Von wem lernen wir und was lernen wir? Im Rahmen der Veranstaltung A Critical Reflection of Knowledge and its Liberation (dt.: Eine kritische Reflektion des Wissens und seine Befreiung) war die Friedensforscherin Rina Alluri in Wien zu Gast. In der Diskussion wurde die Politik des Wissens kritisch beleuchtet.
Rina Alluri wurde am 9. Juni auf Initiative der Frauen*solidarität und dem Referat Genderforschung der Universität Wien ins C3-Centrum für Internationale Entwicklung eingeladen. Bei der regen Diskussion problematisierte sie intersektionale Identitätsmarker innerhalb der Wissenschaft. Dabei verwies die Sozialwissenschaftlerin auf ihre persönlichen und beruflichen Erfahrungen im Globalen Süden und im Globalen Norden. Zusammen mit dem Publikum wurde eifrig nach Lösungen gesucht, das eurozentristisch geprägte Wissenssystem zu transformieren.
Was zeichnet Rina Alluri aus?
In einleitenden Worten sprach die Moderatorin des Abends, Sushila Mesquita, über Alluris bisherigen Werdegang. In Mumbai, Indien geboren, aufgewachsen mit ihrer philippinischen Mutter und ihrem indischen Vater, bezeichnet sie sich selbst als Black Indigenous Woman of Colour (BIPOC). Ihre Kindheit verbrachte sie in Nigeria und migrierte anschließend nach Vancouver, Kanada. In ihrer Laufbahn beschäftigte Alluri sich vor allem mit Konfliktregionen in Asien und Afrika, da diese Regionen ihre eigene Identität und Persönlichkeit reflektieren. Heute unterrichtet die Wissenschaftlerin an der Universität Innsbruck, wo sie auch die Abteilung für Friedens- und Konfliktforschung leitet. Neben ihrer Berufung als Yogalehrerin und Mutter von zwei Kindern, ist sie auch aktivistisch, unter anderem als Mitbegründerin des BIPOC Circle tätig. Diese Initiative bringt Black, Indigenous und People of Color zusammen, um sich in der Gemeinschaft für sozialpolitische Themen zu engagieren.
Ein Gedankenexperiment – über Machtstrukturen im Hochschulsektor.
Nach den einleitenden Worten startete Rina Alluri mit dem Publikum eine interaktive Übung zur Selbstreflexion, um den Mangel an Diversität im Hochschulsektor aufzuzeigen. Die Teilnehmenden der Veranstaltung gingen in sich und reflektierten über Strukturen und Machtpositionen an den Universitäten. Wer hat uns in der Vergangenheit unterrichtet? Von wem lernten wir und welche Stimmen verstummten zugleich? Wer hält in Bildungsinstitutionen die Macht inne? Die Antworten darauf waren frustrierend. Die Reaktion des Publikums schockiert, wütend und traurig. Identitätsmarker seien hier von großer Bedeutung. “There is no thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives (dt.: Es gibt keinen Kampf um ein einziges Thema, denn wir leben kein Leben mit nur einem Thema.” In Anlehnung an Audre Lorde, die während des Abends mehrfach zitiert wurde, schloss Alluri das Experiment: „Schweigen wird uns zerstören… also befreien wir unsere Stimmen!“
“Who we are, really matters” (dt.: Wer wir sind, ist wirklich wichtig).
Zur Erklärung der bestehenden Machtstrukturen führte Rina Alluri in das Konzept der Intersektionalität ein. Sie wies darauf hin, dass es dieses schon lange vor der Einführung des Begriffs von Kimberlé Crenshaw gegeben habe. Dabei nannte sie die Dekolonisierung und den Feminismus als Beispiele. „Intersektionalität ist nicht nur eine Theorie. Es geht um gelebte Identitäten. Wir alle erleben das in unserem täglichen Leben“, so Alluri. Dabei verwies sie auf ihre eigene Positionalität (ihre eigene Verortung in einem System sozioökonomischer und kultureller Faktoren) und betonte, dass diese schließlich ihren Lebensweg und ihre Laufbahn präge. Intersektionalitäten würden bestimmen, wer jemand in der Gesellschaft ist, was jemand erreicht und wie andere mit einem/r umgehen.
Welche Rolle spielt Intersektionalität im Bereich der Bildung?
Auch der Hochschulsektor und andere Bildungsinstitutionen seien stark durch sich überlappende Diskriminierungsformen geprägt. „In Lernkontexten ist es wirklich wichtig, wer wir sind“, betonte die Vortragende. Hierbei wurde im Laufe des Abends neben der BIPOC-Community ganz besonders auf physisch und psychisch beeinträchtigte Personen verwiesen. Diese hätten im heutigen Bildungssystem kaum Chancen und seien auch in der universitären Lehre wenig vertreten.
