Welche Rolle können und sollen nicht-staatliche Akteur*innen in der Bildung spielen? Dies war die Ausgangsfrage der Präsentation des UNESCO-Weltbildungsberichtes am 20. Jänner 2022. Organisiert wurde das Webinar von der Österreichischen UNESCO-Kommission, in Kooperation mit der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE). Neben Manos Antoninis, dem Direktor des Weltbildungsberichts, waren auch Vertreter*innen der NGO Action Aid, der Österreichischen Volkshochschulen, des Instituts für Höhere Studien, der Industriellenvereinigung und des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung geladen.
Was (nicht-) staatliche Bildung bewirken soll.
Zu Beginn lud Moderatorin Margarita Langthaler alle Teilnehmer*innen dazu ein, erste Einschätzungen zur Ausgangsfrage zu teilen. Nicht-staatliche Akteur*innen sollen Veränderungen einfordern, auf Lücken reagieren, Angebote ergänzen, Diversität bringen, und globales Denken fördern – so die Ergebnisse eines ersten Brainstorming-Prozesses. Aber wie sieht das in der Realität aus? Und gibt es regionale Unterschiede? Manos Antoninis betonte, dass es sehr schwierig sei, Schlussfolgerungen und Empfehlungen für alle Länder der Welt auszusprechen. Die von der UNESCO formulierten Empfehlungen, wie etwa die kostenlose Bereitstellung von 13 Jahren Schulbildung, seien ein Versuch, einen gemeinsamen Leitfaden zu finden. Gleiches gelte auch für die Sustainable Development Goals (SGDs). Das SGD Ziel Nummer vier fordert eine inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung, sowie die Förderung lebenslangen Lernens. Bei der Umsetzung dieser Ziele komme nicht-staatlichen Akteur*innen eine zentrale Rolle zu, so Antoninis. „Bildung ist ein wichtiges Gut, egal ob das Angebot im State- oder Non-State-Segment angeboten wird. Wir haben diese hohe Verantwortung gemeinsam. Denn Bildung prägt die nächste Generation, Bildung prägt Wirtschaft, aber Bildung prägt auch Gesellschaft:“, legte Doris Wagner vom Bundesministerium ihre Position dar.
Grundbegriffe aus Sicht der UNESCO.
Manos Antoninis präsentierte diverse Positionen zum Verhältnis staatlicher und nicht-staatlicher Bildung, die im Weltbildungsbericht als „Mythen“ klassifiziert wurden. Als erstes betonte er, dass die Unterscheidung öffentlich-privat ob der Heterogenität privater Bildungseinrichtungen nicht immer klar getroffen werden könnte. Nicht-staatliche Einrichtungen können – anders als oft angenommen ¬– ganz, oder zum Teil, vom Staat finanziert sowie verwaltet werden. Auch angesichts der Kosten gibt es klare Unterschiede: von sehr exklusiv bis hin zu gebührenfrei. Unterschiedlich zu bewerten sei auch das Thema einer vermeintlich besseren Ausbildung in Privatschulen. Im Globalen Norden ist das Bildungsniveau zwischen privaten und öffentlichen Institutionen meist gleich, und die jeweilige Wahl werde aus Präferenz- oder Prestigegründen getroffen. Im Globalen Süden hingegen gehen private Einrichtungen oft mit einem höheren Bildungsniveau einher. In diesem Kontext verwies Manos Antoninis auf die im Bericht als Mythos dargestellte Aussage, dass der private Sektor an der Privatisierung schuld sei. Vielmehr sei das Entstehen nicht-staatlicher Bildungsangebote in vielen Fällen auf Mängel, wie unzureichender Verfügbarkeit, Finanzierung und Qualität von öffentlichen Einrichtungen, zurückzuführen, so Antoninis.
Einblicke in den Globalen Süden: „Mit Privatisierung können wir das Problem des Bildungssektors nicht lösen.“
In Ländern des Globalen Südens ist der Anteil an nicht-staatlichen Akteur*innen im Bildungssystem meist sehr hoch. Das zeigen auch die Ergebnisse einer Studie der NGO Action Aid zur Primarschulbildung in Ghana, Kenia und Uganda. Maria Ron Balsera, welche die Forschungsgruppe leitete, beschrieb, wie in diesen Ländern der Privatsektor eher gegen das System arbeitet, anstatt es zu ergänzen. Der öffentliche Sektor ist stark unterfinanziert, Kinder haben keine eigenen Schreibtische und verschiedene Altersgruppen werden gemeinsam unterrichtet. All dies beeinträchtige die Qualität der Bildung und schaffe eine große Kluft zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Bildungseinrichtungen. Durch die schlechte Qualität sowie Verfügbarkeit seien Familien nahezu gezwungen, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken. Da diese meist mit hohen Gebühren verbunden sind, müsse entschieden werden, wem die Bildung finanziert wird. Mädchen und Kinder mit Behinderung würden dabei klar benachteiligt. Das starke Ausmaß an Privatisierung führe somit zu sozialer Ungleichheit. „Die Privatisierung sollte als Symptom gesehen werden, als Symptom dafür, dass die öffentliche Bildung nicht funktioniert. Sie sollte niemals als Lösung gesehen werden. Mit Privatisierung können wir das Problem des Bildungssektors nicht lösen“, fasste Maria Ron Balsera zusammen. Als möglichen Lösungsweg sieht sie die Erhöhung der Steuern für große Unternehmen, um mehr finanzielle Mittel für staatliche Bildung zur Verfügung zu haben.
Situation in Österreich: Das Panel fordert eine bessere Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor.
In Österreich ergibt sich ein sehr konträres Bild: nur 13% der Primar- und Sekundarschulen sind privat. Dazu zählen etwa kirchliche-, internationale-, und Waldorfschulen, die auch zum Teil staatlich finanziert sind. Lediglich bei Kindergärten, in der tertiären Bildung und der Erwachsenenbildung ist der Anteil nicht-staatlicher Akteur*innen höher. Insgesamt wurden diese in der Debatte jedoch als Bereicherung und wertvolle Erweiterung des öffentlichen Sektors gesehen. Vor allem der „Blick von außen“ durch Formate wie Teach for Austria wurde als sehr wertvoll eingestuft. Jene Diskutant*innen, die sich zur Situation in Österreich äußerten, unterstrichen die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Bildungseinrichtungen. Dabei wurde auch die Forderung nach einer gemeinsamen Regulierung und Qualitätssicherung aufgestellt. Die damit verbundene Zentralisierung dürfte und sollte dabei allerdings nicht eine gewisse Autonomie einschränken, betonte Christian Friesl von der Industriellenvereinigung. Er forderte Kooperationen von Bildungseinrichtungen mit der Landwirtschaft und lokalen Unternehmen. Auch im Bereich der Erwachsenenbildung gäbe es noch Potential, meinte Gerhard Bisovsky von den Österreichischen Volkshochschulen. Erwachsenbildung würde nicht nur mehr Bildung und Lebenschancen mit sich bringen, sondern auch Verständnis und Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen, eine Verbesserung des Gesundheitsbewusstseins, und vieles mehr vermitteln. Mehr Finanzierung sei notwendig, um die bestehenden Angebote ausbauen.
Globale Unterschiede und Defizite.
Die Veranstaltung hat darauf aufmerksam gemacht, wie unterschiedlich der Einfluss von nicht-staatlichen Akteur*innen in der Bildung eingeschätzt wird. Während sie in Ghana, Kenia und Uganda als ungleichheitsverstärkend wahrgenommen wurden, wurde ihre Rolle in Österreich von den Diskutant*innen als wertvolle Erweiterung betrachtet. Eine Verallgemeinerung dieser Ergebnisse auf Nord-Süd-Ebene ist allerdings kritisch zu betrachten. So können – wie am Beispiel der privatisierten, kostspieligen Universitäten der USA ersichtlich wird – nicht-staatliche Bildungseinrichtungen im Globalen Norden ebenfalls die Chancengleichheit vermindern. Wie Lorenz Lassnigg (IHS) betonte, dürfe auch die regionale Komponente (Stadt-Land) innerhalb von Ländern nicht übersehen werden. Diese Differenzen könnten mehr Auswirkung auf die Bildung haben als die Tatsache, ob Einrichtungen öffentlich oder privat sind. Aktuell müssen auch noch die Folgen der Corona-Pandemie berücksichtig werden. Je nachdem wie lange Schulen geschlossen waren, und ob es die technischen Möglichkeiten zur Fernlehre gab, kann sich der Bildungsstand verschiedener Länder und Regionen verschlechtert haben. Daraus ergibt sich das Problem, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich nochmals verstärkt.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Zum Bildungsbericht 2021/22
Zur Studie von ActionAid
Titelbild © UNESCO