Wenn Wissen homogenisiert wird, ist die Fähigkeit des Menschen, sich eine andere Zukunft vorzustellen, in Gefahr, sagt Marcela Torres Heredia bei der Präsentation des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) mit dem Titel Un/Doing Epistemic Violence. Die neue Ausgabe des Journals wurde durch Claudia Brunner herausgegeben und die Präsentation Lesen, Schreiben und Publizieren auf dem ‚epistemischen Territorium der Moderne‘. Ein Erfahrungsaustausch zu den Un/Möglichkeiten einer ‚Dekolonisierung des Wissens‘ fand am 31. Jänner 2024 im Centrum für Internationale Entwicklung (C3) statt. Marcela Torres Heredia, Kultur- und Sozialanthropologin, Josef Mühlbauer, Politikwissenschaftler und Philosoph, der im Demokratiezentrum Wien tätig ist, Clemens Pfeffer, Publikationsmanager des Mattersburger Krieses für Entwicklungspolitik, diskutierten gemeinsam mit Claudia Brunner, Institutsabteilungsleiterin im Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung an der Universität Klagenfurt, über Erfahrungen und Widersprüche der kritischen Wissensproduktion im akademischen Feld. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik.
Epistemische Gewalt.
Nach der postkolonialen Theoretikerin Gayatri Spivak wird epistemische Gewalt als eine indirekte Gewalt definiert, die bei der Anerkennung und Vermittlung von Wissen ausgeübt wird. Durch diese Gewalt besteht vor allem eine Schieflage zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden, aber gleichzeitig existieren die Ungleichheiten, die epistemische Gewalt verursachen auch innerhalb des Globalen Nordens und Globalen Südens. Im Zentrum der Diskussion um epistimische Gewalt in der Wissenschaft stehen unter anderem die Fragen, welche Art von Wissen von welchen Menschen als akademisch wertvoll eingestuft oder überhaupt wahrgenommen wird. Diese Fragen betreffen auch Sprache an sich. Die ‚lingua franca‘ Englisch dominiert den Publikationsmarkt und prägt die Wissenspraktiken in weiten Teilen der Welt. Von Wissenschaftler*innen, die am akademischen Diskurs teilnehmen wollen, wird erwartet, dass sie auf Englisch publizieren. Dadurch entsteht ein Ausschluss verschiedener Gruppen, die ihre Wissenschaft in anderen Sprachen betreiben.
Die ungleichen Strukturen, die durch epistemische Gewalt entstehen, sind kein Zufall, sondern durchzogen von Machtverhältnissen, die jahrhundertelang gewachsen und gesellschaftlich verankert sind. Torres Heredia weiste darauf hin, dass die Unsichtbarkeit und Entwertung von bestimmtem Wissen durch die wissenschaftliche Kommunikation selbst geschaffen werden. Ausschließende Kriterien, die heute über den „Wert“ eines Werkes entscheiden, werden von weißen, männlich gelesenen Personen aus dem Globalen Norden definiert. Gesellschaftliche Strukturen können nicht außerhalb dieser Machtverhältnisse verstanden werden. Brunner verwies darüber hinaus auf die koloniale Prägung des Wissens im Globalen Norden und forderte, dass wir uns überlegen, wie und wo es uns möglich ist, diese Grenzen zu überschreiten.
Mühlbauer berichtete über die Bedeutung von Technologie und KI (Künstliche Intelligenz) für die epistemische Gewalt. Er stellt die Frage, ob sich im Bereich der technologischen Datenverwertung ebenso koloniale Kontinuitäten fortschreiben und hält fest, dass Technologien bestehende Hierarchien verstärken. Technologien und Algorithmen werden oft als objektiv dargestellt, sind aber ebenso „gebiased“, also nicht frei von Vorurteilen und Fehlschlüssen. Hinter Technologien stehen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, sagte Mühlbauer. Es sei ein hegemonialer Kampf, wer Zugriff zu den Daten hat, die technologisch verarbeitet werden und wer nicht.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen sprach Brunner über die Dekolonialisierung des Wissens bzw. der Wissenschaft. Bei der Dekolonisierung sei es nicht damit getan, den wissenschaftlichen Kanon ein wenig zu verändern, sondern es handle sich um ein politisch umkämpftes Projekt. Das bedeutet unter anderem, dass eine Dekolonisierung der Wissenschaft nicht alleine dadurch erreicht wird, mehr Wissenschaftler*innen aus dem Globalen Süden zu zitieren oder sie anderwärtig in die Wissensproduktion des Globalen Nordens miteinzubeziehen. Stattdessen brauche es eine von Grund auf neue und kritische Herangehensweise an Wissen(schaft) und Wissensproduktion.
Strukturelle Komplexität und Zwänge.
Am Beispiel des JEPs schilderte Clemens Pfeffer das Spannungsfeld, das sich zwischen dem Versuch einer kritischen Wissensproduktion und Strukturzwängen im Kontext wissenschaftlicher Fachjournale ergibt. So zeigte er auf, dass auch das JEP in den letzten 10 Jahren Anpassungen vorgenommen hat, die die „Verwertbarkeit“ von Publikationen im Universitätsbetrieb und die Sichtbarkeit der Journalinhalte in internationalen Datenbanken gewährleisten. Besonders relevant war in diesem Zusammenhang die Registrierung jedes Journalbeitrags mit einer DOI-Nummer (Digital Object Identifier), also die Verknüpfung von Metadaten mit einem bestimmten einzigartigen Link. Ohne eine solche DOI-Registierung ist es Wissenschaftler*innen in universitären Kontexten inzwischen fast unmöglich, ihre Publikationen als wissenschaftlich anrechnen zu lassen. Zugleich hängt auch die Sichtbarkeit im digitalen Raum von dieser Registrierung ab. Beiträge können durch DOIs leichter von Datenbanken und in ihrer Zitierung durch andere Wissenschaftler*innen erfasst werden. Die statistische Erfassung der Zitierung hat wiederum Einfluss auf die Sichtbarkeit und Bewertung eines Journals, denn unabhängig von den Inhalten eines Journals wird dessen „Rang“ im Vergleich mit anderen Fachjournalen an der Zahl der Zitierungen gemessen. Brunner weiste darauf hin, dass dabei nicht der Kontext des Zitierten miteinbezogen wird. Jegliche Nennung, unabhängig, ob zustimmend oder kritisch, fördert den Rang eines Journals und führt dazu, dass es in digitalen Datenbanken schneller gefunden wird.
Parallel zu diesen Strukturzwängen versucht das JEP, eine kritische Wissenschaftspraxis umzusetzen. Diese Praxis beinhaltet nicht nur die Veröffentlichung kritischer Inhalte, sondern auch eine alternative redaktionelle Praxis im Vergleich mit Fachjournalen, die auf Plattformen der monopolistischen Verlage Springer, Taylor & Francis, Routledge und co. gehosted werden. Die Redaktion befände sich in einem konstanten Reflexionsprozess über die Selektion und Ausschlüsse, die durch vorgegebene Publikatiosformate, Sprachbarrieren, externe Begutachtungsverfahren (Peer Review) produziert werden und versuche, diesen bewusst entgegenzuwirken. Zur Diskussion stünden Fragen wie: Bedient sich das Journal der englischen Sprache als lingua franca oder sollte es gezielter mehrsprachige Publikationen fördern? Für wen ist das Journal zugänglich und verständlich? Können Personen aus dem Globalen Süden überhaupt auf Publikationen des Journals zugreifen? Und kann nur ein akademischer Personenkreis oder auch zivilgesellschaftliche Akteur*innen den Inhalten folgen? Nicht zuletzt werden bei der Publikation eines Journals auch zahlreiche redaktionelle Vorgaben gegeben, die bestimmen, wie ein akademischer Text auszusehen hat. Das betrifft nicht nur formale Kriterien, sondern auch Methoden der Forschung.
Auch wenn ein Journal wie das JEP die ausschließenden Mechanismen am Publikationsmarkt kritisch hinterfragt, bleibt ein gewisser Druck bestehen, sich dominanten Strukturen anzupassen, um nicht an Bedeutung und Reichweite im Diskurs zu verlieren.
Historisch gewachsene Strukturen.
Torres Heredia beschreibt die historischen Hintergründe der aktuellen Strukturen innerhalb von denen Wissen produziert wird. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden große Verlagshäuser im Globalen Norden gegründet, deren Ziel die Klassifizierung von Wissen war. In den 1980er Jahren stiegen die Preise für Journals und immer mehr Geld floss zu den Verlagshäusern, die daraufhin den Markt dominierten. Die großen Verlagshäuser schlossen schließlich mit Universitäten und auch Nationalstaaten sogenannte „Big Deals“ (dt.: Große Geschäfte) ab, durch die der Zugang von Universitäten und Nationalstaaten zu Publikationen geregelt wurde.
Im Zuge dieses Prozesses kam es zu einer kapitalistischen Inwertsetzung von Wissen. Die Herausgabe von Texten muss immer schneller erfolgen und es wird eine lineare Produktionssteigerung erwartet. Diese lineare Vorstellung betrifft auch das Format des Wissens, das einer immer stärkeren Standardisierung unterworfen ist. Wissen soll sich linear hin zu einem einheitlichen Format entwickeln, das als ernstzunehmend und wissenschaftlich definiert wird. In Zusammenhang damit schilderte Brunner auch die starke Position des naturwissenschaftlichen Paradigmas, das besonders auf Quantifizierung fokussiert. Das Schreiben soll nur dem Festhalten von erworbenem, objektivem Wissen dienen und ist nicht selbst Teil der Wissensproduktion, wie bei wissenschaftlichen Ansätzen außerhalb der Naturwissenschaften. Der Druck, auf diese Weise zu publizieren, steige auch im sozialwissenschaftlichen Bereich. Diese verschiedenen Aspekte der Wissensproduktion, auf die epistemische Gewalt wirkt, sind und bleiben von einem dichotomen Denken durchzogen, das sich nicht zuletzt in der Bewertung von wisssenschaftlich „relevantem“ und „entbehrlichem“ Wissen artikuliert.
Fazit.
Im Zuge einer abschließenden Diskussion kam zur Sprache, dass das Ziel nicht sei, sich gänzlich der wissenschaftlichen Methodik und Praxis zu entledigen. Vielmehr ginge es darum, die Möglichkeiten einer herrschaftskritischen Wissensproduktion zu erforschen. Wie Brunner zu Beginn der Veranstaltung festhielt, spielt dabei die Dekolonisierung des Wissens an den Universitäten eine zentrale Rolle. Denn aktuell sind sie keine Orte der intellektuellen Befreiung mehr, sondern Herrschaftsinstitutionen.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Un/Doing Epistemic Violence / Ausgabe 1/2 • 2023
Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik
Titelbild © Paulo Freire Zentrum