Die mangelnde Diversität im Hochschulsektor führt die Sprecherin gemeinsam mit dem Publikum nicht nur auf die strukturelle, sondern auch auf die emotionale Barriere zurück. Für Ausgrenzungen seien nicht nur die hierarchischen, veralteten Strukturen in den Institutionen verantwortlich, sondern auch das aus ihnen resultierende Gefühl, in der Gesellschaft nicht akzeptiert zu sein. „Das System akzeptiert keine Unterschiede. Politiken und formale Richtlinien werden ausschließlich als Nebelwand (smoke screen) verwendet“, schloss eine Stimme aus dem Publikum. Daher sei es wichtig, Gemeinschaften und Allianzen wie den BIPOC Circle zu bilden, denn „die Gemeinschaft braucht dich, um für dich selbst zu sorgen“, zitierte Alluri Angela Davis.
Dekolonisierung des Wissens als möglicher Lösungsweg.
Die Conclusio des Abends war, dass es unabdingbar sei, Wissen zu dekolonisieren und vom Eurozentrismus zu befreien. Momentan sind wir „wissenschaftlich europäische Köpfe“, so Alluri. In ihrem Abschlusskommentar bezog sich die Sprecherin auf den Artikel „Decolonising African Studies“. Dekolonisierung sei Widerstand gegen die Machtsysteme. Warum lesen wir manche Texte und andere nicht? Das Wissen, das repräsentiert wird und jenes, das ausgelassen wird, gehöre hinterfragt und miteinander konfrontiert.
Eine Dekolonisierung des Wissens könne nur auf vier voneinander abhängigen Ebenen passieren: a. strukturell b. epistemisch c. personell und d. relational. Strukturell meint eine Transformation der Institutionen und der politischen Systeme. Dafür ist die epistemische Ebene notwendig: Wissen ist „westlich“ und eurozentristisch. Dekolonisierung würde jedoch vielmehr bedeuten, die Pluralität unterschiedlicher Wissenssysteme anzuerkennen. Dritte Ebene ist die individuelle/persönliche, also das was ich in meinem Alltag mache, um Wissen zu dekolonisieren. Dennoch braucht es letztlich ein Kollektiv, um Wissen zu transformieren: es geht darum, wie wir zu anderen sprechen. Zusammenfassend müsse sich dekoloniale Praxis mit intersektionellen Unterdrückungen auseinandersetzen. Dies stärke die Solidarität und das kollektive Bewusstsein.
„Your silence will not protect you!” (dt.: “Dein Schweigen wird dich nicht schützen!“)
Gegen Ende der Veranstaltung versuchte Rina Alluri eine Erklärung dafür zu finden, warum Anstrengungen zur Dekolonisierung des Wissens bisher noch eine Nischenerscheinung sind. Dabei machte sie deutlich, dass es sehr herausfordernd sei, sich auf alle vier Ebenen zu begeben. Es brauche wirklich den Wunsch und auch den Willen, diese gezielt und bewusst anzupacken. Mit folgenden Worten schloss sie die Diskussion: „Ich denke, die lange Antwort ist, dass es keine lange Antwort gibt“.
Ihr abschließender Rat lautete: “Lest Audre Lorde immer wieder und immer wieder, und auch noch in zehn und in 20 Jahren!“
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Weiterführende Literatur und Links:
Über Rina Alluri (Universität Innsbruck): https://www.uibk.ac.at/peacestudies/alluri/about/
Zum Weiterlesen:
-Shose Kessi, Zoe Marks & Elelwani Ramugondo (2020): Decolonizing African Studies, Critical African Studies, 12:3, 271-282. https://doi.org/10.1080/21681392.2020.1813413
-Alluri, R.M. (2020).’Take Me As I Am’: Insights From the Second Generation Sri Lankan Tamil Diaspora in Switzerland”, in Vethanayagamony, P. (Ed). Tamil Diaspora: The scattering of Tamils around the world (New Delhi: Serials Publications).
-Audre Lorde (2017): Your silence will not protect you. London: Silver Press.
Posthume Sammlung von Essays, Reden und Gedichten in Englischer Sprache.
https://silverpress.org/products/your-silence-will-not-protect-you-by-audre-lorde
Zum Nachhören:
Lecture and discussion mit Rina Alluri am 12.07.2022 19:00-20:00 Uhr: Globale Dialoge – women on air – radio orange: https://noso.at/?p=7199
Titelbild © Frauensolidarität