Auf Spurensuche Paulo Freires: Chancengleichheit durch Ganztagsschule?

Was würde Paulo Freire zu ganztägiger Bildung sagen? Wie wirken seine Ideen nach? Anlässlich des 100. Geburtstags von Paulo Freire setzte sich Kira Funke, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität zu Köln, in ihrem Vortrag „Mit Paulo Freire auf dem Weg zur inklusiven ganztägigen Bildung“ mit diesem Schulkonzept auseinander. Im Rahmen des Tagungsschwerpunktes „School, Literacy, Equality“ (dt.: Schule, Alphabetisierung, Gleichberechtigung) beschäftigte sie sich mit Bildung und Lernen aus Sicht von Paulo Freire.

Lehren erfordert, Schüler*innen gerne zu haben.

„Paulo Freire war seiner Zeit voraus“, erklärt Kira Funke und bezieht sich darauf, dass Freire allgemeine Unsicherheiten in seinen Ideen mitgedacht hat. Diese Unsicherheiten zeigen sich in Form von Gefühlen, die für die persönliche Entwicklung der Schüler*innen eine große Rolle spielen. Nach Freire sind diese Gefühle wichtig für die Beziehung zwischen Schüler*innen und Lehrenden. Erst die emotionale Ebene ermögliche ein dialogisches Verhältnis des ‚gemeinsamen Lernens‘. Damit wird den Schüler*innen eine neue Rolle zugewiesen – die des Subjekts. Während sie davor nur Objekt waren, sollen sie jetzt gemeinsam mit den Lehrenden den Unterricht mitgestalten. So wird ermöglicht, generative Themen im Unterricht zu bearbeiten – also Themen, die die Schüler*innen aus eigenem Interesse und persönlichen Erlebnissen bewegen. Kira Funke betont, dass auch im formalen Bildungswissen dieses persönliche Erfahren eine Rolle spielen und gesehen werden muss. Gleichzeitig brauchen aber auch die Lehrenden einen kontinuierlichen Reflexionsprozess, bei dem die eigene Erkenntnis hinterfragt werden soll. Der Moderator Joachim Dabisch von der Paulo Freire Kooperation Oldenburg, hebt hervor, dass nach Freire erst die Reflexion der eigenen Erkenntnis zum Lernen führt. Freire bezeichnet diesen Prozess als „bewusste Reflexion“. Sein situativer Ansatz stelle genau diesen Dialog und das Bewusstwerden der eigenen Position in den Mittelpunkt, den es für einen sozialen Lernprozess benötige, so Dabisch.

Eindrücke aus Brasilien.

Um die Ideen Paulo Freires besser verstehen zu können, erzählt Kira Funke von ihren eigenen Erfahrungen im Rahmen einer Forschungsreise nach Brasilien. Sie erlebt in Freires Bildungsprojekten großes persönliches Engagement der Schulbeteiligten. Das zeigt sich in Form bunt gestalteter Schulen. Funke lernt was es heißt, die Schulräumlichkeiten auch außerhalb des Unterrichts nutzen zu können. Während in deutschen Schulen vorwiegend Anonymität zu finden sei, setzen die nach Freires Ideen konzipierten Schulen auf das ‚Gesehenwerden‘ jedes einzelnen Mitglieds der Schulgemeinschaft – und so wird etwa jeder Geburtstag gemeinsam gefeiert. Aber auch Paulo Freire selbst wird hier nach wie vor geehrt.

Ein Anspruch auf Ganztagsbildung.

Kira Funke vergleicht das Erlebte mit ihren Eindrücken aus Deutschland: Zwar gibt es dort ab dem Jahr 2026 für jedes Kind einen Anspruch auf einen Schulplatz in einer Ganztagsschule. Dieser Anspruch wird in der Kinder- und Jugendhilfe verankert sein. Würde es aber nach Kira Funke gehen, dann wäre Bildung mehr als nur Schule. Sie setzt auf ein erweitertes Bildungsverständnis, bei dem die Persönlichkeitsentwicklung im Fokus steht und die Ganztagsbildung auf die Kinder zugeschnitten und optimiert sein muss. Wie aber kann dies gelingen? Um Bildung und Erziehung so zu gestalten, dass diese sinnvoll für die Kinder ist, muss es gemäß Funke einen aktiv gestalterischen Zugang geben. Kinder müssen wertgeschätzt werden und es braucht inklusive Strukturen und Praktiken. Das bedeute gleichzeitig hohe Anforderungen an Schulen und pädagogische Fachkräfte, was angesichts des Mangels an Lehrpersonal und finanzieller Mittel schwer umsetzbar sei.

