Armin Staffler ist Theaterpädagoge, Liedermacher und nun auch Autor des Buches Augusto Boal. Einführung. Im ersten Teil des Interviews erzählt er von seiner Beziehung zum Theater der Unterdrückten (TdU) und von seiner Arbeit als Theaterpädagoge in der Suchtprävention.
Wie sind Sie zum Theater gekommen?
Ich habe schon in der Schule gern Theater gespielt. Ich war erst in der Schultheatergruppe, wo wir klassische Stücke spielten, nach der Schule trat ich einer Laiengruppe bei. 1995 habe ich dann an einem europäischen Jugendtreffen in Innsbruck an einem Theaterworkshop teilgenommen und dort eine für mich ganz neue Form des Theaters kennen gelernt. Ohne Regisseurin oder Regisseur, ohne Wertlegen auf gepflegte Aussprache, ohne Text-Auswendiglernen, ohne fertiges Stück. Wir waren eine internationale Gruppe und haben, ohne dass wir eine gemeinsame Sprache gehabt hätten, begonnen, uns über theatrale Übungen und Spiele zu verständigen. Und zwar nicht nur untereinander, sondern darüber hinaus auch über unsere Lebenswelten, Familien, Herkunft, Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Unsere Sprache war das Theater, unser Körper, Bewegungen, Geräusche, alles, was es hier an Möglichkeiten gibt. Und das hat mich fasziniert. Das war meine erste Begegnung mit dem Theater der Unterdrückten. Drei Jahre später, von 1998 bis 2000, habe ich dann einen Ausbildungslehrgang für politisches und soziales Theater gemacht und auch begonnen, Verbindungen zwischen meinem Studium der Politikwissenschaft und dem Theater herzustellen. Das war dann der Beginn meiner theaterpädagogischen Ausbildung. Im Rahmen des Lehrgangs war auch ein Praxisprojekt vorgesehen, wo ich mit einer Gruppe ein Forumtheaterstück zum Thema Generationenkonflikt entwickelte. Dann bekam ich die Möglichkeit, Forumtheaterprojekte mit Jugendlichen in der Suchtprävention durchzuführen. Ich habe hierzu ein Jahr geforscht, ein Konzept entwickelt und dann auch meine Diplomarbeit zu Forumtheater in der Suchtprävention geschrieben. Das alles ist dann immer weiter gewachsen und 2006 habe ich mich dann schließlich als Theaterpädagoge selbstständig gemacht.
Sie sind nach wie vor als Theaterpädagoge in der Suchtprävention tätig. Wie kann man sich theaterpädagogische Projekte in diesem Bereich vorstellen?
Kontakt + co Suchtprävention Jugendrotkreuz, eine vom Land finanzierte Einrichtung des Jugendrotkreuzes, hat neben vielen anderen Angeboten für unterschiedliche Zielgruppen auch ein theaterpädagogisches Angebot für Jugendliche. Genauer gesagt sind es zwei Angebote: eine Kurzfassung und ein längeres Angebot, jeweils für Schulen oder außerschulische Einrichtungen wie Jugendzentren. Die Kurzfassung dauert vier Stunden und es geht hier hauptsächlich um den Umgang miteinander, mit sich selbst und mit Genussmitteln, auch um den Umgang mit Konflikten. Das Wohlbefinden in Bezug auf sich selber, aber auch in der Gruppe ist hier wichtig. Beim langen Angebot wird Forumtheater gespielt. Hier entwickelt die Gruppe eigene Fragestellungen zum Thema, stellt das Stück als Forumtheater dann auch vor anderen Jugendlichen, Klassen oder Eltern vor und arbeitet mit ihnen gemeinsam an der Situation.
Hat die Suchtprävention neben dem persönlichen oder dem Gruppen-Element auch ein politisches Element?
Selbstverständlich. Einerseits ist Sucht an sich ein politisches Thema, sie wird von Gesetzen mitbestimmt. Was ist legal, was ist illegal, welche Strafen gibt es usw. Andererseits ist das gesellschaftliche Element auch ein politisches Element. Mein politischer Begriff ist wie bei Freire oder Marx weit gefasst: Das Private ist politisch. Und die Gesellschaft hat natürlich einen massiven Einfluss auf das Suchtverhalten. Unsere Gesellschaft an sich verhält sich in manchen Bereichen ähnlich einer Sucht, wenn man sich die Finanzgeschichten der letzten Zeit anschaut, ist das ein klassisches Suchtphänomen. Das Prinzip des Immer mehr, der Berauschung, ist bis zu einem gewissen Grad gesellschaftlich legitim, aber wenn jemand abstürzt, folgt die Ächtung. Und die Politik im Kleinen, also auch der Umgang untereinander und miteinander im Bezug auf verschiedene Themen oder Schwierigkeiten, ist eine höchst politische Frage.
TdU kann bereits in sehr kurzer Zeit sehr viel bei seinen TeilnehmerInnen beeinflussen und verändern. Glauben Sie, dass das TdU auch missbraucht werden und unter gewissen Umständen sogar Unterdrückung bewirken kann?
Die Methoden sind prinzipiell neutral. Um Boal zu zitieren, ist es nicht der Schlüssel, der die Tür öffnet, sondern derjenige, der den Schlüssel in der Hand hält. Und man kann natürlich ganz unterschiedliche Türen mit so einem Schlüssel öffnen. Es gibt Beispiele für Forumtheater in Zusammenhängen, die wahrscheinlich weder von Freire noch von Boal gutgeheißen würden, für verkaufsfördernde Maßnahmen, oder wo es darum geht, andere zu manipulieren. Aber das ist mit allen Methoden, Techniken oder Dingen auch so. Mit einem Messer kann man Brot schneiden oder jemanden töten. Das liegt immer in der Verantwortung derer, die es praktizieren.
Das heißt, dass die Methoden des TdUs abgewandelt werden können?
Immer. Das macht sie auch so sympathisch. Die Methoden sind offen und sie sind ja auch so entstanden. Es war ein Zusammenstehlen, im besten Sinne, von Dingen, die Boal als nützlich erlebt hat und die er dann irgendwann zu Kategorien zusammengefasst hat. TdU lässt sich auch wunderbar mit anderen Methoden, die man als positiv erlebt hat, kombinieren, ob das jetzt gewaltfreie Kommunikation, Meditationstechniken oder andere künstlerische Sparten sind. Die Methoden sollen immer an die Umstände adaptiert werden, an die TeilnehmerInnen, an die Örtlichkeit, die zur Verfügung stehende Zeit, die kulturellen Hintergründe, usw. Denn die Methoden sind für die Menschen da, und nicht die Menschen für die Methoden. Gewisse Grundsätze sollten aber trotzdem klar sein. Die kommen aber stärker aus dem ethischen Bereich und weniger aus dem methodischen. Eine Grundlage beim TdU ist ganz klar, nämlich, dass es Theater der Unterdrückten ist und nicht für sie oder über sie und dass es immer aus einer konkreten Betroffenheit heraus geschieht.
Die Interviewerinnen sind Mitglieder desonline-Redaktionsteams des Freire Zentrums.