der Schule den Eindruck, dass sich das Projekt nach drei Semestern mehr als bloß etabliert hat. Es hat den Anschein, dass die Studierenden, SchülerInnen, LehrerInnen und Lehrenden Spaß an dieser Kooperation haben. Freude hatte jedenfalls das Publikum, als die Klasse 4c ein Theaterstück aufführte. „Aschenputtel mal ganz anders“ machte seinem Namen alle Ehre. Im ersten Durchlauf sprachen Aschenputtel und Schwestern, Prinz und Fee auf Englisch, Serbisch und Türkisch und nur der Sprecher auf Deutsch. Erst beim zweiten Mal waren alle auf Deutsch zu hören. Es war insofern ein gelungener Einstieg in das Thema Sprach- und Kulturvielfalt.


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Aschenputtel mal ganz anders (Photo: Gerald Faschingeder)

Keine Einbahn

Die Zusammenarbeit ist durchaus bemerkenswert, führt sie doch zwei verschiedenartige Welten zusammen. Wenn SchülerInnen der KMS 18 und Studierende der WU Wien gemeinsam forschen, soll jedoch mehr passieren als ein bloßes Berühren jener beiden Welten (s. „Hauptschule und Hochschule eine Begegnung„). Direktorin Erika Tiefenbacher betonte anfangs, dass es ihr wichtig war, den SchülerInnen durch Hauptschule trifft Hochschule mehr bieten zu können als den Status eines Forschungsobjekts von WU-Studierenden. Zielvorgaben und Forschung auf der einen, bereitwillige Auskunft über ihre meist multikulturellen Lebenswelten auf der anderen Seite solche eindeutigen Rollenverteilungen sollten vermieden werden. Das Dialogische, das durch das Aufbrechen jener Rollenverteilung entstand, wurde von dem Besuch der SchülerInnen an der WU Wien unterstrichen. Waren es normalerweise die Studierenden, die an die KMS 18 kamen und etwas wissen wollten, konnten an diesem Tag die SchülerInnen ihrerseits Fragen stellen und einen Teil der Lebenswelt der StudentInnen erforschen.


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Publikum in der Turnhalle der KMS 18 (Photo: Gerald Faschingeder)

Kultur ist politisch

Das Paulo Freire Zentrum war seit Beginn an dem Projekt Hauptschule trifft Hochschule beteiligt, das von seiner Grundkonzeption her ein interkulturelles Projekt ist. Gerald Faschingeder, der Direktor des Zentrums, merkte an, dass man sich in einem problematischen Feld bewegen würde, sobald man sich mit dem Thema Kultur auseinandersetze. Sehr unterschiedliche Kulturbegriffe werden zumeist vermischt verwendet, Kultur dabei häufig auf ein statisches Konzept wie Folklore reduziert. Doch es gebe auch eine Kultur des Schweigens bzw. eine des Hinnehmens, die künstliche, politische Verhältnisse als naturgegeben erscheinen lassen würde: „Ist es selbstverständlich, dass AbgängerInnen der Kooperativen Mittelschule die WU nicht besuchen?“. Fragen wie diese verdeutlichen, dass Kultur immer auch politisch zu verstehen sei.

   

Mama lernt Deutsch und Girl Power

Die Arbeit, die während des halben Jahres geleistet wurde, war bestimmt nicht immer leicht, interessant und herausfordernd scheint sie jedoch allemal gewesen zu sein.

Die Studierenden suchten sich in Gruppen solche Fragestellungen, die mit dem Arbeitstitel Dialog oder Konflikt der Kulturen? in Verbindung standen. Darunter befanden sich Themen wie „Liebesbeziehungen im multikulturellen Umfeld“, „Mama lernt Deutsch“, „Religionen“, „Hybride Identitäten“ oder auch „Girl Power“.


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„Girl Power“ bei der Präsentation ihrer Arbeit (Photo: Gerald Faschingeder)

Die Gruppe Girl Power zum Beispiel setzte sich aus drei serbischen Schülerinnen und fünf Studentinnen zusammen. Die Frage war, ob die Lebenswelten der Schülerinnen von einem Nebeneinander der zumindest zwei verschiedenen Kulturen, mit denen sie tagtäglich zu tun haben (serbische und österreichische Kultur), geprägt sind. Oder ob man von sog. Kulturhybriden sprechen kann, die sich durch eine eigene, neue Mischung aus beiden Kulturen auszeichnen. Das Ergebnis war, dass die Mädchen bewusst zwischen beiden Kulturen hin- und her wechseln und weniger von Hybriden die Rede sein kann. Je mehr man über die Arbeit von Girl Power erfuhr, umso deutlicher wurde, dass sie eines auf jeden Fall geschafft hatten: dem Anspruch des Projektes einen ehrlichen Dialog zu erzeugen –  gerecht geworden zu sein. Schnell mussten sich die Studentinnen nämlich eingestehen, dass sie im Vorhinein nicht alles einbezogen hatten, was für die drei Schülerinnen von Bedeutung ist. So stehen sie z.B. über das Internet in regem Austausch zu ihrer Heimat, wie sie es selbst nennen: Serbien. Die Schülerinnen nahmen also in Anspruch, ihrer Rolle als Alltagsexpertinnen gerecht zu werden und auf den Verlauf der gemeinsamen Arbeit Einfluss zu üben. Insofern lässt sich tatsächlich von einem Dialog sprechen.

Andreas Novy, Lehrender an der WU, beschrieb das Bedürfnis nach einem Dialog aus einer weiteren Perspektive. Viele der Kinder seien durch ihren Migrationshintergrund in gewisser Weise zerrissen und hieraus ergebe sich ein pädagogischer Auftrag: Ihnen nicht (nur) Gewissheiten mit auf den Weg zu geben. Es müsse vielmehr ein offener Zugang gewählt werden, der letztlich in einen Dialog von LehrerInnen und SchülerInnen münde.

Insgesamt konnte man an jenem Vormittag in der Kooperativen Mittelschule einen guten Einblick in die Arbeit von Dialog oder Konflikt der Kulturen? gewinnen, ein Projekt, das übrigens vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung im Rahmen von Sparkling Science ausgezeichnet wurde.

Ein Buffet, das die Vielfalt der Kulturen an der Schule widerspiegelte, rundete den Vormittag gelungen ab.  

David Schlauß ist Student der Internationalen Entwicklung und Praktikant im Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.