Die Dekonstruktion gegenwärtiger Ganztagsbildung.

„Es ist Aufgabe der Fachkräfte, ein gemeinsames Bildungsverständnis zu etablieren und ein Konzept für Alle zu entwickeln“, fordert Kira Funke. Das heißt aber auch, die Sicht der Kinder mit aufzunehmen. Für junge Menschen sei es wichtig, positive Peer-Erfahrungen zu sammeln, einen ruhigen Ort zum Lernen, ein entspanntes soziales Klima um sich zu haben und ihren Lernort mitgestalten zu können, zählt Funke auf. Der Ort Ganztagsschule wird damit geöffnet zu einem Natur- und Sozialraum – einem Ort, an dem Kinder gerne lernen, im Dialog mit den Lehrenden. Eine offene Ganztagsbildungseinrichtung soll ein Raum sein, an dem gleichzeitig gelebt und gelernt und nicht nur erzogen wird: Ein Platz, an dem sich alle gleichmäßig einbringen können und wohlfühlen.
Im Anschluss an den Vortrag öffnete Funke den Raum für die Diskussion. Eine Frage bezog sich dabei auf die strukturellen Schwierigkeiten in Österreich, durch die das Konzept von Ganztagsschulen aufgrund der mangelnden Finanzierung, aber auch unzureichender Ausbildung noch fragmentiert sei. Dabei ist der Ansatz der Ganztagsschule ein wichtiger Schritt in Richtung Bildungsgerechtigkeit. Allen Kindern könnte dieselbe Möglichkeit geboten werden, das Bildungsangebot ganztags wahrzunehmen, Hausaufgaben schon in der Schule zu erledigen und unter Aufsicht von Fachpersonal an individuellen Stärken und Schwächen zu arbeiten. Durch Kira Funkes Vortrag wurde klar, dass das aktuelle Statusgefälle in Deutschland und Österreich überwunden werden muss, um allen Kindern die gleichen Bildungschancen bieten zu können.

Mit Paulo Freire in den Zoo.

Von praktischen Erfahrungen berichteten Daniela Schlienger und Stefan Meyer in ihrem an Kira Funke anschließenden Vortrag, bei dem sie ein Alphabetisierungsprojekt in einem Kindergarten vorstellten. Die Kinder sollten dabei Begriffe aus dem Themenbereich ‚Zoo‘ entwickeln, nach der Alphabetisierungsmethode von Paulo Freire. So solle der Einstieg in die schriftliche Sprache erleichtert werden. Schlienger erzählt von der Herausforderung, sich ganz nach Freire von der Rolle der Lehrenden zu distanzieren und viel-mehr Teil der Kindergruppe zu werden. „Befreiende Alphabetisierung nach Paulo Freire revolutioniert den Unterricht und die Lehrer*innenausbildung, und sie ist sehr wirkungsvoll“ sagt Stefan Meyer über seine Motivation hinter dem Projekt. Genau dieses ‚in den Dialog gehen‘ hob auch Kira Funke in ihrem Vortrag hervor und machte einmal mehr deutlich, wie wichtig emanzipatorische Ansätze in Lehrer*innenausbildungen seien. Durch diese soll deutlich gemacht werden, dass nicht mechanische Wiederholungen von Gesten sondern ein Verständnis für den Wert der Gefühle, Emotionen, Wünsche und Unsicherheiten wichtig für den persönlichen Lernprozess ist. Das sei relevant für die persönliche Entwicklung der Schüler*innen und damit diese lernen, Zusammenhänge richtig zu erfassen.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

Zur Tagung „100 Jahre Paulo Freire – Solidarität in der globalen Gesellschaft
Stefan L. Meyer-Baumgartner: Literacy im Kindergarten nach Paulo Freire

Titelbild © flickr, creative commons

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit.