Der große Kinosaal des Gartenbaukinos füllt sich langsam, aber stetig. Fast alle Plätze sind besetzt. Später, bei der Podiumsdiskussion, wird gefragt, wie viele der Anwesenden selbst Bibliothekar*innen seien und ein Großteil der Hände hebt sich. The Librarians, der Dokumentarfilm von Kim A. Snyder handelt von Bibliothekar*innen in den USA und ihrem Kampf gegen sogenannte „book bans“, die Verbannung von Büchern aus öffentlichen Bibliotheken, vor allem in Schulen. Snyder kombiniert Archivmaterial, Interviews mit Bibliothekar*innen und Beobachtungsaufnahmen, etwa von Schulausschuss-Sitzungen. Dabei geht es nicht nur um Bücher und Bibliotheken, denn diese sind Schauplatz eines tieferliegenden politischen Kampfes zwischen progressiven und konservativen Kräften. Die Bibliothekar*innen stehen dabei an vorderster Front.
Der Beginn der Bücherverbote in Texas.
Der Film setzt im US-Bundesstaat Texas an, dem Ausgangspunkt einer politischen Kampagne, die sich rasch über die gesamte Nation ausbreiten sollte. 2021 veröffentlichte Matt Krause, ein Mitglied des Repräsentantenhauses von Texas, eine Liste mit 850 Büchern, die nach Meinung des republikanischen Abgeordneten aus Schulbibliotheken entfernt werden sollten. Die Bandbreite der betroffenen Werke ist dabei bemerkenswert: „And Tango Makes 3“ (die deutschsprachige Version trägt den Titel „Zwei Papas für Tango“), ein Kinderbuch über das in der realen Welt beobachtete Phänomen zweier männlicher Pinguine, die gemeinsam ein Ei aufziehen, landet ebenso auf den Verbotslisten wie „Hooded Americanism: The History of the Ku-Klux-Klan“ (Dt. etwa „kapuzentragender Amerikanismus: Die Geschichte des Ku-Klux-Klan“). Sogar die Graphic-Novel-Adaption von Anne Franks Tagebuch landete auf der Liste, in diesem Fall wegen Darstellung von Nacktheit, wobei sich die Kritik an nackten antiken Statuen entzündet. Im Visier standen vor allem Werke mit LGBTQIA+-Charakteren sowie Bücher, die Rassismus thematisieren. Den Bibliotheken wird vorgeworfen, eine Agenda zu verfolgen, die pornographische Inhalte normalisiere und weiße Schülerinnen mit Schuldgefühlen belaste. Was folgte, war eine systematische Überprüfung der Schulbibliotheken. Bücher verschwanden aus den Regalen und die Bibliothekar*innen wurden für die Inhalte ihrer Bestände persönlich verantwortlich gemacht. Zunehmend sehen sie sich Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt.
Bibliothekar*innen im Visier.
Besonders eindrücklich ist eine Szene, in der eine ältere Schulbibliothekarin einem Schüler das Buch „Lawn Boy“ ausleiht – eine Geschichte über einen jungen mexikanisch-amerikanischen Erwachsenen, der mit seiner Vergangenheit kämpft und sich selbst neu zu finden versucht. Die Bibliothekarin empfiehlt es von Herzen. Keine 24 Stunden später wird sie von der Mutter des Jungen öffentlich als pädophil bezeichnet und diese Vorwürfe werden auch online in sozialen Medien verbreitet. Eine andere Bibliothekarin verlor ihren Job, weil sie sich weigerte, Bücher aus dem Bestand zu entfernen. Im Film zeigt sie die beiden Werke, um die es ging: „How to Be an Antiracist“ (Dt. etwa „Wie man ein Anti-Rassist wird“ von Ibram X. Kendi und „Between the World and Me“ (die deutschsprachige Version trägt den Titel „Zwischen mir und der Welt“) von Ta-Nehisi Coates.
Die Spaltung der Gesellschaft.
Die im Film portraitierten Bibliothekar*innen verstehen ihr Engagement als Kampf gegen Zensur und sich selbst als „freedom fighters“ (Dt.: Freiheitskämpfer*innen). Ihnen gegenüber steht unter anderem die konservative Organisation „Moms for Liberty“, die sich auf die Durchsetzung „elterlicher Rechte“ im Bildungswesen konzentriert und zu einer zentralen Akteurin im US-Kulturkampf geworden ist. Eine einprägsame Szene des Films zeigt diese Spaltung in ihrer persönlichsten Form. Eine Mutter, die Bücher aus Schulen verbannen will und fordert, dass ein Pastor über die Bestände entscheiden solle, sitzt bei einer Sitzung des Schulausschuss hinter ihrem eigenen Sohn. Dieser hatte sich einige Jahre zuvor seiner Familie gegenüber als schwul geoutet, woraufhin er von Familienfeiern ausgeschlossen und ihm der Kontakt zu seinen Geschwistern verboten wurde. Er spricht davon, wie sehr ihm diese Bücher als Jugendlicher hätten helfen können. Die Mutter spricht nicht mit ihm, weder während noch nach der Veranstaltung. Dass die Fronten nicht immer klar verlaufen, zeigt das Beispiel einer konservativen Frau, die Schulbeiratsmitglied war, um die vermeintliche Indoktrination in Schulen zu bekämpfen. Nach eingehender Prüfung des Lehrplans und der Bücher musste sie feststellen, dass die beanstandeten Texte keinerlei pornografischen oder unangemessenen Inhalt aufwiesen. In konservativen Kreisen wurde ihre Einschätzung aber nicht ernst genommen und diskreditiert.
Die Geschichte wiederholt sich.
Der Film verdeutlicht die Geschichte von Zensur immer wieder durch Einblendungen der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen von 1933. Als Zuschauer*in ruft das in Erinnerung, dass 1933 auch die Bestände des Instituts für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld, das Pionierarbeit zu Sexualität und Geschlechtsidentität geleistet hatte, vernichtet wurden. Die Dämonisierung von Queerness und nicht-normativen Identitäten ist also kein neues Phänomen. Dass auch Bücher zur Geschichte der Sklaverei oder des Ku-Klux-Klans verboten werden, zeigt dass es nicht nur um Moralvorstellungen geht, sondern auch um Geschichtsschreibung. Eine Szene bringt das auf den Punkt, als ein Schwarzer Pastor, eine der wenigen nicht-weißen Personen im Film, bei einem Meeting fragt, warum diese Bücher verboten werden. Es folgt eine beklemmende Stille und er erhält keine Antwort.
Eine Diskussion zu Bibliotheken in Österreich.
Im Anschluss an die Vorführung diskutierten die Journalistin und Autorin Solmaz Khorsand, die Geschäftsführerin des Büchereiverbands Österreich Ursula Liebmann und der Historiker und Autor Philipp Blom über die Bedeutung öffentlicher Bibliotheken mit Blick auf Österreich. Dass die Debatte um die Freiheit der Literatur längst in Österreich angekommen ist, zeigt ein aktuelles Beispiel, auf das hingewiesen wurde. Eine Dragqueen-Lesung für Kinder in einer Buchhandlung in Mariahilf löste 2023 heftige Debatten aus, begleitet von einem Großaufgebot der Polizei, um Störaktionen zu verhindern.
Khorsand beschrieb Büchereien als Orte des Zusammenkommens: offen, inklusiv und konsumfrei, zugänglich für alle, besonders für Kinder, aber auch für marginalisierte Menschen wie Wohnungslose oder Geflüchtete. Blom betonte, dass gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz die Fähigkeit, lange Texte zu lesen und zu verstehen von zentraler Bedeutung sei Bibliotheken seien Orte, die genau diese Kompetenz fördern. Liebmann hingegen beklagte, dass die Politik die Leistung von Bibliotheken oft nicht wahrnehme. Betroffenheit entstehe meist erst dann, wenn eine Bücherei kurz vor der Schließung stehe.
Khorsand ergänzte, dass Bibliotheken den literarischen Kanon aufbrechen und Literatur aus aller Welt zugänglich machen. Sie erinnerte daran, wie man als Kind durch Bibliotheken streifte und Bücher von Autor*innen entdeckte, die man zuvor nie gekannt hatte. Liebmann erklärte, dass ein österreichisches Bibliotheksgesetz ein Schritt in die richtige Richtung sein könnte, doch brauche es dafür einen breiten, partizipativen Prozess. Österreich ist einer der wenigen EU-Staaten ohne gesetzlich verankerte Bibliotheksstruktur. Ein Bibliotheksgesetz könnte das ändern und Bibliotheken als öffentliche Infrastruktur anerkennen, vergleichbar mit Schulen oder Museen. Es würde nicht nur die Finanzierung sichern, sondern auch den freien Zugang zu Wissen als gesellschaftlichen Wert festschreiben.
Am Ende waren sich alle einig: Bibliotheken müssen groß gedacht werden, als offene Orte der Begegnung und des Wissens, die gesellschaftliche Funktionen übernehmen und sich an die Bedürfnisse ihrer Gemeinschaft anpassen, ohne dabei ihre Kernaufgabe aus den Augen zu verlieren: Die Bücher und das Lesen.
Verpasste Perspektiven.
Der Film und die anschließende Podiumsdiskussion machten gemeinsam deutlich, welche gesellschaftliche Relevanz Bücher und Bibliotheken aufweisen und wie schnell sie zum Ziel politischer Instrumentalisierung werden können. Dabei sind die USA weniger weit entfernt als man denkt. Bei der Kritik an Dragqueen-Lesungen für Kinder forderte die FPÖ ein Verbot dieser und verwies öffentlich darauf, sich von der Gesetzgebung republikanischer US-Bundesstaaten inspiriert haben zu lassen. Die Diskussion selbst bot interessante Einblicke, hinterließ aber auch ein Gefühl verpasster Möglichkeiten. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil des Publikums selbst aus Bibliothekar*innen bestand, wäre es spannend gewesen, diese Stimmen aktiv in ein partizipatives Gespräch einzubinden. Denn niemand weiß besser, wie die Realität in österreichischen Bibliotheken aussieht und welche drängenden Probleme im lokalen Kontext tatsächlich auftreten, als jene, die dort täglich arbeiten.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Das Titelbild zeigt drei der im Artikel erwähnten Bücher, die in der C3-Bibliothek glücklicherweise verfügbar sind. © Vesa Maxhuni
Weiterführende Links:
Artikel zur Situation von Bibliotheken in Österreich
Links zu den genannten Büchern:
„And Tango Makes Three”, Justin Richardson und Peter Parnell
“Hooded Americanism – The History of the Ku Klux Klan”, David M. Chalmers
“Anne Frank’s Diary: The Graphic Adaption”
“How to Be an Antiracist”, Ibram X. Kendi
“Between the World and Me”, Ta-Nehisi Coates
Einige der Bücher sind auch in der C3-Bibliothek verfügbar:
„Zwei Papas für Tango“, Edith Schreiber-Wicke
„Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Novel“
“How to Be An Antiracist”, Ibram X. Kendi, auf Englisch und auf Deutsch (mit dem selbem Titel)
Eine Liste mit allen im Film erwähnten Büchern: